All das Schöne und Miese

Impuls von tobias gfell

Als Jesus am Sabbat einen Mann heilte, gingen die Pharisäer hinaus und fassten den Beschluss, ihn umzubringen. Als Jesus das erfuhr, ging er von dort weg. Viele folgten ihm nach und er heilte sie alle. Er gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. Er wird nicht streiten und nicht schreien und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er dem Recht zum Sieg verholfen hat. Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen. (Mt 12,14-21)

 

Geknicktes Rohr ist für den weiteren Verwer-tungsprozess nicht mehr zu gebrauchen, ein Korbmacher braucht elastische, aber nicht gebrochene Stücke, alles andere wirft er fort.

Und wenn der Docht nur noch glimmt, dann ist das Öl zur Neige gegangen in der Lampenwelt im alten Israel. Entscheidendes fehlt, um noch eine Funktion zu haben.

Dieses Jesajazitat im Matthäusevangelium spricht etwas Leises, Zartes, Behutsames. Der Gerechte Gottes lärmt nicht auf der Straße, er streitet nicht, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Recht wird nicht durch Propaganda vermarktet. Jesus geht fort von denen, die ihn töten wollen. Fort von denen, die ihm die Luft zum Atmen nicht gönnen. Für sie wird es noch eine andere Zeit geben. Jetzt noch nicht. Und die, die ihm nachfolgen, heilt er. Die verbrauchten Menschen, deren Docht nur noch glimmt, weil ihnen die Kraft und Motivation ausgegangen ist. Die Kaputten, die unter Lasten angeknackst oder gar gebrochen sind. Die, deren Leistung für die Gesellschaft eine andere, oft noch nicht wahrgenommene, vielleicht auch nicht verstandene ist, aber keine, die man in Materiellem ausdrücken könnte.

Gut, dass sie noch nachfolgen können, dass sie anknüpfen können an den, der Heiland ist und Heil-Land geben will.

 

Viele schaffen das nicht. Da kann einer noch so sehr Jesus sein, die „Dame in Schwarz“ spielt ein mieses Spiel.

 

Und doch glauben wir, dass wir doch etwas tun müssten für die, die in ihrer Kraftlosigkeit und Krankheit, in ihrer Depression gefangen sind.

 

So denkt es auch ein kleiner Junge im Theater-stück „All das Schöne“ von Duncan Macmillan. Seine Mutter will nicht mehr leben. Was kann er tun? Er will sie aufmuntern mit einer Liste alles Schönen. Er schreibt sie alle auf, die Dinge, die Freude machen, die eine Inspiration sind, für die es sich zu leben lohnt: 1. Geburtstag…, 7. Die Farbe Gelb…, 35. Mit jemandem so vertraut sein, dass man ihn nachgucken lässt, ob man was Grünes zwischen den Zähnen hat…

 

In unserer Kirchenpräsenz in der Bahnhofstr. 26 haben wir auch in den vergangenen Sommern die Passanten gefragt, was für Sie das Schöne ist. Die Antworten der Schülerinnen und Senioren, der Obdachlosen wie der Rechtsanwälte haben wir gesammelt. Hier ein paar Kostproben:

 

No.4: Ein gutes Buch lesen und in eine andere Welt abtauchen –

No.18 Gemüse –

No.25 Alles in der Natur außer Vogelspinnen –

No.34 Durch frisch gefallenen Schnee stapfen –

No. 51 11 Monate alt und die Königin im Kinderwagen –

No. 74 Besonders schön als mich meine Tochter wegen Beziehungsproblemen um Rat fragte –

No.101 Der warme Sonnenstrahl nach dem kalten Wind –

No.107 Frieden mit der Vermieterin –

No. 120 Dass ich auch in der Schule Freunde habe. –

No.127 Ein Kind ohne Drogen. Danke, Vater! –

No. 144 Das pure Leben!

No. 167 Der Luxus, offline zu sein! –

No. 175 Im Sommer barfuß Rasen mähen

 

Die Liste im Theaterstück erreichte am Ende die Anzahl von 1 Million schöner Momente. Alles gut, alles schön?

 

Die Mutter nahm sich trotzdem das Leben.

 

Was soll das also für eine Hilfe sein, die sich ein goldiges, gutmeinendes Kind ausdenkt? Augenwischerei.

 

Erst im Laufe eines solchen Theaterabends realisiert man, wie zerbrechlich das Leben ist, wie viele „geknickte Rohre“, wie viele „glimmende Dochte“ da sind und wie sehr für jede und jeden Einzelne/n es lebenswichtig sein kann die kleinen Freuden im Leben ernst zu nehmen, um nicht an den großen Problemen zu verzweifeln.

 

Er wird nicht zerbrechen, er wird nicht auslöschen. Ein Gott, der so ist, dessen Name ist Hoffnung für die Völker, sagt Matthäus mit Jesaja. Finde ich auch.

 

Zum 18. Juli 2020, Tobias Gfell

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