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IMPULS ZUR LESUNG AM 28. JANUAR 2021 (GEDENKTAG DES HEILIGEN THOMAS VON AQUIN)

Ich liebte die Weisheit mehr als Gesundheit und Schönheit (Weish 7, 7-10.15-16)

7 Ich betete, und es wurde mir Klugheit gegeben; ich flehte, und der Geist der Weisheit kam zu mir.

8 Ich zog sie Zeptern und Thronen vor, Reichtum achtete ich für nichts im Vergleich mit ihr.

9 Keinen Edelstein stellte ich ihr gleich; denn alles Gold erscheint neben ihr wie ein wenig Sand, und Silber gilt ihr gegenüber so viel wie Lehm.

10 Ich liebte sie mehr als Gesundheit und Schönheit und zog ihren Besitz dem Lichte vor; denn niemals erlischt der Glanz, der von ihr ausstrahlt.

15 Mir aber gewähre Gott, nach meiner Einsicht zu sprechen und zu denken, wie die empfan- genen Gaben es wert sind; denn er ist der Führer der Weisheit und hält die Weisen auf dem rechten Weg.

16 Wir und unsere Worte sind in seiner Hand, auch alle Klugheit und praktische Erfahrung.

 

Unter Weisheit verstehen wir heute primär theoretisches, intellektuelles Wissen, Denken und Er- kennen und theoretische Vernunft. Weisheit wird als ein Instrument verstanden, die Ordnung der Welt rational in den Griff zu bekommen und beherrschen zu können.

In der Weisheitsliteratur der Bibel, zu der neben dem Buch der Weisheit die Bücher Ijob, Sprüche, Kohelet, Jesus Sirach, Tobit und Teile der Psalmen gezählt werden, findet sich jedoch ein anderes Verständnis von Weisheit. Lebenserfahrung, naturkundliches Wissen, handwerkliche, juristische oder politische Kenntnisse (vgl. V. 16) bilden zwar die Grundlage, zur Weisheit werden sie aber nur bei dem Menschen, der gut damit umzugehen weiß. Grundlage einer reflektierten Weisheit in die- sem Sinne ist die Gottesfurcht, d.h. das Wissen und die Einsicht in die Begrenztheit des Menschen, das Vertrauen auf die Macht Gottes und ein Verhalten, das seinen Geboten entspricht. Diese Weis- heit kann man nicht selbst erschaffen, sondern nur von Gott erbitten (vgl. V. 7); zugleich ist sie allen anderen Gaben vorzuziehe

n (vgl. VV. 8-10).

 

Mit dieser Vorstellung von Weisheit unterscheidet sich die jüdische Weisheitsliteratur von anderen Weisheitslehren, z.B. denen der klassischen griechischen Philosophie. Andererseits ist das Buch der Weisheit, das vermutlich um die Zeitenwende oder im ersten Jahrhundert nach Christus in der jüdischen Diaspora in Alexandria inmitten einer hellenistisch geprägten Umwelt entstanden ist, ein interessantes Beispiel für die Verbindung zwischen griechischer Gedankenwelt und biblischer Tradition. Deshalb passt der Lesungstext auch so gut zum heutigen Gedenktag für den Heiligen Thomas von Aquin.

Thomas von Aquin, geboren am Beginn des Jahres 1225 auf Schloss Roccasecca bei Aquino, gestorben am 7. März 1274 im Kloster Fossanova, war ein italienischer Dominikanermönch, ein bedeuten- der Philosoph und Theologe und einer der wichtigsten Kirchenlehrer. Er hinterließ ein sehr umfangreiches Werk, das das theologische Denken bis heute wesentlich beeinflusst. Sein bleibendes Verdienst ist es, den scheinbaren Widerspruch zwischen der Philosophie des Aristoteles, die von der Erfahrungswelt und der darauf aufbauenden Erkenntnis ausgeht, und dem von Augustinus vertre- tenen Prinzips der Gotteserkenntnis durch Glauben aufgehoben zu haben. Er argumentierte, dass das Licht der Vernunft und das Licht des Glaubens beide von Gott kämen und daher einander nicht widersprechen könnten.

Von Aristoteles hat Thomas von Aquin die Unterscheidung zwischen der Substanz, d.h. dem eigent- lichen und unveränderlichen Seienden, und den sogenannten Akzidenzien, den veränderlichen Ei- genschaften wie Anzahl, Größe, Verhältnis zueinander usw. übernommen. Diese Gedanken überträgt er auf das Geschehen in der Eucharistie: Bei der Wandlung bleiben die äußerlichen Eigenschaften (Akzidenzien) von Brot und Wein, wie z.B. die chemische Zusammensetzung, dieselben, wäh- rend sich das eigentlich Seiende (Substanz) in den Leib und das Blut des auferstandenen Christus verwandelt. Das bedeutet aber auch, dass ich das wahre Geschehen bei der Eucharistie niemals erfassen kann, wenn ich an dem Äußerlichen „hängenbleibe“.

Thomas von Aquin hat nicht nur umfangreiche philosophische Schriften verfasst, sondern auch den Hymnus Adoro te devote. In der deutschen Übertragung von P. Steiner (Gotteslob Nr. 497) heißt es in der zweiten Strophe:

Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir,
doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.
Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an;
er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.

Das wahre Geheimnis der Eucharistie können wir zwar nie vollständig erfassen, aber nur im Glau- ben, nicht aber im „Begreifen“, können wir uns ihm nähern.

Unter den aktuellen Bedingungen der Pandemie sind wir alle aufgerufen, unsere Kontakte zu be- schränken. Präsenzgottesdienste und insbesondere der Kommunionempfang wegen der damit verbundenen körperlichen Nähe sind mit schwer abschätzbaren Ansteckungsrisiken verbunden. Wer deshalb auf den Empfang der Kommunion und die Teilnahme an Präsenzgottesdiensten verzichtet, empfindet dies vielleicht zunächst als einen herben Verlust. Im Lichte der Gedanken des Thomas von Aquin betrachtet erkennen wir aber, dass eine rein geistliche, schauende Kommunion auch die Chance bietet, ganz neu und ohne Ablenkung von Äußerlichkeiten zu erfahren, was die Worte Jesu Christi Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut und Tut dies zu meinem Gedächtnis bedeuten.

Stephan Rist, Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim

stephan.rist@gmx.de, Telefon 07231 468556

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Stephan Rist
20210128 Ich liebte die Weisheit me hr a
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