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Auf den zweiten Blick

Wenn man sich etwas mit christlicher Ikonographie auskennt, dann erkennt man sofort: Mittelalterliche Buchmalerei, Stillung des Sturmes auf dem See Gennesaret:

 

Die Jünger, die mit Jesus in der Nacht auf dem See Gennesaret unterwegs sind, geraten in einen Sturm. Sie bekommen es mit der Angst zu tun. Und mittendrin Jesus: er schläft. Als die Jünger ihn aufwecken, tadelt er ihren Kleinglauben und gebietet dem Sturm Einhalt. (Mk 4, 35-41)

 

Erst beim zweiten Blick auf dieses Bild, das vor etwa 1000 Jahren von einem Mönch der Insel Reichenau in das Hitda-Evangeliar gemalt wurde, fällt einem das Besondere auf:

 

Der Künstler hat die aufgewühlte, bedrohliche See gar nicht dargestellt. Sie kommt gar nicht vor. Vielmehr überrascht das Boot – es ist ein Seeungeheuer. Die eigentliche Gefahr geht also nicht von den Naturgewalten aus. Die Natur ist wie sie ist, schenkt und nimmt Leben

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Die Bedrohung, der Dämon, das ist die Art und Weise, wie wir mit den Unwägbarkeiten des Lebens umgehen. Das Problem, das den Rahmen sprengt, ist die Angst in uns, dass wir auf uns allein gestellt sind, dass Gott nicht existiert und es keinen Halt und keine Orientierung gibt.

So wie die Jünger ganz unterschiedliche Charaktere und Typen sind, so zeigt sich diese Angst auf unterschiedliche Weise: als blinder Aktionismus, als apathische Resignation, im Nichtwahrhabenwollen des Offensichtlichen oder in einem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis.

Aber die Jünger sind nicht allein. Sie haben Jesus mit im Boot. Ganz nah. Ansprechbar. Um ihres "Kleinglaubens" willen bringt er zur Ruhe, was ihnen panische oder lähmende Angst macht. Sein Schlaf und sein beeindruckendes Aufstehen gegen den Sturm sind ein Angebot des Vertrauens: Vertraut euch dem Auf und Ab des Lebens an, den hellen und den dunklen Zeiten. Vertraut der Liebe Gottes, die größer ist als die Launen der Natur.

Gerade in Zeiten wie diesen, in denen wir ganz beklemmend die Unwägbarkeiten des Lebens zu spüren bekommen, kann ein zweiter Blick die mutmachende Botschaft eröffnen.

Georg Hauser, kath. Schuldekan

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