Zu kurz gekommen

Tagesimpuls (SA, 11.07.20) von TOBIAS GFELL

Es war eigentlich sehr schön – damals auf dem Marien-feld bei Köln. Ein bisschen kühl vielleicht für eine Nacht im August 2005, aber die Stimmung, die Vigil, die Lichter und Gesänge, die Begegnungen unter rund 1 Million junger Leute aus aller Welt beim Weltjugendtag – da wehte ein guter Geist.

Doch es gab auch andere Szenen. Ganz nach Brecht „Erst das Fressen, dann die Moral“. An Versorgungspunkten waren Lastwagen mit Lebensmittelpaketen deponiert. Und aus irgendeinem Grund loderte die Angst auf, es könnte nicht für alle reichen, so dass sich viele auf die Kartons stürzten, sie aufrissen und ein unschönes Gerangel entfachten. „Der Mensch ist schlecht – das ist leider das einzige, was mir von dieser Nacht bleibt“, resümierte einer und angesichts der vielen aufgerissenen halbleeren Essenspakete muss man sagen: der Mensch ist nicht nur schlecht, sondern auch ziemlich dumm, wenn er Angst hat, zu kurz zu kommen.

Auch in den „heiligen“ Dingen verändert die Angst, wirbeln Urinstinkte. Nur von Luft, Liebe und Nachfolge will man ja auch nicht leben. Selbst die Jünger um Jesus nicht. Es muss sich doch auch lohnen, wie Petrus im Evangelium fragt: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?“ (Mt 19,27)

Kurz zuckt man. Hat man sich doch immer gewundert, dass diese Männer und Frauen (interessant: lt. V.29 hat niemand Frau oder Mann verlassen) alles stehen und liegenließen, um Jesus nachzufolgen. War da auch Kalkül dabei?

 

Und tatsächlich stellt Jesus eine Gleichung auf Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen.“ (Mt 19,29)

 

Ja, für das Hundertfache…

 

Die Jünger waren keine Philosophen, die in heutiger Manier im Weg der Nachfolge schon Sinn genug entdeckten. Sie waren größtenteils Fischer, da brauchte man irgendwann auch mal was Handfestes. Eine handfeste Hoffnung zum Beispiel. Und die gibt Jesus, handfest und weise zugleich, denn letztlich wird damit auch gesagt, dass in unserer Lebenszeit nicht alles aufgewogen oder abgegolten werden kann. Nicht in allem wird sich jetzt und hier ganz unmittelbar ein Sinn zeigen. Gerade auch vieles, was erlitten wird, bleibt erst mal unverstehbar.

 

 

Manches braucht Zeit bis über meine Erdenzeit hinaus.

 

Und wenn das Gefühl zu kurz zu kommen uns übermannt?
 

 

Dazu kann uns der „Vater Europas“ etwas sagen: Benedikt von Nursia, dessen Gedenktag heute ist. Er lebte im 5./6. Jahrhundert, war der Gründer des Benediktinerordens und seine ‚Regula Benedicti‘ ist bis heute Richtschnur und Inspirationsquelle des abendländischen Mönchtums. Ausgehend von dem Gedanken der Gütergemeinschaft in der Apostelgeschichte, in der keiner etwas sein Eigentum nannte, sondern alle alles gemeinsam hatten, gab es doch Zuteilungen für die Einzelnen. Im 34. Kapitel dieser Mönchsregel ist das beschrieben:

 


Die Zuteilung des Notwendigen

 

1.    Man halte sich an das Wort der Schrift: ‚Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.‘ (Apg 4,35)

 

2.    Damit sagen wir nicht, dass jemand wegen seines Ansehens bevorzugt werden soll, was ferne sei. Wohl aber nehme man Rücksicht auf Schwächen.

 

3.    Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig.

 

4.    Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche und nicht überheblich wegen der ihm erwiesenen Barmherzigkeit.

 

Nr.5-7 sprechen dann noch davon, dass mit 1-4 alle zufrieden sein werden. Wer allerdings beim lasterhaften Murren darüber ertappt würde, der solle eine Strafe bekommen.

 

 

 

Nun leben wir nicht in einer Mönchsgemeinschaft, aber wir haben doch gemeinsam, dass uns eine begrenzte Menge an Gaben der Schöpfung gegeben ist. Die müssen wir aufteilen.

Das Prinzip heißt: Was brauchst Du?

Und wenn wir dabei sagen, dass es eine Stärke ist, wenig zu brauchen – und nicht etwa eine Stärke, viel zu haben – wer weiß, wie weit wir damit kommen würden?

 

Zum 11. Juli 2020, Tobias Gfell