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Urlaub ist, wenn der Ritter in die Schlacht zieht...

IMPULS Zum 1. August 2020, Tobias Gfell

Der Psalm 37 war für mich neulich eine Entdeckung und ich dachte, das passt zu einem letzten Impuls vor den Sommerferien: „Errege dich nicht über die Bösen, ereifere dich nicht über jene, die Schlechtes tun! ...“

Denn, wenn man in den Sommer startet, freie Tage in Sicht, dann nimmt man doch auch so viel mit, was das Jahr über Kraft gekostet hat. Und die Bösen sind nicht nur die anderen, die einem auf die Nerven gegangen sind, das bin ja auch ich. Und dann erleichtert es, dass mit dem Psalm die entspannte Botschaft mitschwingt: Du kannst dich den ganzen Tag (und auch den ganzen Urlaub) über dies und über jene aufregen. Du bist aber nicht verpflichtet dazu.

Ein Glück.

Eine Zeitlang von manchem entpflichtet sein, das ist Urlaub. Das Wort Urlaub leitet sich ja von dem mittelhochdeutschen Wort für „erlauben“ her. Die Ritter im Hochmittelalter fragten ihren Lehnsherren um ‚urloup‘, um in eine Schlacht zu ziehen. Urlaub als Erlaubnis. Mancher Ritter wurde reich, mancher erlangte großen Ruhm und mancher bezahlte die Entlassung aus seinen Pflichten mit seinem Leben. Sich aus seinen Verpflichtungen zu lösen, war eine große Veränderung und lebensgefährlich.

Ich möchte kein Ritter sein und mein Bedürfnis nach Ausspannen ist im August immer da, aber wenn es im Wesentlichen nur darauf ankommt ob nun Netflix oder Amazon Prime und Sesam- oder Mohnbrötchen, ist mir das doch zu unerbaulich und auch keine nahrhafte Erholung.

 

Was erlaube ich mir denn nun?

 

Vielleicht: langsamer leben. Das Leben nicht zu konsumieren oder zu verschlingen, sondern immer nur bei dem zu sein, was gerade ist.

Vielleicht: der Flucht ausweichen. Wer glaubt, man könne im Urlaub alles hinter sich lassen, der belügt sich selbst. Aber die Distanz hilft, die Welt und mich von weitem zu sehen:

Wie lustig, so klein - und hier – oh, das ist doch trostlos, und dort – ui, so sieht das also aus. Na dann.

Liegt dort die Möglichkeit neu zu sehen, die Beziehung mit dem Leben zu fördern? Mit welchen Augen würde Gott schauen? Verzeihend? Beschenkend und liebend?

Der Tapetenwechsel im Urlaub als Perspektivenwechsel, eine Umkehr der Blickrichtung. Kein Aufruf zum Nichtstun, sondern nach dem Geben das Nehmen zu lernen. Das Leben ist Geschenk. Und es hat seinen Wert nicht in seiner Produktivität noch in seiner Lässigkeit, sondern im Sein an sich. Frei nach Matthäus 6: Schaut auf die Vögel und seht: Sie besitzen den Tag, mit jedem Tag neu.

Und sich neu fragen: Was gibt denn dem Leben Sinn?

 

Der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Klaus Schädelin hatte im 20. Jh. darauf eine nette Antwort:

Lebenssinn

«Ja, heiterefaane, wie müesste mir de läbe, dass es us däm Läbe e Sinn git?

Hüh, Dir, das isch e Frag. Suechet d Antwort nid bi mir. Fraget d Delphine, wo meh Hirni hei als mir. Vo dene weisi nume, dass si

erschtens vil schpile,

zwöitens nie elei sy,

drittens ufenand lose,

viertens enand geng hälfe –

und dass dermit d Fröid ihres Läbe füllt. Dir, vilecht wüsste die en Antwort uf di Frag, was sinnvoll isch. Vilecht hei si nis se scho ggä.»

 

Das könnte man in etwa so übersetzen:

Sapperlott! Ja, wie müssten wir denn leben, damit unser Leben einen Sinn ergibt?

Ach, du lieber Himmel, was für eine Frage!

Von mir können Sie darauf keine Antwort erwarten. Fragen Sie lieber die Delphine. Die haben ein größeres Gehirn als wir Menschen.

Von den Delphinen weiß ich, dass sie

erstens oft spielen,

zweitens nie alleine sind,

drittens aufeinander hören

und viertens einander immer helfen.

Dadurch haben sie in ihrem Leben viel Freude.

Vielleicht wüssten die Delphine eine Antwort auf die Frage, was sinnvoll ist.

Vielleicht haben sie sie uns auch schon gegeben.

 

Zum 1. August 2020, Tobias Gfell

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