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Das warnende Beispiel der Wüstengeneration Israels (Hebr 3,7-21)

Foto: Stephan Rist ©
Foto: Stephan Rist ©

7 Darum beherzigt, was der Heilige Geist sagt:

Heute, wenn ihr seine Stimme hört, 8 verhärtet nicht eure Herzen wie beim Aufruhr am Tag der Versuchung in der Wüste!

9 Dort haben eure Väter mich versucht, sie haben mich auf die Probe gestellt und hatten doch meine Taten gesehen, 10 vierzig Jahre lang. Darum war mir diese Generation zuwider und ich sagte: Immer geht ihr Herz in die Irre. Sie erkannten meine Wege nicht.

11 Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht in das Land meiner Ruhe kommen.

12 Gebt Acht, Brüder und Schwestern, dass keiner von euch ein böses, ungläubiges Herz hat, dass keiner vom lebendigen Gott abfällt, 13 sondern ermahnt einander jeden Tag, solange es noch heißt: Heute, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet wird; 14 denn an Christus haben wir nur Anteil, wenn wir bis zum Ende an der Zuversicht festhalten, die wir am Anfang hatten.


Was hat die Schwarzriesling-Traube vom Dietlinger Klepberg wohl mit der Tageslesung aus dem Brief an die Hebräer zu tun? Das mag sich mancher denken, der diesen Impuls zur Hand nimmt. Aber genauso rätselhaft wie das Bild ist der Text selbst. Was ist mit dem Aufruhr am Tag der Versuchung in der Wüste gemeint? Und welche Generation ist es, die dem Heiligen Geist zuwider war?

Es gibt Texte in der Bibel, die zunächst mehr Rätsel aufgeben, als dass sie eine Weisung sind. IhrenSinn erfasst man erst, wenn man die Hintergründe und Zusammenhänge kennt. Diese zu erschließen mag anstrengend und manchmal vielleicht auch entmutigend sein, wenn man sich eine schnelle Antwort auf eine aktuelle Fragestellung aus der Tageslesung erhofft. Andererseits führt das zum Lösen des „Rätsels“ erforderliche Nachforschen und Nachdenken auch dazu, dass sich die Erkenntnis daraus tiefer ins Gedächtnis einprägt und nachhaltiger wirkt.

Etwa die Hälfte des Lesungstextes, nämlich die Verse 7b bis 11, besteht aus Zitaten aus dem Psalm 95 (Ps 95,7-11). In diesem Psalm ist die Rede davon, dass das Volk Israel die Verheißung des gelobten Landes angezweifelt habe und den Herrn damit auf die Probe gestellt, also versucht habe.

Eine dieser Versuchungen ereignete sich bei der im Buch Numeri geschilderten Erkundung des verheißenen Landes (Num 13,1-33). Was war da geschehen?

Der Herr hatte das Volk der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten befreit und durch das Rote Meer geführt. Am Berg Sinai hatte sich der Herr den Israeliten geoffenbart und einen Bund mit seinem Volk geschlossen. Unter der Führung von Mose waren die Israeliten weitergewandert und standen nun an der Grenze des verheißenen Landes Kanaan. Auf die Weisung des Herrn sandteMoses zwölf Männer aus, je einen Vertreter aus jedem Stamm, um das Land zu erkunden und von seinen Früchten mitzubringen. Und tatsächlich kamen die Männer in ein fruchtbares Tal, in dem sie eine Weinranke mit einer Traube abschnitten, die so groß war, dass sie sie zu zweit auf einer Stange tragen mussten.

Nach vierzig Tagen kamen sie zu Mose und den Israeliten zurück, präsentierten die Früchte und berichteten, dass es sich wirklich um ein Land handele, in dem – wie vom Herrn verheißen - Milch und Honig fließen. Kaleb, der Vertreter des Stammes Juda, und Josua, der Vertreter des Stammes Efraim, plädieren aufgrund dieser Fakten dafür, das Land in Besitz zu nehmen. Die anderen zehn Kundschafter zeigen sich jedoch als Bedenkenträger und warnen davor, in das verheißene Land hineinzuziehen. Und sie verbreiteten bei den Israeliten ein Gerücht über das Land, das sie erkundet hatten, und sagten: Das Land, das wir durchwandert und erkundet haben, ist ein Land, das seine Bewohner auffrisst; das ganze Volk, das wir in seiner Mitte gesehen haben, ist von riesigem Wuchs(Num 13,32). Diese Falschinformationen haben eine fatale Wirkung. Das Volk Israel verweigert Mose die Gefolgschaft, will neue Anführer wählen und verlangt allen Ernstes, dass der Weg wieder zurückführen soll in die Knechtschaft Ägyptens.

Der Verfasser des Briefs an die Hebräer wendet sich an eine Gemeinde, die nach anfänglicher Begeisterung für die Botschaft Jesu Christi von Glaubenszweifeln befallen ist. Für sie, deren Glauben „in den Kinderschuhen“ steckengeblieben ist, erscheint die Gemeinschaft mit Gott unerreichbar zu sein. Die Erzählung von den Israeliten, die das offensichtliche Heilsangebot des Herrn ausschlagen, soll ihnen als warnendes Beispiel dienen. Mit dem aus dem Psalm 95 übernommenen Begriff der „Verhärtung des Herzens“ wird eine Haltung charakterisiert, bei der die Angst vor dem Neuen und die Anhänglichkeit an das Althergebrachte im Vordergrund stehen, so dass die „Zuversicht des Anfangs“ verlorengeht geht.

Der Text der Tageslesung regt uns dazu an darüber nachzudenken, wo wir als Christen und als Gemeinde heute unser Herz verhärten. Wo lassen wir uns von Zweifeln, Zukunftsängsten und „fake news“ leiten anstatt von der frohen Botschaft Jesu Christi? Wer sind heute die zehn falschen Botschafter, die uns davor warnen, in diesen Zeiten des Umbruchs mutig neue Schritte in der Verkündigung und Pastoral zu gehen und stattdessen ein „Weiter so wie bisher“ predigen?

Stephan Rist, Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim

stephan.rist@gmx.de, Telefon 07231 468556

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20210114 Verhärtet nicht eure Herzen.pd
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