· 

2021 weniger Torte?

„Ich bin ein Nichts. Ein wertloses Stück Dreck. Ein Abfallkübel, bis über den Rand angefüllt mit schlechten Gedanken, schlechten Gefühlen und schlechten Träumen. (…) Obendrein bin ich unansehnlich. Unschön. Ungustiös. Und dick.“ So beschreibt sich eine Patientin von Sigmund Freud in dem Roman von Robert Seethaler „Der Trafikant“.

Vom Vater verhätschelt, von der Mutter nie geliebt, von den Ehemännern betrogen und verlassen, hat sie ihren Kummer unter einem Berg von Pasteten und Kirschkuchen zu begraben versucht.

 

„Aber mittlerweile schäme ich mich vor meinem eigenen Spiegelbild. (…) Ich schäme mich für alles, was ich tue, habe und bin.“ Und Freud wäre nicht Freud, würde er nicht fragen: „Wie steht es mit der Lust?“ Lust empfände sie noch beim Essen von großen Tortenstücken.

 

„Die Scham und die Lust sind wie Geschwister, die Hand in Hand durchs Leben gehen – wenn man sie nur lässt. Bei ihnen gedeiht nur eines der Geschwisterchen, während das andere verkümmert und allerhöchstens in irgendwelchen Konditoreien zu seinem Recht gelangt.“ Und entgegen seiner Absicht, Ratschläge in seiner Praxis zu erteilen, kommt das Rezept: „Hören Sie auf, Torten zu essen!“

Tatsächlich ist das Handeln, das Verändern äußerer Umstände ein wichtiger Weg, auch innerlich zu gesunden. Allerdings klingt das mit den Torten auch sehr nach einem der vielen guten Vorsätze, die man sich an Neujahr gibt. Weniger Stress, mehr Sport, weniger hiervon, mehr davon usw. – Und leise ahnt man: Quantifizierbare Kategorien sind eigentlich nicht hilfreich für die Seele, die sich nicht in Kilo oder Sekunden bemisst.

Was dann? Das Tagesevangelium (Joh 1,19-28)

führt auf eine Spur. „Wer bist Du?“ wird dort Johannes der Täufer gefragt:

Er bekannte und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da sagten sie zu ihm: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Antwort geben. Was sagst du über dich selbst? Er sagte: Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat.

Das Unverwechselbare an Johannes, seine Bestimmung findet er im Verweis auf den Größeren. Er lässt sich an Gott binden, es ist seine Identität ein Stück des Weges Gottes zu sein. Er muss sich nicht ständig mit sich beschäftigen, er ist Verweis, Zeuge und Teil des Größeren, frei davon, sich aus sich selbst bestimmen zu müssen.

Teil von etwas Größerem sein, sich seines Platzes im großen Weg Gottes bewusst zu werden – das ist eines zweier anderer Geschwisterchen, das auch immer wieder einmal zu verkümmern droht. Das „Geschaffen sein“ scheint sich nicht so gut zu vertragen mit dem Geschwisterchen des „Schaffens“, sein Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.

Würde und Wichtigkeit ist uns geschenkt. Für diese Bestimmung, für diese Identität brauchen wir nichts tun. Können wir auch gar nicht.

Zu diesem wunderbaren Geschenk gehört aber auch die Aufgabe, diese Freiheit der Kinder Gottes mit Leben zu füllen, diesen Verweis auf Jesus Christus, den Johannes der Täufer lebt, mit Leben zu füllen.

Mit Leben füllen, gelegentlich - und das wird recht verstanden auch dazugehören - auch mit Torte.

Zum 2. Januar 2021, Tobias Gfell

Download
Impuls 2. Januar 2021, Gfell.pdf
Adobe Acrobat Dokument 423.1 KB