· 

Predigt zu Mt 16,13-20

IMPULs-21. Sonntag A 23.08.2020, Pfarrer G. Lichtenberger

Was andere von mir denken? Interessiert mich nicht. Sie vielleicht? Nein, nicht wirklich, sagen Sie wahrscheinlich auch. Aber, wenn ich ehrlich bin: So ganz kalt lässt es mich doch nicht. Manches geht schon unter die Haut. Manches ärgert mich. Manchmal fühle ich mich auch total missverstanden. Oder ungerecht behandelt. Ab und zu ärgert es mich, dass ausgerechnet die oder der, das oder jenes von mir behaupten oder sagen, oder vielleicht insgeheim denken. Kennen Sie das? Vielleicht hat es Jesus trotz allem auch gekannt. Nein, ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass er sich an der Meinung von anderen ausgerichtet hat. Aber vielleicht ging es ihm ab und zu vielleicht doch ähnlich: So ganz kalt lässt es uns nicht, was andere von uns denken, über uns reden, von uns halten. „Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ Trotz allem – letztlich nicht so wichtig.

„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Weil es jene gibt, die uns viel näher stehen als alle andere. Weil es Menschen gibt, die uns am Herzen liegen und denen wir am Herzen liegen. Weil es eben jene gibt, die uns ganz arg wichtig sind, deswegen: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich…“ Da hält Jesus vielleicht schon ein bisschen den Atem an. Und dann der Petrus. Ausgerechnet! Der einfache Fischer. In einem Augenblick wagt er sich auf den tobenden See. Im nächsten versinkt er in seinen Zweifeln. Sein tolles Bekenntnis: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ hält in der Nacht des Leidens nicht aus bis zum ersten Hahnenschrei. Erst nennt ihn Jesus „Petrus“, Fels und will auf ihn seine Kirche bauen – und nur ein paar Verse weiter jagt er ihn zum Teufel: „Weg von mir Satan. Du willst nicht was Gott will, sondern das was die Menschen wollen…“ Weil es diese Menschen gibt, die uns so sehr am Herzen liegen, deswegen tut es auch besonders weh, wenn wir uns von ihnen nicht verstanden fühlen, oder wir das Gefühl haben, dass sie nicht für uns da sind, oder vor uns davon laufen…

 

Aber erst mal sagt er es laut und deutlich und glaubt ganz bestimmt auch von ganzem Herzen daran: „Du Jesus bist der Christus!“ Jesus, der ihnen von Gott erzählt: Jesus, der Menschen auf die Füße hilft, ihnen so zuhört, dass sie auf einmal wieder Worte finden, der jene in den Arm nimmt, die von anderen weggestoßen werden. Jesus, der Kleine groß macht und Arme reich. Jesus, der mit einem Herzen voller Liebe unterwegs ist. Jesus, der mit ihnen isst und trinkt und feiert und sich dann immer wieder zurück zieht auf seinen Berg, um die Nähe Gottes zu suchen. Jesus, ganz bestimmt ein toller Mensch, ein begeisternder Zeuge Gottes, ein großer Prophet. Aber Christus?

 

Christus, der ganz von Gott kommt. Der große Retter, der endlich Schuss macht mit Mord und Totschlag, mit Gewalt und Unterdrückung. Der große Retter, der uns befreit von Krankheit, Elend und Not. Der uns befreit aus all unseren Konflikten und Ängsten. Der endlich Schluss macht mit dem Gesetz des Stärkeren. Der die ganze Welt, die dem Abgrund entgegen rast, rettet und hält und birgt, so dass kein Regenwald mehr stirbt und die Atmosphäre aufatmet und Leben möglich ist für alle und für jeden. Jesus, der Christus, der Retter.

 

Wirklich? Bei Caesarea Philippi. Ganz weit im Norden von Israel. Weit weg von Jerusalem mit seinen Konflikten. Weit weg vom See Genesareth mit all den Wundern, den jubelnden Massen, den Fans. Dort oben, wo der Jordan entspringt, da stehen sie nun. Jesus und die kleine Schar seiner Freunde. Banjas heißt der Ort. Da gab es ein Panheiligtum. Pan der Gott der Hirten und der Unterwelt. Da gibt es jene große dunkle Höhle. Der Eingang zur Unterwelt. Das Tor zur Hölle. Da kann man reinfallen und verschlungen werden. Albträume vom ewigen Fallen werden wach. Da läuft es einem nicht nur eiskalt den Rücken runter. Da fährt einen Angst in die Knochen. Das Wort „Panik“ erzählt bis heute davon. Das steht Jesus mit seinen Jüngern: „Du bist Petrus…“ Fels, Halt, Sicherheit und eben nicht Panik, Angst, Tod und Teufel. Geborgenheit, Zuhause-Sein und eben nicht verloren, verraten und verkauft.

 

Deswegen „Fels“. Nicht zuerst unerschütterliches Fundament. Nicht zuerst unbewegliche Festung der Wahrheit. Nein zu allererst: Tiefste Geborgenheit. Wie eine Umarmung gegen alle Angst. Wie nach Hause kommen. Damit soll der Fels etwas zu tun haben, auf dem die Kirche gebaut ist. Heimat, Schutz, Sicherheit, Geborgenheit gegen alle Angst und alle Panik in dieser Welt. Da kann ich wieder zu Kräften kommen. Da will mir niemand was böses. Da kann ich durchschnaufen. Da kann ich im kühlen Schatten des Vertrauens aufatmen vor all der Hitze dieser Tage. Da geht es mir einfach gut.

 

Ist das so? Mit unserer Kirche? Sind wir das füreinander? Sind wir dies für andere? Die brennenden Kerzen in unseren offenen Kirchen in der Panik der Pandemie sie erzählen vielleicht davon. Für manche ist die Kirche, das Gebäude, das Gotteshaus immer noch Ort der Zuflucht, des Vertrauens, der Geborgenheit. Gut so. Gott sei Dank! Sind wir es auch? Die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden, als Gemeinschaft der Freundinnen und Freunde Jesu? Wahrscheinlich müssen wir weiter die Kräfte unserer Herzen investieren, damit wir für jene, die das wirklich brauchen Ort der Geborgenheit und Zufluchtsort der Hoffnung werden.

 

Ich spüre mal wieder, dass ich damit bei mir selbst anfangen muss. Bei meinem Fragen nach Jesus und wer er eigentlich für mich heute ist? Nicht in der grauen Theorie. Sondern in meinem Alltag. Was hat er mir zu sagen? Was halte ich von ihm? Was denke ich von ihm? Wo begeistert er mich? Wo schreckt er mich ab? Wo stellt er mich in Frage und wo stellt er mich auf die Füße? Ich merke, dass ich mit diesem Jesus und seiner Botschaft immer noch nicht und noch lange nicht und hoffentlich niemals am Ende bin.

 

In all meinem Fragen spüre ich aber auch: Jesus fragt nach mir. Ich bin ihm nicht gleichgültig. Er sucht mich noch bevor ich nach ihm suche. Er hat mich längst gefunden, noch bevor ich überhaupt eine Ahnung davon habe. Deswegen ist er für mich der Christus, die unverwechselbare und auf einmalige Art und Weise Mensch gewordene Liebe Gottes.

 

Wo wir dies so miteinander erfahren, dass wir in unserem Suchen gefunden sind, in unserem Fallen getragen, in unseren Ängsten geborgen, wenn wir dies so miteinander teilen, dann wird es auch für andere spürbar, dass wir als Kirche, als Freundinnen und Freunde Jesus, vor allem eines sind und nichts anderes zu sein haben in dieser Welt: Lebendiger Ort des Friedens, der Geborgenheit, des Aufatmens. Dass wir das immer mehr werden, das wünsche ich uns allen – und dazu helfe uns Jesus, der Christus!

 

 

Download
Pfarrer Georg Lichtenberger
21. Sonntag im Jahreskreis A 23.08.2020.
Microsoft Word Dokument 15.1 KB