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2. Weihnachtsfeiertag

Weihnachten hat im Grunde genommen zwei Seiten. Eine frohe und stimmungsvolle, die durch Lichtschein und Engelsgesang zum Ausdruck kommt. Daneben aber auch eine ernste. Das wird deutlich durch die Begleitumstände der Geburt Jesu, unter denen auch viel Hartes und Grausames dabei ist. Denn Gottes Sohn wird geboren mitten in den Sturm der Zeit hinein: nicht zu Hause, sondern in der Fremde, als Kind armer Leute. Und schon bald wird er verfolgt von den Mächtigen seiner Zeit, sodass die Familie mit dem Jesus-Kind ins Ausland, nach Ägypten fliehen muss (vgl. Mt 2,14). Der schweizerische Schriftsteller Kurt Marti dichtete einmal folgende Verse: „Nicht Ägypten ist der Fluchtpunkt der Flucht. Das Kind wird gerettet für härtere Tage. Fluchtpunkt der Flucht ist das Kreuz.“ Der Fluchtpunkt des Lebens Jesu, wo alle Linien zusammenlaufen, ist das Kreuz. Es ragt bereits über der Krippe empor. Auf vielen künstlerischen Darstellungen ist das bewusst so dargestellt. Krippe und Kreuz stehen in einem inneren Zusammenhang. Da machen sich die beiden Seiten von Weihnachten bemerkbar: die frohe und ernsthafte. Weihnachten bedeutet nicht nur Glück und Frohsinn, sondern es geht auch um den buchstäblich tödlichen Ernst der Nachfolge Jesu.

 

In diesem Jahr steht Weihnachten, mit der Krippe Jesu im Zentrum, ganz unter dem Zeichen der Corona-Krise. Wir feiern Weihnachten unter erheblichen Einschränkungen. Das Feiern in der Familie oder andere gewohnte Bräuche müssen notwendigerweise klein gehalten werden oder ganz entfallen. Auf das öffentliche Gottesdienst-Feiern müssen wir leider verzichten. So gesehen ist uns an diesem Weihnachtsfest gewissermaßen ein Kreuz auferlegt. Wir betrachten die Krippe unter dem Kreuz der Corona-Pandemie, die uns schwer zu schaffen macht. So kommt in diesem Jahr die ernsthafte Seite von Weihnachten deutlicher zum Tragen, mehr als uns lieb ist. Diese ernsthafte Seite zeigt sich aber vor allem auch in dem Märtyrer Stephanus, den wir am heutigen Tag feiern. Stephanus zeigt, auf welche Weise ein Christ Frieden stiften kann. Weihnachten gilt als „Fest des Friedens“. Und damit dies auch erfahrbar werden kann, braucht es mehr als nur schöne Worte und Bräuche. Es braucht einen ernsthaften Einsatz, bis zum Einsatz des eigenen Lebens, wie wir gerade an Stephanus sehen. Diesen braucht es in einer Welt, die aktuell nicht nur von der Corona-Krise geplagt ist, sondern immer wieder auch von Krieg, Gewalt und Terror. Die blutigen Terrorattacken Anfang Oktober in Dresden, Ende Oktober in Nizza, Anfang November in Wien oder zuletzt auch in Trier, sind nur einige Beispiele dafür, dass es in der Welt alles andere als friedlich zugeht.

 

Die aktuelle Corona-Krise mit allen ihren Folgen zieht natürlich ständig die Aufmerksamkeit auf sich. Doch darüber hinaus dürfen auch die anderen Probleme nicht vergessen oder übersehen werden. Viele Menschen sind nach wie vor auf der Flucht und leiden an den Folgen von Krieg, Gewalt und Terror in ihren Heimatländern. Auch in unseren Kreisen leiden Menschen, deren Familien- und Freundeskreise aufgrund von Streit und Konflikt zerrissen und gespalten sind. Dafür gilt es immer wieder aufmerksam zu sein. Gerade jetzt an Weihnachten, dem „Fest des Friedens und der Liebe“. Ja, Weihnachten gilt auch als „Fest der Liebe“. Und zwar deswegen, weil Gott uns seine Liebe schenkt. Aus Liebe wird Gott Mensch, um bei uns Menschen zu sein. Er wird einer von uns, um alle Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens zu erfahren und daran teilzunehmen. Er setzt sich den Verhältnissen der menschlichen Welt aus, so wie sie sind. Und dabei stößt er, der die Liebe ist, auf Unliebe, auf Ablehnung und Gewalt. Krippe und Kreuz leuchten hierbei auf. Gott wird aus Liebe Mensch und begibt sich als kleines Kind in eine Krippe. Er kommt in eine dunkle Welt voller Unliebe und Unfrieden. Diese erfährt er hart und grausam, bis hin zum Kreuz. Doch in Liebe nimmt Gott die Dunkelheiten in der Welt an, um sie in Licht zu verwandeln. Den Tod nimmt er an, um ihn zu durchbrechen und neues Leben zu schaffen. Er wird Mensch, um das Menschsein zu erneuern. Gott setzt darauf, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Er vertraut darauf, dass seine ohnmächtige Liebe über alle so mächtige Gewalt siegen wird. In der Krippe und im Kreuz Jesu zeigt sich, dass das scheinbar so mächtige Unrecht nicht über den ohnmächtigen Gerechten, der leidet, siegt. Auch wenn sie viel zu erleiden hat, siegt die Liebe letztlich doch über die Unliebe. Dafür geben auch die Märtyrer ein hervorragendes Zeugnis. Sie tragen Gottes Liebe in die Welt. Dafür geben sie sich förmlich hin. Sie erleiden quasi das gleiche Schicksal wie Jesus am Kreuz. Stephanus stirbt einen ähnlichen Tod wie Jesus. Auch er wird zur Stadt hinaus getrieben und dort unter falschen Zeugen zu Tode gebracht. Und wie Jesus sich im Sterben Gott anvertraut hat, so vertraut sich Stephanus Jesus an (vgl. Apg 7,57ff.).

 

Von der Urkirche an bis heute gibt es viele, ungezählte „Stephanuse“. In unserer Zeit gibt es sie dort, wo Christen aufgrund ihres Glaubens verfolgt und getötet werden. So etwa in Nigeria, wo viele unter dem schrecklichen Boko-Haram-Terror leiden, oder in Ägypten, Syrien und Irak, wo Bürgerkriege und der IS-Terror ihr Unwesen treiben, oder in anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, wo Christen verfolgt und der christliche Glaube – teilweise noch unter staatlicher Mithilfe – systematisch ausgelöscht werden soll. Überall da gibt es viele bekannte und unbekannte Opfer menschlicher Willkür und Gewalt. An ihnen bewahrheitet sich, was Jesus im heutigen Evangelium seinen Anhängern sagt: „Ihr werdet um meinetwillen vorgeführt und gehasst werden, damit ihr vor den Heiden Zeugnis geben könnt“ (Mt 10,18.22). Märtyrer wie Stephanus, wie es sie zu allen Zeiten gab und gibt, sind Zeugen dafür, was Gott will und was er als einzige Chance für die Menschen und darüber hinaus für das Leben auf Erden überhaupt sieht: Menschwerdung. Gott selber wird Mensch, um Liebe zu den Menschen zu bringen. Die Märtyrer reiben sich dafür auf, um diese Liebe Gottes in der Welt sichtbar zu machen. Das tun sie unter dem Einsatz ihres ganzen Lebens. Sie leben ihren Glauben an Jesus Christus, in dem Gottes Liebe Mensch geworden ist. Dabei stoßen sie immer wieder auf Unliebe, auf Hass und Ablehnung. Doch indem sie ihren Glauben in Liebe leben, tragen sie Liebe und Licht in die dunkle Welt, die oft so voller Unliebe und Unfrieden ist.

 

Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens, ruft uns alle dazu auf, Licht und Liebe in die Welt von heute hineinzutragen. Dazu wird uns heute das Beispiel des Stephanus vor Augen geführt. An ihm dürfen wir uns ausrichten, ihn zum Maßstab nehmen. Er ist Diakon, was wörtlich übersetzt „Diener“ heißt. Wenn wir einander dienen, dann kann schon viel Böses von vornherein vermieden werden, dann schaffen wir eine Situation, in der es keine Verlierer, sondern nur Gewinner gibt. Durch das gegenseitige Dienen, Helfen und Unterstützen profitieren wir alle voneinander. Stephanus stirbt als Märtyrer, als „Blutzeuge“ für seinen Glauben. Es zeichnet ihn aus, dass er bewusst auf Gewalt verzichtet, obwohl ihm selber so viel Gewalt angetan wird. Wer Gewalt mit Gewalt beantwortet, gießt immer nur noch mehr „Öl ins Feuer“, so kann es letztlich nie zu Frieden und Versöhnung kommen. Ein christlicher Märtyrer, den Stephanus verkörpert, ist ein Märtyrer der Gewaltlosigkeit. Er verzeiht sogar seinen Mördern und betet förmlich mit seinem letzten Atemzug für sie (vgl. Apg 7,60). Allein solche Vergebung kann Frieden stiften, wo viel Hass und gegenseitige Verletzung im Spiel sind.

 

Dazu braucht es jedoch viel Kraft. Von alleine schaffen wir es kaum, solche Art von Vergebung zu üben. In Stephanus ist eine bestimmte Kraft wirksam. Es ist die Kraft des Wortes und des Kreuzes, die Kraft der Versöhnung durch Leidensbereitschaft. Ja, vergeben zu können, auch im persönlichen Bereich, ist letztlich ein Werk der Gnade Gottes! Aus eigener Kraft vermögen wir das nicht, nur in der Nachfolge des in der Krippe geborenen und am Kreuz gestorbenen Jesus. So feiern wir heute den Glaubenszeugen Stephanus. Er ist für uns ein Vorbild, was es heißt, den Glanz von Weihnachten erfahrbar werden zu lassen, also Liebe und Frieden in die Welt zu tragen. Doch mehr noch feiern wir die Kraft der Gnade Gottes, die in ihm gewirkt hat. Und diese Gnade Gottes ist mit der Geburt Jesu auf der Welt erschienen (vgl. Tit 1,11), um bei uns zu sein, ja um auch in jedem einzelnen von uns zu wirken. Nehmen wir dieses Geschenk der Gnade Gottes an! Wenn wir uns ihr aussetzen, sie an uns heranlassen und uns von ihr formen lassen, dann gelingt es uns auch, Menschen der Liebe und des Friedens zu werden. Dann werden wir fähig zur Vergebung, dort wo wir Wunden tragen oder Unrecht spüren. Wenn wir die Gnade Gottes, das eigentliche Geschenk von Weihnachten, zur Grundlage unseres Lebens machen, dann kann Gott in uns wirken. Dann sind wir seine Werkzeuge, durch die er den Frieden in der Welt wirkt. Dann wird Weihnachten, die Frucht der Menschwerdung Gottes erfahrbar.

 

So wünsche ich Ihnen allen eine gesegnete und friedliche Weihnachtszeit!

 

Thomas Stricker, Kaplan

 

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