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"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein."

Sagte einst Albert Einstein. Und ich muss gestehen, dieses Zitat fällt mir immer ein, wenn biblische Bilder von Schafen und Hirten die kirchliche Wirklichkeit beschreiben wollen. Es will niemand im einsteinschen treudoofen Sinne ein Schaf sein.

 

Und dann auch noch immer dieses Mitleid… Jesus hat Mitleid mit dieser Masse an Schafen, wenn im Tagesevangelium erzählt wird, wie die Jünger und er nicht mal Zeit zum Essen fanden und sich daher zur Erholung an einem einsamen Ort ausruhen wollten. Doch „man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als Jesus ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.“ Mk 6,33-34.

Aber halt, es wird ja nicht gesagt, dass die Menschen Schafe sind, sondern, dass sie wie Schafe sind, die keinen Hirten haben.

Und sie sind ja tatsächlich in Gefahr, die Schafe, wenn sich der Hirte nicht um sie kümmert. An vielen Stellen wird es in der Bibel deutlich: der Hirte ist ein Kümmerer, im Einsatz für alle. Mit seinen Fähigkeiten gibt er der Herde das, was sie zum Überleben braucht.

Denn sie brauchen Nahrung, die Schafe, nicht nur 35 Stunden die Woche. Dazu laufen sie weite Strecken wofür die Beine gesund sein sollten. Gegen Klauenfäule wird ein guter Hirte die Klauen seiner Schafe schneiden und baden. Schafe sind ohne Schutzmaßnahmen vielen Raubtieren ausgeliefert. Die kleinen, die kranken, die verirrten – sie alle brauchen jemand, der nach ihnen sieht und zur Not auf die Suche nach ihnen geht. „Es ist kein Vorteil für die Herde, wenn der Schäfer ein Schaf ist“, sagte einst Goethe. Auch wenn sich die Widder eine Position in der Herde erkämpft haben, so nutzen sie diese für ihre Position gegenüber den Rivalen um die Auen, nicht, um die Herde anzuführen. Der Hirte hat den Überblick, was man von einer Schafherde nicht oft behaupten kann. Dort drängt sich alles zusammen, kuschelt, um das eigene Wohlbefinden und vor allem die Sicherheit zu behalten, auch wenn die Richtung vielleicht gar nicht gut ist.

Und dann gibt es die, die sich Hirten nennen, es aber nicht sind. Der Prophet Ezechiel beschreibt die Herrschenden, die nur sich selbst weiden und nicht die Herde, die das Volk auspressen und allein lassen. Deshalb ist der richtige Hirte Gott selbst (Ez 34,11): Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern.

 

Kein Wunder, dass die Schaf- und Hirtenbilder zahlreich und vielsagend in der Bibel dargestellt sind. Es gibt eben Analogien.

 

Aber, das unterscheidet uns von den Schafen: wir brauchen mehr als Nahrung und Schutz vor Wölfen. Wir brauchen auch mehr als körperliche Gesundheit, auch wenn sich im Moment alles um Viren dreht, die keiner haben mag.

Wir brauchen einen Ort, an dem wir aufatmen können, an dem wir unseren Blick erheben können und Hoffnung Raum gewinnen kann. Wir brauchen eine Aussicht auf unserer Suche nach Heil. Die Welt ist größer. Und es ist noch mehr da als diese Welt. Der weite offene Himmel über uns; unendlich weit, aber wir sind nicht verloren. Und wir brauchen es, immer wieder einmal, für einige Momente zu vergessen, wohin die Herde uns treiben will. Wir sind schließlich mehr als ein "tadelloses Mitglied."

Zum 6.Februar 2021, Tobias Gfell

tobias.gfell@kath-pf.de

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