· 

…und das Licht leuchtet in der Finsternis

In Weihnachten steckt „Nacht“ drin. Wie so oft kommen mir Bilder und Gefühle aus der Kindheit in den Sinn. Ja, die Nacht hatte schon was Unheimliches. Im Dunkel in den Keller gehen müssen war nicht „vergnügungssteuerpflichtig“, auch wenn es natürlich elektrisches Licht gab. Aber manchmal war es da unten kaputt, oder halt einfach düster und unheimlich. Nachts allein im Wald. Das hatte auch eher etwas Beklemmendes und jedenfalls nicht viel Romantisches. Nacht – Dunkelheit – Angst, irgendwie gehört das für mich zusammen. Bis heute.

Heute ist es nicht so sehr die Nacht, die draußen hereinbricht, wenn die Sonne untergeht. Es sind andere Nächte und es ist eine andere Dunkelheit, die ich mit Angst verbinde. In dieser Zeit auch nicht so sehr die Angst, dass ich mich anstecken könnte. Es ist eher die Angst um andere. In dieser (Weih-)Nacht gehen meine Gedanken zu Menschen, die mir lieb und teuer sind. Um die habe ich Angst. Menschen, von denen ich weiß, dass es für sie gefährlich sein könnte, wenn sie sich anstecken würden. Meine Gedanken gehen zu jenen, die Angst haben, weil sie um Luft ringen in unseren Kliniken und zu Angehörigen die zwischen Hoffen und Bangen ohnmächtig zu Hause sitzen, manchmal ohne die Möglichkeit überhaupt mit ihren Kranken in Kontakt zu sein, geschweige denn sie zu begleiten. Meine Gedanken gehen zu jenen, die in der Pflege und in der medizinischen Betreuung in unseren Kliniken und Heimen für kranke Menschen da sind. Oft über die Grenze jeder Belastbarkeit hinaus. Das macht mir Angst, das macht mir das Herz eng – auch in dieser Nacht…

 

Ich schaue hinaus in die Dunkelheit. In dieser Nacht gehen meine Gedanken auch zu jenen, für die es kein Weihnachten gibt in Moria und anderen Flüchtlingslagern, zu Menschen, die keine Herberge finden, für die Türe verschlossen bleiben. Um sie habe ich auch Angst – und um eine Welt, die sich im Großen und Ganzen wenig darum schert, die mit den eigenen Nöten beschäftigt ist, oder mit den eigenen Interessen, der es ziemlich egal ist, wer auf irgendeiner Insel an die Tür klopft, oder im schaukelnden Kahn auf dem Meer treibt…

 

Ich schaue hinaus in die Dunkelheit. In vielen Fenstern leuchten Lichter. Je nach Geschmack mal fast lichtorgelhaft-blinkend über viele Fenster einer Wohnung verstreut, grell leuchtend, oder manchmal etwas verhaltener. In vielen Fenstern leuchten Lichter und erzählen von der Sehnsucht auch in mir nach Licht in der Nacht, nach einem Hoffnungsschimmer in aller Angst, nach einem warmen Leuchten in kalter Dunkelheit.

 

Im März haben wir angeregt Lichter in die Fenster zu stellen. Jeden Abend um halb acht, wenn die Glocken läuten und zum Gebet einladen und dazu aneinander zu denken in dieser schweren Zeit. In manchen Kirchen läuten die Glocken bis heute jeden Abend um halb acht. Aus manchen Fenstern leuchten die Lichter einer kleinen Kerze bis heute. Das geht mir unter die Haut. Menschen beten füreinander. Menschen denken aneinander. Menschen schicken sich von Fenster zu Fenster, von Haus zu Haus, auch über viele Kilometer hinweg und durch alles „Abstand-halten-müssen“ hindurch viele gute Gedanken und Wünsche. „Du bist nicht allein! Wir sind nicht allein! Ich bin nicht allein“, flüstern die kleinen Kerzen hinaus in die Nacht. Weil das so ist und Menschen aneinander denken und sich nicht allein lassen, deswegen wird die Nacht dann auch „geweiht“ mit ganz vielen Gebeten, Wünschen, mit der geflüsterten Botschaft der Nähe – so wird Nacht zur Weih-Nacht…

 

Niemand soll allein sein. In keiner Nacht des Lebens. An keinem finsteren Ort. Nicht in unseren Kliniken und Heimen und auch nicht in den Wohnungen unserer Stadt. Nicht in Moria, in keinem Flüchtlingslager und erst recht nicht im schaukelnden Boot auf dem Meer und ganz bestimmt nicht dort wo Gewalt und Krieg herrscht. Ein kleines Licht ins Fenster stellen. Aneinander denken. Füreinander und miteinander beten: Wir sind nicht allein, Du bist nicht allein, ich bin nicht allein…

„Welt ging verloren, Christ ist geboren…“ singen wir in diesem Jahr nicht lauthals und fröhlich im großen Chor in unseren Kirchen. Vielleicht summen wir es diesmal eher leise vor uns hin, zu Hause oder in unseren offenen Kirchen ohne Gottesdienste. Aber hoffentlich geht uns die „Melodie“ nicht verloren. Es ist Gottes Melodie, dass er uns und die ganze Welt eben nicht verloren gibt, dass er gerade dann zur Welt kommt, wenn diese verloren scheint. Dass er gerade zu mir kommt, wenn es mir Angst und Bange wird in der Nacht…

 

Nein, es ist mehr als das Pfeifen im Wald. Wer schon mal nachts allein durch den Wald gelaufen ist, der kennt das Gefühl, wie das ist, wenn dann die ersten Lichter auftauchen. Manchmal weiß ich es noch gar nicht so genau: „Ist das da vorne wirklich ein Licht? Ist da ein Haus? Sind da Menschen? – Ja, tatsächlich. Gott sei Dank!“ Erleichterung macht sich breit. Aufatmen. Da ist jemand. Auch wenn es fremde Häuser und Menschen sind und ich tatsächlich dort kaum anklopfen würde. Allein die Tatsache, dass da jemand ist, dass ich notfalls dort klingeln könnte – das lässt mich beruhigt durchatmen.

 

Die Weihnachtsgeschichte in der Bibel ist voll davon: Menschen auf ihrem Weg durch die Nacht mit all ihren Zweifeln, Fragen und Ängsten. Die Ungewissheit eines jungen Paares. Ein Kind das geboren werden muss ohne fremde Hilfe, ohne Dach über dem Kopf. Irgendwo in der Wildnis, in einem Verschlag oder einer Höhle. Ein Stern, der den Weg zeigt und ein Kind, das denen die es sehen und begreifen wollen zeigt und sagt: Ihr seid nicht allein! Gott ist längst da! Er muss nicht erst gepredigt, erklärt, gefeiert, ja nicht einmal geglaubt werden…. Nicht weil wir es uns so wünschen, sondern weil ER das so will, ist er ganz nahe bei uns. Immer und überall. Uns näher als der eigene Herzschlag! Erst recht und ganz besonders, wenn für uns Lichter ausgehen, wenn uns Dunkelheit umgibt und Angst und Sorgen. Er lässt uns nicht allein. Unglaublich, aber wahr!

 

Gott kommt als Kind in diese Welt. Nicht als frommer Gedanke, nicht als Glaubenssatz, nicht als Dogma, als Mensch kommt er zu uns. Wo Menschen an diesem besonderen Weihnachtsfest füreinander da sind, aneinander denken, füreinander beten, sich nicht allein lassen in der Nacht, auch nicht in unseren Kliniken und Heimen, wo Menschen sich gegenseitig in ihren Gedanken und Herzen halten und so ein Licht für andere in das Fenster ihres Lebens stellen, da wird es Weihnachten. Ich wünsche es Ihnen von Herzen - und dass, das Licht leuchtet in der Finsternis….!

 

Georg Lichtenberger

Download
25.12.2020-1.docx
Microsoft Word Dokument 14.8 KB