Impuls zu Mt 12,24-32 / Weish 12,13-19

von pfr. georg lichtenberger am 16. Sonntag A

Wie alles wachsen lassen? Beides wachsen lassen, Weizen und Unkraut, Gut und Böse? Einfach so? Die Hände in den Schoß legen und zusehen, wie sich das Unkraut durch das Feld frisst? Ich sehe die Landwirte unwillig den Kopf schütteln. Aber nicht nur die. Ich sehe unsere Oma wie sie stundenlang gebeugt im Garten stand und Unkraut gejätet hat. Ein Grashalm nach dem anderen. Damit es nicht wuchert. Damit man überhaupt was ernten kann. Ist das falsch? Alles umsonst?

 

Ich erinnere mich auch an andere Bilder. Vor allem bei den Besuchen in der damaligen DDR. Kilometerlang und minutenlang konnte man da an einem einzigen Feld einer LPG entlang fahren. Weizen, oder Raps, oder was auch immer. Kilometerlange Reinkultur in Perfektion. Gab es auch bei uns. Vielleicht nicht ganz in der Größe. Gibt es ja bis heute. Getreidefelder auf denen keine Kornblume mehr wächst und kein Klatschmohn, keine roten und blauen Blüten das Einheitsgelb durchbrechen. Vielleicht gerade noch rechtzeitig sagen die Optimisten, wahrscheinlich schon zu spät die Pessimisten, müssen wir entdecken: Landwirtschaft in Reinkultur, riesige Monokulturen die schaden uns ganz brutal. Lieber ein bisschen weniger Ertrag und etwas mehr Abwechslung: Damit unsere Bienen überhaupt überleben können und für die Bestäubung unserer Obstbäume sorgen. Lieber mehr Vielfalt, damit es ein Ende nimmt mit dem großen Insektensterben und unsere Vögel nicht aussterben. Ja, Vielfalt ist besser als Einfalt. Bunt ist unsere Welt geschaffen. Es gibt so vieles. Wenn Einförmigkeit gezüchtet wird und die Vielfalt den Zwängen des Marktes geopfert wird, dann ist dies dramatisch für unsere ganze Erde und für das Klima, das wir alle zum Leben und zum Überleben brauchen. Langsam aber sicher ahnen wir die Zusammenhänge…

Mag ja sein, dass dies für die Natur draußen gilt. Aber sonst in meinem Leben? Wirklich alles wachsen lassen? Die Hände in den Schoß legen? Mich zurück lehnen? Geht doch gar nicht! Ist doch Wahnsinn? Gewalt, Hass, Streit, Krieg. Dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Lebensweise, ihrer Meinung, ihrer Religion an den Rand gedrängt und verfolgt werden. Da muss ich doch dagegen aufstehen. Da muss ich doch den Mund aufmachen. Da kann ich doch nicht so tun, als ob es der liebe Gott schon irgendwie richten wird. Da ist Widerstand angesagt. Keine Mutter, kein Vater würde doch tatenlos zuschauen, wenn das eigene Kind in Gefahr ist, wenn ihm böses angetan werden soll. Und hinschauen und aufschreien ist doch angesagt, wenn im eigenen Geschäft gemobbt wird, wenn Menschen klein gemacht werden, oder wenn durch unser eigenes Verschulden unser blauer Planet grau wird und dem Abgrund entgegentaumelt.

 

Dann fallen mir aber auch wieder die Gotteskrieger ein. Jene, die alles ganz genau wissen. Richtig und falsch, schwarz und weiß, gläubig und ungläubig, für Gott und gegen Gott. Ja, die wissen das ganz genau. Dann werden die anderen fertig gemacht. Die Ungläubigen. Die Christen. Die Protestanten. Diejenigen, die angeblich nicht so katholisch sind, wie sich das gehört. Dann brennen Scheiterhaufen, dann werden Bürgerkriege entfesselt und fallen sogar Bomben. Alles im Namen des richtigen Glaubens, alles im Namen Gottes, im Namen des Propheten, im Namen Jesu. Nie und nimmer. Spätestens dann muss es gesagt werden: Nein, Gott reißt nicht aus. Gott lässt wachsen und gedeihen. Er richtet auf und richtet niemanden hin. Er ist die Liebe und nicht der Hass. Er möchte Leben in Fülle und niemals den Tod. Wachsen lassen. Bitte nicht ausreißen!

 

„Gott hat das Fragezeichen erfunden. Als Versteck gegen alle, die mit Ausrufezeichen auf ihn einschlagen…“, hat mal jemand gesagt. Weil eben im Leben nicht alles Ausrufezeichen ist. Weil es viele Schattierungen gibt. Vor allem, weil es viele unterschiedliche Menschen gibt. Jede und jeder mit der eigenen Geschichte. Jede und jeder mit dem eigenen Schicksal. Wer bin ich, dass ich urteilen oder verurteilen könnte? Lieber fragen: Warum ist das so? Wie kommt jemand dazu? Wie würde mir es vielleicht an ihrer oder seiner Stelle gehen? Was weiß ich schon?

 

Da sitzt er nun Jesus in seinem Boot. Am Ufer die große Menschenmenge. Alle Augen richten sich gespannt auf ihn. Es brodelt in Galiläa. Es ist Unruhe in Israel. Die religiösen Führer, das Establishment hat sich mit den Römern verbündet. Die lassen alles mit sich machen. Aufstand liegt in der Luft. Revolte. Ein Funke reicht, um das Fass zum Explodieren zu bringen. Auch dort am See unter den einfachen Leuten, die genug haben von Unterdrückung und Ausbeutung durch die Mächtigen. Ein Funke genügt. Jesus entzündet ihn nicht. Keine Gewalt im Namen Gottes. Er hat eine andere Botschaft. Nicht zuschlagen und nicht zurück schlagen. Lieber mit der anderen Wange entwaffnen. Offene Hände statt geballte Fäuste. Er führt ein anderes Leben. Ein Leben, das letztlich am Kreuz beweist: Die Liebe ist stärker als der Tod….

 

„Stell dich in die Sonne!“, haben wir vor einigen Jahren mit unseren Erstkommunionkindern gesungen. Ich muss immer wieder daran denken und dann steigt dieses Lied in mir hoch. Sonne, die wärmt und alle Erstarrung löst. Sonne, die das Leben aus der harten Erde lockt. Sonne, die für Farbe sorgt und für Früchte. Sonne, die mir einfach gut tut, weil es mir besser geht, wenn sie scheint. Sonne des Friedens, der Hoffnung, der Liebe, der Menschlichkeit. Sonne der Gerechtigkeit. Die Sonne rottet das Dunkel nicht aus und sprengt die Dunkelheit nicht in die Luft. Sie scheint einfach. Und wo die Sonne scheint, da ist die Dunkelheit einfach nicht zu sehen und nicht zu spüren.

 

Das gefällt mir. Mich einfach in die Lebenssonne hineinstellen. Jesus leuchten lassen in meinem Leben. Mich für ihn öffnen. Nein, ich werde mein eigenes Dunkel nicht so einfach los und die Finsternis dieser Welt auch nicht. Aber wo ich mich für das Licht öffne, da hat die Dunkelheit letztlich keine Chance mehr. Worte von Hermann Josef Coenen machen mir dazu Mut: „Wir können Ihn nicht vergessen, möchten so sein, so werden, so leben wie Er. Wir möchten lernen von Ihm, wie einer reif wird allmählich in Sonne und Sturm, wenn das Leben uns streichelt und schlägt. Wir möchten lernen von Ihm, wie man das macht, unter den rauhen und stacheligen Schalen des anderen den guten Kern zu entdecken in jedem: Dein Ebenbild, Gott, auch wenn es entstellt ist. Wir möchten lernen von IHM, wie man trotz aller Würmer im Apfel der Welt den Glauben nicht aufgibt an das Gute, an Dich. Wir möchten lernen von Ihm Geduld und Vertrauen und Hoffnung, dass Du, großer Gärtner, uns annimmst und fruchtbar machst heute und am Tag der großen Ernte.“

Georg Lichtenberger

 

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16. Sonntag im Jahreskreis A 19.07.2020.
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