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Lesungen und Impuls am Sonntag (4. Sonntag im Jahreskreis B 31.01.2021)

Lesung aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 18,15-20)

Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören. Der HERR wird ihn als Erfüllung von allem erstehen lassen, worum du am Horeb, am Tag der Versammlung, den HERRN, deinen Gott, gebeten hast, als du sagtest: Ich kann die donnernde Stimme des HERRN, meines Gottes, nicht noch einmal hören und dieses große Feuer nicht noch einmal sehen, ohne dass ich sterbe. Damals sagte der HERR zu mir: Was sie von dir verlangen, ist recht. Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm gebiete. Den aber, der nicht auf meine Worte hört, die der Prophet in meinem Namen verkünden wird, ziehe ich selbst zur Rechenschaft. Doch ein Prophet, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden, dessen Verkündigung ich ihm nicht geboten habe, oder der im Namen anderer Götter spricht, ein solcher Prophet soll sterben.

Aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth (1Kor 7,32-35)

Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet.


Aus der frohen Botschaft nach Markus (Mk 1,21-28)

Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.

In ihrer Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien. Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der

Heilige Gottes. Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!

Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle

und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.


Impuls

Hin und her gerissen... ob der Besuch bei den Eltern jetzt geht, oder doch lieber jetzt noch nicht. Ob wir wieder zu Gottesdiensten zusammenkommen sollen, oder eben gerade nicht. Hin und her gerissen Mütter und Väter in der kleinen Dreizimmerwohnung mit den beiden Kindern. Das eine eigentlich im Kindergarten, das andere in der Grundschule. Im Moment aber alle vier zu Hause im „Homeoffice“. Genervt. Angespannt, weil das eine Kind die Hausaufgaben machen sollte und mit dem anderen gespielt werden muss, gleichzeitig aber das „Homeoffice“ ja trotz allem wartet. Hin und her gerissen zwischen und Hoffen und Bangen ältere Menschen, die nachts um zwölf vor dem Computer sitzen und verzweifelt versuchen sich einzuloggen und irgendwie doch mal einen Impftermin zu bekommen...

Hin und her gerissen... dieser Mensch in der Synagoge von seinem Dämon. Da brauche ich den Teufel nicht an die Wand zu malen, mit Satanismus oder Exorzismus kommen. Das Leben ist manchmal höllisch genug, um nachvollziehen zu können, wie es diesem Mann wohl geht. Manchen in der Synagoge ging es vielleicht ähnlich. Könnte ja sein, dass das was dem Dämon oder den unreinen Geistern da in den Mund gelegt wird, ihre eigenen Gedanken sind: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Was willst du von uns? Willst du uns ruinieren? Wer bist du überhaupt? Du hast nicht studiert. Du bist nicht gebildet. Du hast keine Beauftragung von Synagoge oder Kirche. Du kommst einfach daher und tust so als ob du der Heilige Gottes wärest. Du störst uns. Du bringst alles durcheinander. Du verunsicherst uns. Du gehst uns auf die Nerven...“

Hin und her gerissen, weil das Leben im Moment und überhaupt oft genug einfach so ist. Hin und her gerissen, ab und zu auch von Jesus selbst. Vielleicht gehört oft genug auch beides zusammen. Nicht weil uns Gott eine furchtbare Krankheit als Strafe geschickt hätte. Aber weil er in all dem bei uns ist. Und wenn er bei uns ist und bei uns bleibt, dann ist er mit uns doch auch in all dem unterwegs. Vielleicht hat er darin sogar einen Weg, den wir entdecken und gehen können. Oder wenigstens ein Geländer zum Festhalten. Oder eine Perspektive der Veränderung für mich, für uns und diese Welt.

Die Kollegin erzählt mir von dem Mann, denn sie in einer unserer offenen Kirchen trifft. „Er ist so dankbar und froh“, hat er gemeint, „dass wenigstens unsere Kirchen offen sind. Das tut so gut, einfach mal rein zu sitzen, nichts denken und nichts machen müssen, einfach da sein, zu sich selbst zu kommen, ein Kerzchen anzünden und beten,“ Ähnlich geht es der Krankenschwester, die auf dem Weg nach Hause einfach mal fünf Minuten in der Kirche durchschnauft. Oder dem Mann der beim Radfahren oder Joggen anhält – „die Kirche ist ja offen. Gut so!“ Auch wenn ich, und wahrscheinlich wir alle, unsere Gottesdienste sehr vermissen – so ein Augenblick in der Kirche, wie ihn diese Menschen erfahren, der kann doch mindestens genauso tief gehen, genauso wertvoll und fromm sein, wie der noch so feierliche, lebendige und schönste Gottesdienst. Mindestens. Göttliche Unterbrechung in allem Rennen und Hasten und in allem Hin und Her Gerissen sein.

Bei Jesus werden Menschen ruhig. Was uns hin und her reißt muss sich verabschieden. Und dann wird manches einfacher, eindeutiger, klarer. Eine neue Perspektive stellt sich ein. Oder wenn ich so die Kerzen anschaue, oder die Bilder in der Kirche sehe, dann merke ich, dass ich auch endlich aufhöre mich nur um mich selbst zu drehen. Es gibt ja auch noch andere. In meiner Familie. In unserer Gemeinde, in dieser Stadt. Oder Menschen aus Peru, Haiti oder dem Kongo fallen mir ein, mit denen ich hier schon Gottesdienst gefeiert habe. Überhaupt: Die vielen schönen Gottesdienste und die Menschen, die dabei waren. Auf einmal ist so eine tiefe Verbundenheit da und Gemeinschaft. Obwohl ich allein in der Kirche sitze, sind die Bänke auf einmal voll und mein Herz auch. Menschen sind da. Gott ist da. Ich auch. Das tut einfach gut...

Klar, es gibt die Augenblicke, wo ich traurig bin, dass auch in diesem Jahr wohl vieles nicht geht, was in den letzten Jahren so toll war. Ich vermisse Berge und Meer in Irland oder in Mallorca. Aber dann bin ich auch froh und dankbar, dass ich die Bilder in mir habe. Farben, Ausblicke auf einem Spaziergang, einer Wanderung, die Weite des Meeres, das Gefühl auf einem Stein am Meer zu sitzen und die Zeit und die ganze Welt steht still... Schön, dass ich diese Bilder in mir habe. Welch ein Privileg, dass ich das alles schon erleben durfte! Dankeschön! Erinnerungen tun dann nicht weh, sondern geben mir Kraft und Halt und öffnen wieder mein Herz. In der Kirche, oder beim Spazierengehen, beim Blick aus dem Fenster, oder beim Blättern in alten Fotos. Menschen sind da. Gott ist da. Ich auch und die herrliche Welt um mich herum und ich mitten drin. Tut einfach gut...

Ab und zu erreicht mich dann auch ein Wort, das ich höre oder lese ganz anders als sonst. Am letzten Donnerstag ist es mir so gegangen. In den Tageslesungen ist der Hebräerbrief dran. Mit dem hab ich sonst eher Schwierigkeiten. Also bin ich neugierig: „Lasst uns aufeinander achten“, lese ich, „und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen,“ Schlicht und einfach denke ich mir. Um nichts anderes geht es doch in all dem, was uns zurzeit hin und her reißt: Aufeinander achten, aufeinander achtgeben, gut aufpassen auf den oder die andere – und auf uns selbst! Nicht aufhören uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen, nicht aufhören einander einfach gut zu tun: Unseren Erstkommunionkindern und ihren Eltern – einfach gut tun. Unseren Jugendlichen, die sich auf die Firmung vorbereiten – einfach gut tun. Den Älteren unter uns – einfach gut tun. Dazu braucht es ein bisschen Fantasie. Ja, klar. Aber so viel ist möglich. Schlicht und einfach steht es da: „Lasst uns aufeinander achten und zur Liebe und zu guten Taten anspornen...“

Die Leute haben damals ziemlich staunen müssen, was für eine Kraft da von Jesus ausgeht und wie das Leben eine neue Richtung bekommt und Menschen bei Jesus zur Ruhe kommen und andere ganz unruhig werden, weil sie spüren wie manches einfach einengt und quält und fesselt. Ein klein bisschen von dem erahnen in unseren offenen Kirchen, oder in Erinnerungen, oder wenn wir spüren, eigentlich ist es ganz einfach: Auf einander achten und auf uns selbst - und einander einfach gut tun. Dass wir staunen können, uns ab und zu provozieren lassen und diese Augenblicke der Nähe, in denen ich runter komme und neue Kraft schöpfe, die wünsche ich Ihnen und uns allen, auch – und gerade dann – wenn wir ab nächstem Sonntag wieder miteinander Gottesdienste feiern.

Georg Lichtenberger


Pfr. Georg Lichtenberger

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