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Predigt zu Mt 16,21-27/Jer 20,7-9

Impuls - 22. Sonntag A (30.08.2020)

Gewinner und Verlierer. Gibt es. Natürlich auch in dieser Corona-Zeit. Jene die Masken, Hygieneartikel, Schutzanzüge oder ähnliches produzieren, die gehören natürlich zu den Gewinnern. Die Verlierer sind die Kranken und ihre Familien. Oder jene, die gerade aus einem Risikogebiet zurückkommen. Wirtschaftlich aber natürlich auch alle, die etwas mit Kunst und Kultur, Gastronomie und Ähnlichem zu tun haben. Vor allem aber sind die Verlierer unsere Geschwister in Peru und Kenia und in all den Ländern, in denen es weder ein funktionierendes Gesundheitssystem, noch soziale Absicherung durch den Staat, geschweige denn Arbeitslosengeld oder ähnliches gibt.

Neue Helden hat diese Situation auch hervorgebracht. „Ihr seid unsere Helden!“, steht auf großen Plakaten und dazu die Bilder von Verkäuferinnen in unseren Supermärkten, von denen, die an der Käsetheke stehen, Regale einräumen oder stundenlang an der Kasse sitzen. Bilder von Pflegerinnen und Pflegern in unseren Heimen und Kliniken, von Ärztinnen und Ärzten, von so manchen, die in den sog. systemrelevanten Berufen arbeiten. Auch wenn ich mit Heldenverehrung eher etwas zurückhaltend bin, bei manchen von ihnen hat ihre Haltung und ihre Einstellung vermutlich durchaus etwas mit dem zu tun, was Jesus meint, wenn er sagt, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen sollen und ihm nachfolgen….

 

Gewinner, Verlierer und Helden. Das Leben gewinnen, oder das Leben verlieren, mein Kreuz auf mich nehmen und Jesus nachfolgen. Stichworte aus dem heutigen Evangelium, die mir nachgehen. Als ob ich immer die Wahl hätte. Ich werde ja nicht gefragt ob ich krank werden will, oder gesund bleiben. Jene, die jetzt zu den Verlieren gehören, die sind auch nicht gefragt worden. Die Pandemie mit all ihren schlimmen Folgen für sie, ist einfach über sie hereingebrochen. Sie hatten keine Wahl. Sie müssen wohl oder übel ihr Kreuz auf sich nehmen und schauen, ob und wie sie es durch ihr Leben schleppen können.

 

Schon wieder Corona…. Ich verstehe, wenn es manche nicht mehr hören können. Ich habe sogar ein gewisses Verständnis für jene, denen die Masken lästig sind, weil sie darunter kaum Luft bekommen. Oder die keine Lust mehr haben ständig auf Distanz zu gehen. Vor allem verstehe ich jene, die ihre Angehörigen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen oder in der Lebenshilfe nicht oder nur sehr eingeschränkt besuchen dürfen. Das fehlt. Das tut weh. Dass wir in der Kirche nicht singen dürfen auch.

 

Abstand halten, Masken und Hygiene – das ist ganz bestimmt nicht das Heil. Das ist bestimmt keine Ersatzreligion. Aber es sind nun mal die Maßnahmen mit denen wir verhindern können, dass sich das Leid ausbreitet. Es sind unsere Versuche Situationen zu verhindern, in denen entschieden werden muss, wer noch einen Beatmungsplatz bekommt und wer nicht, um wessen Leben gerungen wird und wer sterben muss. Wenn ich die Bilder aus Italien im März, dann aus Frankreich, aus New York, aus Brasilien vor Augen habe, wenn lese was unsere Geschwister aus Peru schreiben, dann bin ich ehrlich gesagt gerne bereit, eine Maske zu tragen, Abstand zu halten und Hygienevorschriften zu beachten.

 

Wenn ich diese Bilder vor Augen habe, dann verstehe ich jene überhaupt nicht, die jetzt auf die Straße gehen und so tun als ob ihre Freiheitsrechte beschränkt sind. Zur Freiheit hat uns Christus befreit, schreibt Paulus einmal. Zu jener Freiheit, die uns eben fähig macht andere Menschen zu schützen, andere Menschen zu befreien, die uns fähig macht füreinander zu leben und nicht gegeneinander, so wie Jesus der Christus ganz und gar für uns gelebt und seine Liebe an uns verschwendet hat.

 

Wenn ich diese Bilder vor Augen habe, verstehe ich Verschwörungstheoretiker genauso wenig, wie jene, die sagen „man muss nur fest und tief genug an Gott glauben, dann wird man vor der Krankheit verschont…“ Wie zynisch. Wie menschenverachtend. Wie gottlos. Tiefreligiöse und gläubige Menschen, wie unser Bruder Martin, wie Menschen aus unserer Gemeinde, die Sonntag für Sonntag mit uns Gottesdienst gefeiert haben, wie viele Gläubige sind in Brasilien oder sonst wo Opfer dieser Pandemie geworden. Und die haben nur zu wenig geglaubt? Zu wenig vertraut? Waren nicht fromm genug? Wie gemein und unmenschlich so zu denken…

 

Jesus, was sagst Du eigentlich dazu? Das ist die Frage, die mich auch hier umtreibt. Da kommt einer, damit alle das Leben haben und es in Fülle haben. Da kommt einer und heilt kranke, öffnet den Blinden die Augen und den Stummen den Mund, stellt jene auf die eigenen Füße, die keinen Schritt mehr gehen können. Da kommt einer, der für die Leidenden, die Armen, die Unterdrückten da ist und sie spüren lässt: „Gott hat euch nicht vergessen und er wird euch nie und nimmer allein lassen. Er ist bei euch und für euch da.“ Es geht ihm nicht um sich. Nicht um seinen Erfolg. Nicht um seine Freiheit. Nicht darum recht zu haben. Er möchte nur die Liebe Gottes in dieser Welt am Leben lassen und in diese Welt hinein tragen. Nur diese Liebe. Koste es was es wolle. Auch wenn es ihm letztlich selbst an den Kragen geht. Petrus muss das lernen. Die anderen Jünger auch. Ich muss das immer wieder begreifen und darüber staunen und versuchen hinter diesem Jesus herzugehen und seine Liebe in mir und in dieser Welt leben lassen.

 

Die Kreuze meines Lebens muss ich nicht suchen. Manches ist unausweichlich. Manches kommt einfach und ich muss damit umgehen und manches auch tragen und ertragen. Aber ich kenne auch die Versuchung wegzulaufen, mich zu drücken, dann wenn es schwer wird und unangenehm. Ich kenne auch die Versuchung die Lasten meines Lebens, wenn es irgend geht, andere tragen zu lassen. Oder die Versuchung auf andere mit dem Finger zu zeigen.

Dann könnte Jesus mir vielleicht sagen: „Bleibe mal schön bei dir und deinem Leben. Damit hast du genug zu tun. Bleibe bei mir und bei meiner Liebe, meinem Erbarmen, meiner göttlichen Menschlichkeit. Lass all das in dir leben und schenke es weiter. Gott hat es dir geschenkt. Dann schau wo dich diese Wege hinführen. Erfolgstorys kann ich dir nicht versprechen. Schmerzfreies Leben auch nicht. An manchem Kreuz wirst du nicht vorbeikommen. Die Liebe ist kostbar und teuer und hat ihren Preis. Aber letztlich ist sie stärker als alles andere. Auf diesen Wegen der Liebe bin ich bei dir und lasse dich niemals allen. Bleibe bei mir und bleibe auf den Wegen meiner Liebe und meiner Hingabe.“ Dass wir das miteinander schaffen, dass wir bei Jesus und seiner Liebe bleiben, dass wir uns für die Wege Gottes begeistern lassen, uns von Gott betören lassen, wie Jeremia das ausdrückt, das wir uns gegenseitig auf diesen Wegen helfen, das wünsche ich uns allen.

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Predigt
Pfr. Georg Lichtenberger
22. Sonntag im Jahreskreis A 30.08.2020.
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