„Nichts wie raus?!“

Impuls zu Lk 24,13-35 am 3. Sonntag der Osterzeit 26.04.2020

„Gott sei Dank dürfen wir wenigstens noch raus…“. So sagen die meisten. So geht es auch mir, wenn ich meine Runde drehe. „Gott sei Dank, ist es bei uns nicht so wie in Italien, in Frankreich oder Österreich, geschweige denn New York. Wenn wir schon nicht im Straßencafé in der Sonne sitzen können, oder gemütlich im Garten mit Freund*innen grillen, unsere Kinder nicht in Schulen und Kitas können – wir dürfen wenigstens noch raus. Gott sei Dank!“ Wie schlimm wäre es bei diesem Wetter, bei dem herrlichen Sonnenschein und dem blühenden und strahlenden und sonnig-warmen Frühling in den eigenen vier Wänden sitzen zu müssen. Also mir fällt ja sowieso immer ziemlich schnell die Decke auf den Kopf. Auch wenn es überall heißt: „Zu Hause bleiben!“ – Mit Abstand und alleine, oder höchstens zu zweit ist das ja auch gar kein Problem: „Nichts wie raus!“

„Raus!“. Nicht sitzen bleiben in Trauer, Angst, Resignation, Ohnmacht. Nein die beiden bleiben nicht gelähmt und frustriert zurück. Die anderen verstecken sich in vermeintlich sicheren Häusern. Vergraben sich in ihrem Schmerz. Die beiden nicht. Ja, es hat schon etwas von Flucht: Weg von diesem Kreuz der Schande. Weg von ihren enttäuschten Hoffnungen. Nichts wie fort: Jesus ist tot. Da gibt es nichts zu ändern. Mit ihm ist ihre Hoffnung, ihr Glaube, ihr Vertrauen gestorben. Tot ist tot. Hier können sie nicht weiter leben. Vielleicht irgendwo anders. Vielleicht gibt es einen Neuanfang irgendwo, wo sie niemand kennt und wo noch nie jemand was von Jesus gehört hat. Am besten die ganze Geschichte zusammen mit Jesus vergessen und begraben. – So wäre es vielleicht weitergangen, wenn da nicht der andere dazu gekommen wäre. Der mit ihnen gegangen ist. Der gefragt hat und zugehört und dann – nach so manchen gemeinsamen Schritten, nach dem vielen Fragen und Hören – angefangen hat zu erklären: Musste dies nicht alles so kommen…

Ich kapier’s ja auch nicht. Wer schön, wenn da jemand mit mir läuft, einfach so dazu kommt. Sicherheitsabstand zwei Meter. Klar. Aber reicht ja zum Reden, zum Erzählen, zum Fragen, zum Zuhören. Wenn er oder sie mir dann eine Spur legen könnte wie in all dem Unsinn ein Sinn zu finden ist – wenn man es mit anderen Augen, mit Osteraugen sieht, oder aus anderer Perspektive... - Dieses Eingesperrt sein. Dieses nur in Gedanken, über komische Video-Clips oder live-gestreamt sich nahe sein können. Oder übers Telefon, wenn doch ein Besuch im Krankenhaus viel wichtiger wäre. Warum dieser Virus kein Erbarmen kennt und am wenigsten dort, wo es eh schon gnadenlos zugeht.

Aber da läuft niemand neben mir. Ab und zu kommt mir jemand entgegen. Oder ich überhol die eine oder den anderen. Kurzes Stehenbleiben. Ein Hallo und „wie geht’s?“. Wenigstens das dürfen wir noch. Gott sei Dank! Mehr als so kurze Gespräche im Vorübergehen und auf Abstand sind es ja nicht. Nichts Tiefschürfendes. Nichts Sinnerhellendes. Nichts Frommes. Aber wenigstens die Freude jemand zu sehen. Manchmal nur der freundliche Blick in die Augen. Ein Erkennen und Wissen umeinander, das da in einem Augen-blick aufflackert. Nähe und Mut: „Nur Mut in allem und trotz allem. Gut, dass wir einander haben – und wie auch immer: Gott ist mit uns unterwegs…“ Das ganze letzte halbe Jahr, seit den Sommerferien hab ich es mit meinen Drittklässlern gesungen, mit den Erstkommunionkindern in jedem Gottesdienst. Jetzt muss ich es halt tatsächlich auch mal glauben: „Gott ist mit uns unterwegs…“

Ab und zu kommt mir jemand entgegen und schenkt mir eine Ahnung, nur einen kurzen Augenblick lang: „Gott ist mit uns unterwegs…“ Immer noch. Trotz alle dem. Vielleicht gerade deswegen. Mein Unverständnis ist nicht weggeblasen. Mein Kopfschütteln bleibt. Mein Schreien und Klagen, wenn ich von unseren Geschwistern im Kongo höre, oder in Peru, oder die Bilder aus Indien, die Massengräber von Bergamo und Manhattan … Nein, es ist überhaupt nicht alles gut. So schnell wird auch nicht alles wieder gut. Der Weg ist weit. Vielleicht viel weiter als nach Emmaus und zurück. Aber keine und keiner von uns ist allein. Menschen sind mit mir unterwegs, die mich spüren lassen: Gott ist mit uns unterwegs. Bei uns. In uns. Zwischen uns. Mir näher als der eigene Herzschlag. Das tut gut – auch wenn nicht „alles“ gleich gut wird. Ich bin nicht verloren. Längst gefunden, wenn ich immer noch ohne Sinn und Orientierung am Suchen bin. Längst bin ich schon gefunden.

Die beiden Freunde wissen es vielleicht nicht. Aber sie spüren es ganz tief in sich drin. „Dass der dazu gekommen ist, das hat jetzt doch einfach nur getan. Das wollen wir noch ein bisschen genießen. … - Bleibe bei uns!“ Wenigstens zum Essen. Das gehört doch dazu. Wie die Rast auf einer Bergtour, oder das gemeinsame Abendessen nach der ausgiebigen Wanderung. Bei einem einfachen Essen und einem guten Schluck Wein nochmal die Bilder und Eindrücke des gemeinsamen Tages vorüberziehen lassen, einander erzählen. Ohne das, würde doch was ganz Wichtiges fehlen. Da macht Jesus mit. Da ist er dabei. Er macht sich nicht aus dem Staub. Auch jetzt nicht, wo er doch schon alles erklärt hat. Er bleibt – und bricht mit ihnen das Brot. Erst dann gehen ihnen wirklich die Augen auf…

Brot brechen… damit es mehr ist als „daran glauben“, mehr als mit dem Verstand daran festhalten. Damit es wirklich zu spüren, zu schmecken und auch mit dem Herzen zu begreifen ist: Gott ist wirklich mit uns unterwegs. Er ist bei und bleibt bei uns. Das tut uns unendlich gut – gerade, wenn wir äußerlich auf Abstand gehen müssen. Und wie das Brot sich in unserem Körper zu Energie und Kraft wandelt, so schenkt uns dieses Brot auch Kraft und Energie und Leben: Brot brechen! Nicht nur unter uns zwischen uns und für uns. Vor allem für andere. Für jene, die hungern und dürsten nach Brot und Wasser, nach medizinischer Versorgung, nach Beatmungsplätzen, nach Arbeit, nach Gemeinschaft, nach Angenommen und Verstanden-werden, nach Leben in ihrem täglichen Überlebenskampf.

Raus gehen, miteinander unterwegs sein, so wie es halt geht - und dann Brot brechen… In der Kirche klappt das mit dem Brot brechen im Moment nicht. Mit keiner Art von Gottesdienst. Aber zu Hause können wir das tun. So wie es die Freundinnen und Freunde Jesu in der Zeit nach Emmaus auch getan haben: Miteinander am eigenen Tisch von Jesus erzählen, zu Gott beten, ihm danken und bitten, klagen und ihn loben, einander von den eigenen Gefühlen, Sorgen, Nöten, Ängsten, Hoffnungen und Freuden erzählen, vielleicht sogar singen und dann miteinander Brot brechen und zusammen essen. Brot brechen gegen alles Zerbrechen in dieser Welt… und ich spüre ganz tief in mir drin: „Gott ist mit uns unterwegs!“

Georg Lichtenberger

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IMPULS
3. Sonntag der Osterzeit 26.04.2020 Impu
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Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 2,42-47)

Impuls zur Lesung

Die Gläubigen hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.

Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.

Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.

Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.

Brot…

…kann nicht zerbrechen. Zumindest sieht dies unsere deutsche Sprache nicht vor. Ein Krug kann zerbrechen. Glas sowieso. Freundschaft kann zerbrechen, Beziehungen auch. So manches geht in die Brüche. Brot kann nicht zerbrechen. Brot kann nur gebrochen werden. Vielleicht liegt es daran, dass gebrochenes Brot zum Markenzeichen für Jesus geworden ist. Er der am Kreuz vor den Augen der Welt Hingerichtete, Gebrochene, Zerstörte - mit ihm ist es genauso wie mit Bort: Er kann nicht zerbrochen werden. Seine Liebe ist nicht zerbrechlich. Sie teilt sich wie Brot. Mit offenen Händen. Von ganzem Herzen. Gebrochenes Brot ist geteiltes Brot. Jesus ist geteiltes Leben, geteilte Hoffnung, mit-geteilte und aus-geteilte Liebe ohne Ende. Stärker als der Tod. Brot kann nicht zerbrechen. Die Jünger in jener Herberge in Emmaus haben eine Ahnung davon. Genauso wie die ersten Freundinnen und Freunde Jesu, von denen es heißt, dass sie in ihren Häusern das Brot brachen und miteinander Mahl hielten…

 

Brot der Erinnerung…

Wenn man so um den Tisch sitzt und miteinander ein Stück Brot isst und einen Schluck Wein trinkt, dann kommt man schon mal ins erzählen. „Weißt du noch…?“ Den Freundinnen und Freunden Jesu ist es bestimmt genauso gegangen. Sie brachen Brot und tranken einen Schluck Wein und begannen zu erzählen von dem was sie mit ihm erlebt hatten. Von seinen Worten habe sie erzählt. Von dem wie er zu anderen Menschen war und wie er von Gott erzählt hat. Und wie sie so erzählen, da wird es ihnen ganz warm ums Herz und ihre Augen beginnen zu leuchten. Manchmal ist es ihnen dann als ob Jesus selbst bei ihnen wäre, wenn sie Brot brechen und in seinem Namen versammelt sind und sich erzählen, was ihnen von ihm noch im Herzen steckt.

Brechen Sie Brot… Diese Coronazeiten bedienen – so kommt es mir vor – in manchen Bereichen eine „Reset“-Taste: Alles auf Anfang. Nochmal von vorne. Geht natürlich nicht. Auch diese schwierige Zeit schaffte es nicht, dass wir nochmal ganz von vorn beginnen können. Aber unser wenigstens daran erinnern. Damals haben Menschen in ihren Häusern, ihren Wohnungen Brot gebrochen. Sie haben miteinander geteilt und sind ins Erzählen gekommen. Wenigstens das können wir ja auch tun. Mal in aller Ruhe um den Tisch sitzen. Eine Kerze anzünden und dann einfach Brot miteinander teilen. Und wenn jede und jeder ein wenig still vor sich hin gekaut hat, dann steigen vielleicht Erinnerungen in unserem Herzen auf, oder gute Gedanken. Dinge, die uns tief bewegen. Dinge, die wir erlebt haben. Manches, dass uns unter die Haut gegangen ist und wichtig geworden. Vielleicht erzählen wir uns sogar davon, was uns an Jesus, an seinem Leben, seinen Worten, seiner Botschaft und überhaupt am Glauben beeindruckt, fasziniert, wertvoll und wichtig ist. Wenn dann unsere Augen strahlen und unsere Herze zu glühen beginnen, dann geht es uns vielleicht ganz ähnlich wie seinen Freundinnen und Freunden damals: Es ist uns so, als ob Jesus bei uns wäre. Zwischen uns. In uns. Nicht zu fassen. Nicht zu begreifen. Aber sehr wirklich…! Brechen Sie dieses Brot. Gerade – aber nicht nur! – jetzt in diesen „Coronazeiten“. Ich halte es für durchaus möglich, dass Jesus dann genauso nahe bei ihnen ist, wie sonst in der Kirche… Und wenn wir dann wieder in der Kirche zusammenkommen, zum Feiern, zum Hören auf Jesus und zum Brechen des Brotes – was haben wir uns dann nicht alles zu erzählen?!

Bis dahin ist es uns Brot der Stärkung… das wir dringend brauchen. Wir brauchen diese liebende Erinnerung an Jesus und seine Nähe gerade jetzt in diesen Zeiten. Wenn wir spüren, dass so vieles zerbrechlich ist und verwundbar. Wenn Nähe fehlt und eine klare Perspektive. Wenn wir nicht wissen, was Morgen sein wird und gilt: Brot brechen. Wenn es sein muss alleine zu Hause. Mich stärken lassen: Jesus bricht Brot mit uns. Ist uns selbst Lebens-mittel. Bort der Stärkung.

In Zukunft – Brot brechen

Damit es nachher nicht so weiter geht wie vorher. „Corona“ hat beides an den Tag gebracht. Wie gemein wir Menschen sein können, wenn selbst auf der Kinderstation einer Krebsklinik Desinfektionsmittel geklaut wird und im Kampf ums Klopapier sich irrwitziger Egoismus ungehemmt Bahn bricht. Aber auch das andere: Wie Menschen unermüdlich füreinander da sind. Buchstäblich das letzte Hemd geben. Pfleger*innen in unseren Heimen und Krankenhäusern, Verkäufer*innen in unseren Supermärkten, Freiwillige, die einkaufen… Ja, das ist Gott sei Dank doch auch sehr sichtbar in diesen Tagen: Wir können Brot zu brechen und unser Leben teilen, damit andere nicht zerbrechen müssen. Wir sind fähig zu teilen. Wir sind fähig unsere Herzen zu öffnen. Ich hoffe, dass wir alle von den Pfleger*innen und Verkäufer*innen, von Ärzt*innen und so vielen anderen lernen. Ich hoffe und wünsche, dass die Mächtigen in dieser Welt von ihnen lernen. Dass wir alle miteinander von Jesus lernen: Es ist möglich Brot zu brechen. Es ist möglich zu teilen. Es ist möglich eine Kultur der Solidarität in dieser Welt und in unserem Wirtschaften zu etablieren. Jesus hört nicht auf Brot zu brechen. Brot, das niemals zerbrechen kann. Er hört nicht auf sich selbst auszuteilen, damit wir alle miteinander teilen lernen und das große Brotbrechen gegen alles Zerbrechen in dieser Welt niemals aufhört…

Georg Lichtenberger

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Lesung und Impuls
2. Sonntag der Osterzeit 19.04.2020 Impu
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Impuls zu Ostern 2020 (Joh, 20,10-18)

Es ist aber auch zum Heulen. Da steht sie nun die Maria von Magdala vor dem leeren Grab. Nicht genug der tiefen Trauer, Erschütterung, des bleiernen Schmerzes über diesen Verbrechertod des geliebten Meisters. Nun kommt auch noch die Verwirrung dazu: Wo ist er nur? Das Grab ist leer. Leer ihr Herz, ihr Kopf, all ihre Sinne. Es dreht sich alles. Sie sucht nach Halt und greift ins Leere - traurig und verwirrt.

 


Es ist aber auch so manches zum Heulen in diesen Zeiten. Vor allem für jene, die in diesen Tagen trauern, natürlich auch für jene, die unter Krankheit leiden und für jene, die sich um geliebte Kranke Sorgen machen. Klar – Corona. Aber auch die anderen Krankheiten haben nicht aufgehört. Es gibt Chemotherapie und Operationen, Leben zwischen Hoffen und Bangen und Verzweiflung in unseren Kliniken und in unseren Wohnungen und Häusern, besonders dann wenn Angehörige nicht besuchen und begleiten dürfen. Kaum auszuhalten. Zum Heulen auch sonst so einiges in dieser Welt. Weil immer noch Kriege toben und Menschen auf der Flucht sind, weil es Hunger gibt und Not und Elend. So stehen so manche mit dieser Maria an den Gräbern ihres Lebens – heulend, traurig und verwirrt.

 

Aber immerhin steht sie da am Grab. Sie ist nicht sitzen geblieben. Nicht versteckt in der eigenen Kammer, nicht vergraben in ihrem Schmerz. Sie ist aufgestanden. In aller Frühe. Sie hat sich auf den Weg gemacht. Raus. Wenigstens zum Grab. „Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein…“ Sich in die Grabkammer hinein beugen. Schritte ins Dunkle wagen. Dorthin gehen, wo es ganz schwierig wird und eng, in die Nacht, in die Ungewissheit, in meine eigenen Abgründe, Zweifel, Sorgen, Ängste. Ich glaube damit beginnt Ostern.

 

Klar ich kann auch sitzen bleiben. In der leeren Kirche. Tut mir ab und zu ja auch ganz gut. Aber manchmal sitze ich auch jammernd und klagend dort. Die Kirche ist ja nicht erst in und durch diese Coronazeiten leer und immer leerer. Diese Zeit führt es nur nochmal zwangsläufig deutlich vor Augen: Unsere Kirchen werden immer leerer. Da kann ich also drin sitzen bleiben und jammern und klagen und mich bei den furchtbaren Zeiten, der gottlosen Gesellschaft, der unglaubwürdigen Kirche, bei den nichtsnutzigen Pfarrern oder sonst jemand beschweren. Hilft alles nichts. Ich bleibe sitzen in meinem Elend bis ich begreife: Auferstehung hat etwas mit aufstehen zu tun…

 

Seit Beginn der Einschränkungen durch den Coronavirus vergeht kaum ein Tag an dem ich nicht wenigstens eine Stunde raus gehe. Spazieren. Inzwischen stellt sich bei mir schon vor dem Spazierengehen eine gespannte Neugier ein: Wen ich wohl heute treffen werde? Weil ich treffe immer jemanden. Leute, die ich kenne oder nur vom Sehen kenne, oder gar nicht kenne und die mich trotzdem ansprechen: „Sind Sie nicht der Pfarrer?“ Manchmal entspinnt sich dann – natürlich mit gehörigem Corona-Sicherheitsabstand – ein Gespräch, das mir einfach gut tut. Oder ich habe das Gefühl: „Das war jetzt aber mal nett“, oder mir geht das eine oder andere noch nach, beschäftigt und bewegt mich. Klar, jetzt habe ich Zeit für diese eine Stunde am Tag Spazierengehen. Aber wieviel habe ich eigentlich Tag für Tag versäumt, wenn ich mir diese Zeit nicht genommen habe?

 

Sie meinte, es sei der Gärtner – die gute Maria von Magdala. Und ich meine manchmal es ist doch nur eine Spaziergängerin, oder die Verkäuferin im Supermarkt, oder ein alter Mann, oder ein kleines Kind, oder der oder jene, den und die ich schon ewig lang kenne. Dann ist es mir aber ab und zu doch so, dass ein Wort, ein Blick, eine Geste mir so richtig unter die Haut geht. Manches trifft mich so ins Herz, als ob jemand so ganz ohne Vorwarnung und aus heiterem Himmel heraus meinen Namen sagt. Kennen Sie das? Also mich berührt das dann immer ziemlich tief. Ich bin gemeint. Das geht zu Herzen. Ein Wort, ein Blick, ein Gespräch, eine Geste, die gut tun, neues Leben schenken, eine Perspektive eröffnen, mir Beine machen, mich hoffen lassen, dafür sorgen, dass mir Augen und Herzen aufgehen. Versäume ich alles, wenn ich traurig klagend, vor mich hin schimpfend im herrgottsleeren, toten Winkel der Kirche sitzen bleibe. Stimmt vielleicht wirklich: Auferstehung hat etwas mit aufstehen zu tun.

 

Wo ist eigentlich Galiläa? Bei Johannes nicht, aber in allen drei anderen Evangelien lässt Jesus durch die Frauen, die ersten Zeuginnen der Auferstehung!, seinen Jüngern ausrichten, dass er voraus nach Galiläa geht und sie nachkommen sollen. Wo ist eigentlich Galiläa? Natürlich genügt ein Blick auf die Landkarte, die ja in jeder guten Bibel hinten drin ist. Wenn nicht kann ich es googeln. Aber dann hab ich Galiläa immer noch nicht gefunden. Ich glaube das Galiläa das Jesus meint, ist nicht auf der Landkarte zu finden. Ist bestimmt kein Ort wie jeder andere auch. Galiläa ist dort, wohin Jesus unterwegs ist. Ich finde, es spricht einiges dafür, dass Jesus nach seiner Auferstehung dort zu finden ist, wo er auch vor seiner Auferstehung zu finden war. Bei den Kranken, bei den Ausgeschlossenen, bei denen, die aus vielen Wunden bluten, bei den Kleinen, den Armen, den Trauernden…

 

Das mit dem angeblich „ungläubigen“ Thomas ist für mich persönlich auch so eine Auferstehungs-Mutmach-Geschichte. „Wenn ihr mir schon nicht glaubt, wenn es euch schwer fällt mich zu finden und auf mich zu vertrauen, dann legt doch bitte Eure Finger in die Wunden. Berührt die Wunden dieser Welt. Geht dorthin wo die Verwundeten zu finden sind, in euren Familien, in euren Städten, in euren Wohnhäusern, an euren Arbeitsplätzen. Wenn ihr mich finden wollt, dann bleibt nicht sitzen. Auch nicht in euren Kirchen. Schon gar nicht klagend und schimpfend. Berührt liebevoll die Wunden eures Lebens, eure eigenen und die eurer Welt, eurer Mitmenschen – dort werdet ihr mich finden…dort ist Galiläa.

 

Der Gekreuzigte ist der Auferstandene und der Auferstandene bleibt der Gekreuzigte. Anders ist Jesus nicht zu haben und nicht  zu glauben. Kein Ostern ohne Karfreitag. Aber auch kein einziger Karfreitag ohne Ostern! Es ist die Liebe Jesu die sich ganz verschwendet und uns so alles schenkt, die uns auf die Füße stellt, die uns Beine macht, die uns aufbrechen lässt, die uns hilft ihn zu finden sogar und gerade in den Wunden unseres Lebens, es ist die Liebe, die stärker ist als der Tod. Wo die Liebe ist, ist Gott. Ubi caritas et amor – Deus ibi est! Dass es so für Sie Ostern wird – zwangsläufig ohne feierlichen Gottesdienst, den auch ich schmerzlich vermisse! – dass es für sie Ostern wird in Ihrem Leben, das wünsche ich Ihnen allen von ganzem Herzen!

 

Georg Lichtenberger

 

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Ganz anders…

(Impuls zu Mt 21-1-11 zum Palmsonntag 05.04.2020)

Ganz anders als an anderer Stelle. Da kommt der Messias sonst ja schon mal auf den Wolken des Himmels daher. Mit Pauken und Trompeten. Mit Glanz und Gloria. Und jetzt? Auf einem Esel... Nichts gegen Esel. Aber das sind keine Schlachtrösser. Mit denen ist kein Staat zu machen und kein Krieg zu gewinnen. Esel taugen, wenn sie nicht gerade mal wieder störrisch sind, am besten als Lasttiere. Natürlich nicht für die feinen und teuren Güter. Feine Stoffe und Tücher, Gewürze und alles was sonst noch recht und teuer ist, das wird in langen Kamelkarawanen durch die Wüste transportiert. Esel nimmt man für das Gröbere. Zum Bauen vielleicht, oder für die Landwirtschaft, höchstens noch für den Oliventransport oder für die Arbeit im Weinberg.

Ganz anders… also dieser Jesus. Kein mächtiger Kriegsherr vor dem die Welt erzittert. Keiner, der auf Kosten von anderen mächtig ist. Kein herrschaftlicher König ganz weit oben vor dem ich buckeln muss und mich klein machen. Er kommt auf einem Esel daher. Eher auf Augenhöhe. Ich sehe ihn fast bescheiden und auch etwas verschmitzt lächeln: Ja, so ist das, wenn Gott mächtig ist in dieser Welt. Dann trägt er Lasten. All das was Menschen belastet und klein macht. Ängste, Sorgen, Versagen, Schuld, Ohnmacht, Krankheit, Trauer, Leiden unter Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Hunger und Leben müssen in Gewalt und Krieg – alles, was Menschen jemals belasten und drücken kann – das trägt Gott. Noch besser: Er trägt uns Menschen selbst. Jeden. Dich und mich. So ist Gott in dieser Welt. Und außerdem richtet er Menschen natürlich auf und er richtet sie nicht hin. Er schlägt keine Schlachten, sondern führt Menschen zusammen. Er verabscheut den Krieg und macht Mut zur Versöhnung. Er liebt das Leben und nicht den Tod! Für diesen Gott zieht Jesus nach Jerusalem ein. Auf einem Esel. Ich glaube auf dem reitet er auch für alle, die unter Lasten stöhnen, für alle, die geplagt sind von Sorgen, Ängsten und Nöten. Er reitet für die Kinder in den Trümmerstädten von Syrien, für die Mutter aus Äthiopien, die nicht weiß wie sie ihre hungernde Familie durchbringen kann, für die alte Frau in Kinshasa, mit Corona infiziert, aber kein Geld für den Arzt und erst recht nichts fürs Krankenhaus. Für all die reitet Jesus auf seinem Esel und zeigt: Genau für diese Menschen schlägt das Herz Gottes.

Ganz anders… ist es mir geworden als ich die Nachricht vom Tod Bruder Martins gehört habe. Ich bin geschockt und traurig. Er war für mich die Präsenz, die Gegenwart Afrikas in unserer Stadt. Er hat uns von Problemen und Nöten seiner Heimat erzählt und mit ihm konnte man über Ursachen und unsere Mitschuld, aber auch über Chancen und Möglichkeiten reden, wie mit kaum einem anderen. Vor allem habe ich sein Lachen im Ohr und es schwingt in meiner Seele nach. So richtig von Herzen, befreiend und ansteckend konnte er lachen. In diesem Lachen lag die Liebe zum Leben, die Hoffnung, die Lebendigkeit, die Freude trotz aller Probleme und Nöte eines ganzen Kontinents. Unentwegt hat er unter uns getrommelt für sein Land, für die Menschen Afrikas – aus dem tiefen Glauben an Gott heraus, dessen Kinder wir alle sind. Den Takt und den Rhythmus dieser Liebe Gottes hat er unter uns geschlagen – unfassbar, dass er nun so früh gehen musste… Wenn ich nun an Jesus denke, wie er auf seinem Esel in Jerusalem einzieht, dann sehe ich auch Menschen wie Bruder Martin neben ihm hergehen – mit Jesus unterwegs für seinen Frieden und für seine göttliche Menschlichkeit.

Ganz anders… als wir wollen, müssen wir uns in diesen Tagen verhalten. Es ist ja nicht nur, dass wir uns die Tasse Kaffee in der Frühlingssonne drunten in der Stadt verkneifen müssen, oder das erste Bier im Biergarten, oder das Eis auf der Wiese im Park. Viel schlimmer: Zuneigung und Liebe müssen wir durch Abstand ausdrücken, statt durch Nähe. Gerade zu jenen, die uns am meisten bedeuten und am Herzen liegen müssen wir den größten Abstand halten. Distanz statt Nähe, Rückzug statt Berührung, Kopfnicken aus der Ferne statt Umarmung – Gegensätze, die mir nicht leicht fallen und das Leben schwer machen. Widersprüche wie Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Heiß und Kalt, Nah und Fern, Hier und weg, Leben und Tod…

Ganz anders… geht es für Jesus weiter. Wir wissen es: Der Jubel verhallt schnell. Begeisterung wird zu Hass. Sehenden Auges reitet Jesus in all das hinein. Wenn einer um die Widersprüche des Lebens weiß, dann er. Er lässt sich festnageln auf seine Liebe, die andere befreit. Er geht zu Boden und richtet selbst da noch andere auf. Er erspart sich nichts, kein menschliches Leid, keine Not, keine Einsamkeit, keinen Schmerz, um in all dem bei denen zu sein, denen es ähnlich geht. Er erspart sich nichts, um für uns alles zu gewinnen. Seine große Liebe behält er nicht für sich, sondern gibt sich in ihr so hin und verschwendet sich in ihr, so dass wir leise erahnen können: Diese Liebe ist stärker als der Tod….

Ganz andere… als uns ging es damals Dietrich Bonhoeffer in seinem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und ihrer grausamen Unmenschlichkeit. Aber seine Worte und Gedanken helfen mir auch heute. Am Gründonnerstag sind es auf den Tag genau 75 Jahre, seitdem er ermordet wurde. Er schreibt einmal: Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen…in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt… „Teilbekommen an der Weite des Herzens Christi…“ – darum geht es für mich ganz besonders in der Karwoche. Mit Jesus ein weites Herz bekommen, es ganz weit aufmachen für jene, die jetzt besonders leiden, auch unter uns. Die Gottesdienste dazu fehlen in diesem Jahr sehr schmerzlich. Auch mir. Aber unsere Kirchen sind offen. Das Kreuz liegt vor dem Altar. Wir können uns erinnern und wir dürfen unsere Lasten, Sorgen, Ängste, Zweifel dort ablegen.

Ganz anders… wird dann an Ostern die Kirche aussehen. Ich freue mich auf blühende Äste und Blumen, die ausdrücken, was wir feiern: Uns blüht das Leben und nicht der Tod… Ich freue mich auf die Osterbotschaft und das Osterfeuer, das auch in diesem Jahr brennen wird. Ich freue mich auf die Osterlieder, die wir etwas einsamer, aber trotzdem hoffentlich nicht weniger von Herzen singen werden. … aber erst mal will ich neben Jesus herlaufen und neben dem Esel, der ihn trägt. Seine Wege mitgehen, so gut ich kann und in allem mein Herz ganz weit machen. Am liebsten mit Ihnen – so wie es im Moment eben gerade geht...

„Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“, sind die letzten Worte Bonhoeffers, von denen wir wissen. Auch in diesem Sinne möchte ich in dieser Woche neben Jesus hergehen, zusammen mit Dietrich Bonhoeffer und Bruder Martin und mit allen, die sich gerade so ziemlich am Ende fühlen, im festen Glauben, dass für Gott gerade darin die Chance des Anfangs liegt – vielleicht auch für uns...

Pfarrer Georg Lichtenberger
E-Mail: georg.lichtenberger@kath-pforzheim.de

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(Impuls zu Mt 21-1-11 zum Palmsonntag 05.04.2020)
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Superstar ?

5. Fastensonntag

Jesus Christ Superstar! Der Sieger! Der Champion! Der Coolste der Coolen! Der Beste! Der Größte! – Ist es das was mir das Johannesevangelium gerade sagen möchte? … Jesus, der den schon halbaverwesten Lazarus aus dem Grab holt.Jesus, der Tote lebendig macht. Er macht das Unmögliche möglich. Wenn nichts mehr geht, geht bei ihm immer noch alles…. Wirklich der absolute Superstar, oder?

Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe…Da liegt er dann selbst auf dem Kreuz und wird aufgehängt am Marterpfahl der Schande. Da ist auch er am Ende. „Anderen hat er geholfen, jetzt soll er sich gefälligst selbst helfen…“ Und der Lazarus ist dann ja auch irgendwann wieder gestorben, sonst würde er ja noch heute leben. Also doch kein Superstar. Wenigstens keiner für die Autogrammjäger und die Casting Shows. Eher einer von uns. Genauso zerbrechlich. Genauso verletzlich, wie wir das zurzeit so heftig zu spüren bekommen. Genauso mit seinem Latein am Ende, wie ich nur allzu oft. Und der soll alles können? Der soll sogar die Schmerzgrenze des Todes durchbrechen? Leise Zweifel sind da wohl durchaus angebracht….

„Presente!“ – dieses Wort aus dem Impuls von Markus Schütz zum Gedenktag des Hl. Erzbischofs Oskar Arnulfo Romero aus El Salvador vom Beginn dieser Woche hallt immer noch in mir nach. So ist das in Südamerika und es geht mir unter die Haut und jagt mir einen Schauer über den Rücken, wenn ich dran denke: Wenn im Gottesdienst der Verstorbene genannt wird dann ruft die ganze Gemeinde lautstark: „Presente!“ – Anwesend! Hier und jetzt! Da! - Oskar Romero – „presente“, anwesend, hier und jetzt, da! – Miguel de Santa Cruz – „presente“, anwesend, hier und jetzt, da! Emma Meier – „presente“, hier jetzt, da! - Jesus von Nazareth – „presente“, hier und jetzt, da, anwesend! – Ganz egal was ich von ihm halte: Supermann oder Verlierer, König oder am Kreuz Gescheiterter – Jesus von Nazareth: „presente!“. Er ist einfach da. Auch wenn er damals in Bethanien scheinbar zu spät kommt: Gerade, dass er den Lazarus dann immer noch aus dem Grab ruft schreit es doch in die ganze Welt hinaus, oder flüstert es mir ganz leise ins Herz: „Ich bin doch da, anwesend, presente! Auch wenn ihr es nicht spürt. Auch wenn ihr es nicht glauben wollt. Ich bin da. In euren Gräbern und euren Tränen, in euren Zweifeln und Hoffnungen, in euren Träumen und bitteren Enttäuschungen. Ich bin da. Und dass ich da bin, liebend da bin, immer für euch da bin – das zieht sogar dem Tod den Stachel. „Presente!“

Und wer fehlt? Nicht nur weil heute der Misereor-Sonntag ist. Schon die letzten Tage ist es mir manchmal so durch den Kopf und durchs Herz gegangen. Klar: Wir sitzen alle vor der Coroana-Krise wie die Schlange vor dem Ei. Hören gar nichts mehr anderes, sehen gar nichts mehr anderes, als die neuesten Zahlen, die aktuellen Prognosen, haben Angst und drehen uns nur noch um den Virus und seine Folgen. Mehr als verständlich. So was hatten wir noch nie. Ich muss – wir alle müssen – wohl Tag für Tag lernen damit umzugehen – und das fordert unsere volle Konzentration und Aufmerksamkeit.

Trotzdem: Was ist eigentlich mit den Menschen, die vor zwei Wochen noch an der Türkisch-Griechischen Grenze fest saßen? Oder an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien? Was ist mit den Flüchtlingsströmen dort? Hat der Krieg Corona-Pause? Und all die anderen Kriege und Konflikte? Und die Menschen auf Lesbos oder Samos? All jene, die vielen in Afrika, Asien, Südamerika, die zum Leben zu wenig und zum Sterben gerade noch so zu viel haben? - Oder die Leute hier, die an der Armutsgrenze leben, denen jetzt vielleicht noch ein Lohn fehlt, oder mehr? – „Presente!“ Sie sind alle da. Hier und jetzt, anwesend auf dieser Erde. Sie leben mit uns. „Presente!“ – für sie ist Jesus da, anwesend mit seiner großen Liebe – presente!

Sie fehlen mir. Du und Du und Du - und Du auch – Sie alle fehlen mir! Ich bin kein Typ fürs Büro und den Computer. Eine Stunde, höchstens zwei. Dann muss ich wieder raus. Jemanden treffen. Mit jemanden reden. Mir fehlen Begegnungen, Gespräche, gemeinsam Ideen spinnen. Besuche bei denen, die es brauchen, fehlen mir und sogar Sitzungen und Konferenzen – und Gottesdienste. Ja, gemeinsam mit Ihnen Gottesdienst feiern, das fehlt mir sehr!!! - Das empfinde ich fast schon als brutal und schmerzhaft. Jeden Tag sitze ich zurzeit eine Viertel-/ Halbestunde – manchmal länger, manchmal kürzer – in der Kirche. Ich kenne ihre „Stammplätze“. Ich weiß ja wo Sie sitzen. Egal ob in St. Elisabeth, Liebfrauen, Würm, Huchenfeldoder Büchenbronn…. Ich schau nach drüben zu den kleinen Stühlen am kleinen Tisch. Unsere Kinderecke. Gesichter fallen mir ein. Kleine Menschen und große Menschen. Unsere Erstkommunionkatechetinnen, die Sprecherinnen von unserem Gemeindeteam, jene die sich für Brunch und Kindergottesdienste stark machen. Frauen, - es sind ja viele Frauen, vor allem Frauen, die unsere Gemeinde ausmachen und unsere Kirche tragen! - fallen mir ein. Klar auch Männer, Gesichter von Jugendlichen tauchen vor meiner Augen auf, und von Ehepaaren, die heiraten wollen, von Eltern, die ihr Kind zur Taufe bringen, von glücklichen und traurigen Menschen, ihre Gesichter sind in meinem Herzen. Die Bänke bleiben leer. Presente? Anwesend? Hier? Jetzt? Da?

„Herr, wärest Du hier gewesen…“, klagen Marta und Maria unisono. Aber vielleicht ist es gerade das, was Jesus uns sagen will, uns ins Herz flüstert: Ich bin ja da. Anders als ihr denkt. Nicht als der Retter in der Not. Nicht als Held. Nicht als Champion. Nicht als Superstar. Ich bin einfach da und mehr noch: Ich bin immer für euch da. Mit einer Liebe, die eure Fragen mit euch fragt, die eure Zweifel teilt, die eure Ängste kennt. Mit einer Liebe, die sich niemals aus dem Staub macht. Die leise ist, wenn billige Lösungen laut werden.. Die mit euch hinabsteigt in eure Abgründe und eure Dunkelheit mit euch aushält. Ja: Presente! Ich bin da im Todesgeruch dieser Welt und eures Lebens. Da gehe ich mitten hinein und mit euch mitten hindurch. Langsam, aber sicher. Presente! Ich bin da. Ich bin für Euch da. An jedem Tag. Egal was kommt!

Ich spüre: So wie ich die Menschen fühle, die in der leeren Kirche ja körperlich gar nicht da sind - und doch irgendwie neben mir sitzen, auf ganz ähnliche Weise gilt dieses: „Presente! Ich bin da! Hier. Jetzt. Anwesend! Für Euch da!“ - Ich spüre auch: Dass ich dieses „Presente!“ glauben kann, darauf setzen und bauen kann – davon hängt ganz schön viel ab. Verlieren wir einander nicht aus den Augen und nicht aus dem Herzen, wie auch Gott uns nicht aus seinem Herzen verliert. – Auch in diesem Sinne einen guten Sonntag und eine gute neue Woche, in der Sie spüren: Presente! Gott ist da und Menschen, die wir vermissen, die sind auch da: „Presente! Hier, jetzt, anwesend!“

Pfarrer Georg Lichtenberger
E-Mail: georg.lichtenberger@kath-pforzheim.de

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