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Vierter Adventssonntag

Alle vier Kerzen am Adventskranz brennen. Das ist ein sichtbares Zeichen, dass Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu, unmittelbar bevorsteht, das wir leider aufgrund der sehr dramatischen Corona-Situation nicht wie gewöhnlich mit Gottesdiensten in unseren Kirchen feiern können. Jetzt sind wir noch in der vorweihnachtlichen Zeit. Gleichsam „vorweihnachtlich“ geht es auch im Evangelium dieses vierten Adventsonntages zu. Bevor Jesus geboren wird und sein öffentliches Heilswirken beginnt, geht es um Maria. Sie steht zunächst im Mittelpunkt. Maria wird in den Heilsplan Gottes eingebunden. Dabei soll sie eine entscheidende Rolle spielen. Das Ganze geschieht im Rahmen einer Berufungsgeschichte.

Immer wieder im Laufe der Heilsgeschichte hat Gott Menschen zu einem besonderen Auftrag berufen: Als Propheten, Volksführer, Könige, Lehrmeister, Gesetzgeber oder Glaubensboten. Die wohl großartigste Berufung bekam Maria, wie sie beim Evangelisten Lukas geschildert wird. Maria soll die Mutter von Jesus werden, Mutter des Erlösers, „Mutter Gottes“. Es lohnt sich ihre Berufungsgeschichte mal etwas näher anzuschauen. Sie lehrt uns vieles, was allgemein für Berufungen gilt; auch für jene Berufung, die Gott an uns richtet! Von der Berufung Marias können wir etwas für unser eigenes Leben mitnehmen. Da empfängt ein Mensch eine Botschaft. Damit beginnt jede „Berufung“: mit einem „Ruf“, der von Gott ergeht. Gott meldet sich, er macht den Anfang. Und der Mensch spürt, dass er angesprochen wird. Maria wird sogar direkt vom Engel Gabriel, dem „Boten Gottes“, angesprochen (vgl. Lk 1,28). Ein Engel taucht plötzlich auf und überbringt eine Botschaft. Die erste Reaktion darauf ist Erschrecken. Der Grund dafür ist nicht so sehr der Engel, der ein ungewöhnliches Wesen ist und mit dem man nicht unbedingt rechnet, sondern vielmehr die Botschaft, die er bringt. Sie erscheint rätselhaft und geheimnisvoll. Maria fragt sich: Was bedeutet wohl diese Anrede, dieser Gruß: du „Begnadete“? (Lk 1,28).

Das zeigt: Wenn Gott sich meldet, überrascht er den Menschen. Er ist ganz anders, als man ihn sich vorgestellt hat. Was er will, wirft eigene Pläne über den Haufen. Es durchbricht den Fluss des Gewohnten. Und das erschreckt im ersten Moment – eine allzu menschliche Reaktion. Und dennoch: bei allem Ernst der Herausforderung, die in diesem Ruf liegt, entspringt der Ruf doch der Liebe Gottes. Daher spricht der Engel zu Maria: „Fürchte dich nicht, du hast bei Gott Gnade gefunden!“ (vgl. Lk 1,30). Es ist die Gnade und Liebe Gottes, die da ruft. Das vertreibt die Furcht und den Zweifel. Nun ist Maria bereit, den Auftrag zu hören. Sie ist dazu bestimmt, Mutter des Herrn zu sein. Damit wird sie zum Ausgangspunkt gewaltiger Heilsereignisse. Durch sie will Gott Mensch werden und in die menschliche Sphäre eintreten. Mit der Menschwerdung Gottes, die wir an Weihnachten feiern, beginnt das Heil-Werden des Menschen. Maria nimmt hierbei eine zentrale Rolle ein. Es ist nicht verwunderlich, dass sie im ersten Moment nicht alles versteht. Sie hat daher zunächst Einwände: Ein Kind zu empfangen, Mutter des Herrn zu sein – „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34).

Gewisse Zweifel haben und Fragen stellen – das tut wohl jeder, der eine Berufung erlebt. Es gehört dazu. Oft scheint das, was Gott mit uns vorhat, über unsere menschlichen Kräfte hinauszugehen. Man kann sich nicht wirklich vorstellen, wie es gelingen soll. Doch es gilt sich klar zu machen: Wenn Gott ruft, dann darf man nicht nur auf die eigenen Kräfte schauen. Wenn von innen heraus der Ruf klar ist, muss man es Gott selber zutrauen, dass er das Entscheidende bewirkt. Das soll nun keine Beruhigung sein, sondern vielmehr eine neue Herausforderung: mich auf Gott zu verlassen, statt auf meine Kräfte und Fähigkeiten, die begrenzt sind. Maria ist diejenige, die uns hier Mut machen kann. Denn sie lässt sich schließlich ganz und gar auf Gott ein: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38). Damit stellt Maria ihren eigenen Willen zurück und macht sich zur Dienerin Gottes. Sie sagt „ja“ zu Gott, indem sie dem Plan Gottes, den ihr der Engel Gabriel mitteilt, zustimmt. Als die kleine, demütige Magd vertraut sie nicht ihren Fähigkeiten, sondern den Fähigkeiten Gottes, die aus Kleinem etwas ganz Großes machen können.

So hört sie auch die Worte: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Selbst das größte Wunder kann geschehen: dass Gott Mensch wird. Durch sie, die junge Frau aus der kleinen, unbedeutenden Stadt Nazareth, kommt Gott auf die Welt. Da geschieht ein absoluter Neuanfang, der Beginn einer neuen Schöpfung. Der wahre Ursprung von Jesus liegt in Gott, nicht in der Abfolge der menschlichen Generationen. Wie alles, was Gott tut, ist auch die Geburt von Jesus eine Tat des Heiligen Geistes, nicht die Leistung von Menschen! So sagt der Engel zu Maria: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1,35). Dass Gott Mensch wird, ist nicht die Tat von Maria, sondern das Wirken des Heiligen Geistes. Es ist die Initiative Gottes selbst. Maria ist dabei nur das Werkzeug. Das Entscheidende bewirkt Gott selbst. Wenn man das einmal begriffen hat: dass es nicht auf die eigenen Leistungen, sondern auf die Zustimmung zu Gottes Wirken ankommt, dann ist man bereit – wie Maria – „ja“ zu sagen. Dieses einfache „Ja – mir geschehe...“ ist nun der Ausgangspunkt für großartige Ereignisse. Immer wieder hängen die großen Taten Gottes am schlichten, bedingungslosen „Ja“ eines Menschen. Und dieses „Ja“ ist mehr ein Zulassen und Zustimmen als eigene Leistung. Das meiste bewirkt Gott selbst. Er tut es aber nicht an unserer menschlichen Freiheit vorbei. Er bindet uns dabei mit ein, indem er unsere Zustimmung und unser Mitwirken sucht.

Wenn wir das Stichwort „Berufung“ hören, denken wir meistens zuerst an die großen Berufungen zu besonderen Aufgaben und Werken, die es im Laufe der Geschichte des Christentums gegeben hat. Doch es darf nicht vergessen werden, dass es auch eine einfachere und allgemeinere Berufung gibt, nämlich als Christ zu leben. Das ist tatsächlich eine Berufung und erfordert eine Entscheidung. Denn Christ zu sein ist in der heutigen Zeit alles andere als selbstverständlich. Die Berufung zum Christsein kommt einer Lebensaufgabe gleich. Es ist sowohl eine großartige als auch eine sehr alltägliche Aufgabe. Gerade in dieser Hinsicht kann Maria so etwas wie das „Urbild“ der christlichen Berufung sein. Beispielhaft zeigt ihr Leben, worauf es ankommt. Denn ihr Leben steht ja gerade unter dieser eigenartigen Spannung. Auf der einen Seite ist es gewiss eine große Berufung, die Mutter des Herrn zu werden. Auf der anderen Seite ist es im Praktischen dann auch wieder eine ganz einfache und alltägliche Angelegenheit: ihrem Kind Jesus eine gute Mutter zu sein. Was sie da tut, das tun unzählige andere Mütter auch: für ihr Kind zu sorgen, es gern zu haben, es zu erziehen, ihm den Weg ins Leben zu ebnen, usw.

Was Maria also für Jesus tut, ist alltäglich. Der entscheidende Unterschied ist, dass sie dabei ausdrücklich einer Berufung folgt. Und deshalb steht auch das Alltägliche immer in Bezug zu Gott! Es ist ja Gottes Sohn, für den sie sorgt. Das zeigt: Im Alltäglichen steckt das Göttliche! Genau darin liegt das Beispielhafte an Marias Leben für uns alle: Gott ist ebenso anwesend in unserem christlichen Lebensalltag. Wenn auch dauernd im Verborgenen, so begegnet er uns, und zwar im Gebet, in der Eucharistie, in den Mitmenschen oder im Anruf der gegenwärtigen Stunde. Darum kann alles, was wir tun, in Bezug auf Gott geschehen, auch die ganz alltäglichen Dinge. Man nennt das: die Heiligung des Alltags. Das Göttliche im Alltag zu entdecken, das ist unsere Berufung! Und dazu braucht es keinen besonderen „Beruf“. Wir müssen dazu nichts Besonderes leisten, sondern „nur“ für Gott offen sein; seinen Ruf an sich herangehen lassen und darauf eingehen, wie Maria mit ihrem „Ja-Wort“.

Wenn wir Gott in unser Alltagsleben einbeziehen, erhalten ganz alltägliche Dinge wie Kochen, Putzen, Einkaufen, Beten oder die Arbeit im Beruf eine große Tiefe. Man tut eigentlich dasselbe wie immer, aber man tut es dann bewusst für Gott. Alles, was aus Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen geschieht, steht immer in Bezug zu Gott. Es ist dann nicht nur einfach so getan, sondern es ist zugleich für Gott getan, und daher von ihm geheiligt! So wird unser Leben verwandelt, bis in die alltäglichsten Dinge hinein. Maria ist uns darin ein Vorbild. Sie hat einfach geglaubt und mit Gott gelebt. Und das war Zeugnis genug! Wenn wir nämlich fest daran glauben, dass Gott im Alltag da ist, und wenn dieser Glaube unser Leben bestimmt, dann macht sich das auch bemerkbar und kann anziehend wirken. Es gibt dem Leben eine Tiefe, eine Klarheit und Geradlinigkeit. So sind wir jetzt in diesen vorweihnachtlichen Tagen eingeladen, unser alltägliches Leben bewusst in Bezug auf Gott zu leben. Dann kann Gott auch bei uns ankommen und durch uns wirken.

In diesem Sinne ein gutes Zugehen auf Weihnachten!

Thomas Stricker, Kaplan

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