Impuls zu Mt 13,1-17

am 15. Sonntag im Jahreskreis 12.07.2020

Tacheles! Klartext! Eindeutige Ansage! Kein rumgeeiere! Ich will wissen woran ich bin. Ich mag es, wenn Menschen klar und deutlich, offen und ehrlich sagen was sie wollen und was sie nicht wollen, was sie denken und was sie fühlen. Mir braucht niemand irgendwelche komischen Geschichten erzählen. Ich frage mit den Jüngern: „Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?“ Müssen wir es nicht auch sonst klar und deutlich wissen, was von uns erwartet wird und was nicht? Sind nicht eindeutige Erwartungsprofile viel fairer, als irgendwelche unausgesprochene Wünsche, die zwischen Menschen hin und her wabern und nur dazu führen, dass diese Wünsche frustriert werden? Enttäuschungen sind vorprogrammiert, wo es zwischen Menschen nicht offen und ehrlich, klar und eindeutig zugeht.

Andererseits mag ich natürlich Geschichten. Dass Gott jeden Menschen einmalig geschaffen hat, dass wir für die Freiheit gemacht sind, dass er seinen Sonnenstrahl der Liebe in unser Herz fallen lassen möchte und dass den Glauben weitergeben von Eltern ja nur fordert ihr Kind in das Sonnenlicht der Liebe Gottes hineinzuhalten, das alles erzählt die Geschichte vom kleinen Adler im Hühnerhof. Ich erzähle sie immer wieder gerne bei der Taufe. Das mit der Freiheit, der Liebe Gottes, die uns gilt, der Glaubensweitergabe, das kann man auch in ganz kurzen klaren Aussagesätzen zusammenfassen. Die Katechismen sind voll von diesen Glaubenssätzen. Aber so eine Geschichte, die höre ich doch nochmal mit ganz anderen Ohren. Die höre ich nicht nur mit meinem Verstand. Wenn es gut geht, dann höre ich sie mit den Ohren meines Herzens….

 

Oder die andere Geschichte vom Viertelland, das rund ist wie ein Pfannkuchen und aus vier verschiedenen Vierteln besteht. Jedes Viertel eine Farbe. Alle haben die gleiche Farbe. Die Farbe ihres Viertels. Die Farbe ihres Lebensbereiches. Nur eine Farbe. Die richtige natürlich. Niemand ist bunt. Die Kinder nicht und auch nicht die Erwachsenen. Bis eines Tages dann alle Kinder in der Mitte des Landes, wo sich die Kreidestrichgrenzen kreuzen, treffen. Erbs, vom grünen Viertel, spuckt einfach auf die Kreidegrenze und verwischt sie mit seinen Füßen. Alle anderen Kinder machen mit. Bis es keine Grenzen mehr gibt. Sie berühren einander. Sie spielen miteinander und werden auf einmal alle miteinander bunt. Weil bunte Kinder richtiger sind als einfarbige können die Erwachsenen nichts dagegen tun und manche kriegen sogar selbst ein paar bunte Tupfen…. Eine lange, wie ich finde, wunderschöne Geschichte. Ich kann auch diese in zwei drei Aussagesätze zusammenfassen: Gott hat uns alle unterschiedlich geschaffen. Unsere Verschiedenheit macht uns reich. Bei Gott gibt es kein Schwarz-Weiß. Unterschiede bereichern. Klar. Aber so eine Geschichte, die geht doch noch mal viel tiefer.

 

Oder die Geschichten vom kleinen Tiger und vom kleinen Bär, die unendlich weit nach Panama unterwegs sind, oder aufbrechen „Komm wir finden einen Schatz“. Am Ende der Reise sind sie dann unglaublich müde. Und was machen sie? Sie tragen sich gegenseitig. Einmal trägt der Tiger den Bären und dann wieder der Bär den Tiger, bis sie schließlich nach Hause kommen. „Einer trage des anderen Last!“ Steht schon seit 2000 Jahren in der Bibel. Aber genau dieser Satz muss doch immer wieder in solch einer Geschichte erzählt werden, damit er mit so richtig tief ins Herz fällt und ich das auch lebe, was ich nicht nur mit dem Hirn begreifen kann….

 

Gott hat so viele Geschenke für uns. Seinen Frieden, seine Gerechtigkeit, seine göttliche Menschlichkeit, sein Erbarmen, dass er uns annimmt und Ja zu uns sagt. Er liebt uns mit Haut und Haar und geht für uns durchs Feuer und bis ans Kreuz. So viele Geschenke, die Gott für uns hat. Wir müssen sie nur annehmen. Dass uns dies leichter fällt, dass uns das was Gott uns gibt auch wirklich zu Herzen geht – vielleicht auch deswegen verpackt Jesus diese Geschenke in Gleichnisse.

 

Wir sitzen zusammen und reden über Peru. Wie grausam und fruchtbar die Situation dort ist. Die dritthöchsten Coronazahlen auf dem amerikanischen Kontinent. Am schlimmsten in Peru hat es Ica erwischt. Am schlimmsten in Ica jene Stadtviertel, die zu unserer Partnergemeinde von Liebfrauen gehören. Wer krank wird muss sich seine Sauerstoffflaschen zur Beatmung selbst kaufen. Für ein paar hundert Euro. Niemand darf arbeiten. Niemand darf raus. Aber wer nicht verhungern will muss irgendwie raus und was für sich und seine Familie organisieren. Winzige Unterkünfte mit vielen Menschen drin, weit jenseits aller erforderlicher Hygienestandards. Es ist zum Verzweifeln. So sitzen wir dann auch in der Runde. Reichlich verzweifelt und resigniert. Was können wir schon tun? Bis eine sagt: „Mensch wir haben doch so viele Kerzen aus unserer Werkstatt…“ Und die anderen erinnern sich: Als bei uns ziemlich alles dicht war und auch keine Gottesdienste mehr gefeiert werden konnten, dann sind doch so viele in die Kirche gekommen und haben wenigstens eine Kerze angezündet… Ja, ergänzen andere: Wenigstens eine Kerze können wir für Peru anzünden. Oder zwei. Und wir könnten davon mit dem Smartphone ein Foto machen und jemanden in Peru schicken, von der oder dem wir die Nummer haben. Das braucht nicht viel Worte und keine Sprachkenntnis. Ein Licht für Peru. Da machen bestimmt viele mit und geben auch was dafür, das wir dann weitergeben können, damit dort Lebensmittelpakete gepackt werden. Da machen bestimmt viele mit. Vielleicht hundert, oder sechzig, aber bestimmt mindestens dreißig…. Wir sind an diesem Abend anders auseinander gegangen. Nicht mehr ganz so verzweifelt. Nicht mehr ganz so resigniert. Irgendwie nicht nur ein Licht für Peru…

 

Auch so eine Geschichte. Sie hat mir Mut gemacht. Ich brauche das auch immer wieder. Die Fakten sind seit vielen Jahrzehnten klar. Wir Reichen leben auf Kosten der Armen. Gerechtigkeit ist angesagt in dieser einen Welt und Teilen. Strukturen müssen sich ändern. Unser Konsum auch. Wissen wir alles. Aber solche Geschichten wie an diesem Abend, die zeigen mir dann auch einen Weg, die erinnern mich an meine Quellen, die beleben meine Hoffnung. „Hört nicht auf Kerzen anzuzünden. Wenigstens eine kleine Kerze gegen die große Dunkelheit in Peru, oder bei uns, oder in meinem eigenen Leben. Wenigstens eine Kerze der Hoffnung, der Liebe, der Solidarität, der Nähe, der göttlichen Menschlichkeit. Wenigstens ein kleines Flackern, ein Aufleuchten dessen, der für uns alle Licht der Welt ist.

 

Ja, Jesus macht auch schon mal ziemlich klare Ansagen. Davor drückt er sich nun wirklich nicht. Aber er erzählt auch Gleichnisse. Ich höre sie gerne. Sie wirken in mir nach und ich habe den Verdacht: Vielleicht sollten wir einander ab und zu und viel öfter auch eine Mutmachgeschichte erzählen. Nicht nur unseren Kindern zum Einschlafen. Eher für uns Erwachsene zum Aufwachen - und für den neuen Mut, den wir brauchen.

 

Georg Lichtenberger