Impuls zu Mt 11,25-30 / Sach 8,9f

am 14. Sonntag im Jahreskreis A 05.07.2020

„Warum ist nur immer alles so furchtbar kompliziert“, seufzen nicht nur Schülerinnen und Schüler vor einer schwierigen Mathearbeit. Anderen geht es ähnlich. Oder noch viel schlimmer. Ich denke an jene, die eine schwere Diagnose bekommen haben. Unterschiedliche ärztliche Meinungen vielleicht. Entscheidungen müssen getroffen werden. Ältere Menschen, die Unterstützung, vielleicht Pflege brauchen und mit unserer überfrachteten Bürokratie überfordert sind. Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, bei uns Schutz, Heimat, Arbeit einen neuen Anfang suchen und zwischen Zuständigkeiten und komplizierten Formularen unterzugehen drohen.

Wenn also auch die erstmals in einem offiziellen Dokument aufgeschriebenen (und biblisch begründeten) allgemeinen Menschenrechte in der Praxis nur den freien weißen Männern, nicht aber Frauen, Sklaven und freien Schwarzen zustanden, so war doch mit diesem Text ein unhintergehbarer Anfang gemacht. Ein neuer Wein, eine Kultur der „Glorreichen Sache“, die nicht nur dem eigenen Volk, sondern der ganzen Menschheit zugutekommen sollte.

 

„Warum ist nur immer alles so furchtbar schwierig“, seufze ich zurzeit ab und zu mal, wenn ich auf all die verschiedenen Vorschriften, Instruktionen zu achten und Konzeptionen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zu erstellen habe. Und gleichzeitig: „Wie gut habe ich es doch im Vergleich zu vielen unserer Partnerinnen und Partner z.B. in Peru oder im Kongo, die um das Überleben ihrer Familie, um ihr eigenes Leben bangen müssen….

 

„Kommt alle zu mir“, Einladung an uns alle. Von Jesus höchstpersönlich „Kommt alle zu mir…“ – und dann? Dann sind doch längst noch nicht alle Probleme gelöst. Dann sind doch nicht mit einem Schlag alle Fragen beantwortet. Dann ist doch nicht auf einmal und im Handumdrehen alles paletti. Er bewahrt uns doch nicht vor allem. Auch Christen erkranken an Covid 19 – und manche sterben daran. Auch Christen ertrinken im Mittelmeer. Auch Christen kommen in furchtbar schwierige Situationen im Beruf, in ihren Beziehungen, in ihrem Leben.

 

Wenigstens dürfen wir noch raus…“ Mehr als ein Stoßseufzer in den letzten Wochen und Monaten. Das ist mir hängen geblieben aus der Zeit im März und April. Als alle Nachbarn drin bleiben mussten. Gerade überm Rhein in Frankreich, in Italien, in Spanien. Wochenlang. Monatelang. Das Haus, manchmal das Zimmer nicht verlassen dürfen. In unseren Pflegeheimen war es ähnlich. „Wenigstens dürfen wir noch raus.“ An die frische Luft. Den blühenden Frühling genießen. Den Wind um die Ohren wehen lassen. Tief durchschnaufen nicht nur bei offenem Fenster, sondern mitten in der grünen Lunge des Waldes unmittelbar vor der Haustür. „Mensch haben wir’s gut! Wenigstens dürfen wir noch raus!“

 

Wie gesagt: Ist mir hängen geblieben. „So ist es“, denke ich mir, „nicht nur zu Corona Zeiten.“ Wenn alles so furchtbar kompliziert, so furchtbar schwierig, so furchtbar schlimm ist, dann einfach mal raus. Wenn es irgend geht. Tief Luft holen. Die Welt mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Den Blick in die Ferne schweifen lassen. Nichts denken nur Sonne, Wind und Wetter spüren, staunen und einfach da sein… „Von Innen kann man ein Auto nicht anschieben“, sagt einmal ein renommierter Unternehmensberater. Klar. Dazu muss ich aussteigen. Sonst bleib ich nur die ganze Zeit in der Karre sitzen und klage darüber, dass sie nicht läuft. Stimmt: Ab und zu müssen wir einfach mal raus! 

 

Oder rein. Viele von Ihnen haben es so gesagt und ich habe es auch so empfunden: Eine der besten Entscheidungen, die wir in dieser vergangenen Zeit getroffen haben war, dass wir die Kirchen aufgeschlossen haben. Ich weiß: Manche in unserer Stadt waren ja schon vorher geöffnet. Aber manch andere eben nicht. Wenn alle anderen zuschließen müssen, wenn kein Geschäft mehr auf hat und keine Wirtschaft, das Straßencafé um die Ecke dicht macht, das Kino und das Theater – dann schließen wir auf. Natürlich in Absprache mit unserem Amt für öffentliche Ordnung. Natürlich unter der Auflage, dass nicht mehr als fünf Personen auf einmal in der Kirche sein durften. Aber immerhin: Alles andere zusperren mussten, haben wir auf gemacht.

 

Gott sei Dank! Die angezündeten Kerzen wurden Tag für Tag mehr. Wenigstens in den Kirchen, in denen ich das beobachten konnte. Auch wenn keine Gottesdienste gefeiert wurden: Menschen haben einfach die Nähe Gottes gesucht. Wollten beten. Spüren: Da ist einer da. Da hat sich einer nicht verabschiedet. Da sagt uns einer nicht ab, wo doch alles andere abgesagt wird. „Komm einfach mal her“ – vielleicht hat die eine oder der andere es so gehört ganz tief im Herzen.

 

„Komm einfach mal her“, so wie es Eltern zu ihrem Kind sagen, dass sich eine blutige Nase oder ein aufgeschürftes Knie geholt hat. Und dann nehmen sie es in den Arm. „Komm einfach mal her“, sagen Partner zueinander, wenn es schwierig wird, wenn Worte im Hals stecken bleiben, wenn es dunkel wird – „…komm einfach mal her!“ Das ändert nichts. Die Nase bleibt womöglich blutig und tut jedenfalls immer noch weh, so wie das aufgeschürfte Knie auch. Schwierigkeiten bleiben. Worte stecken immer noch im Hals. Es ist immer noch dunkel. Ändert sich nichts.

 

„Komm einfach mal her“. Das ändert alles. Weil das Kind mit der blutigen Nase und dem aufgeschürften Knie nicht allein bleibt. Weil die Mama oder der Papa drauf bläst, oder es sauber macht und es ein Pflaster gibt. Das ändert alles. Weil Menschen spüren: Da ist noch mehr, noch tieferes, etwas, jemand, der oder die mich trägt, hält und nicht fallen lässt. Egal was kommt. Gerade dann, wenn Worte im Hals stecken bleiben und es dunkel wird. „Komm einfach mal her“, sagt auch Jesus – und ich finde, das tut dann einfach gut.

 

Der Prophet Sacharja hat noch eine andere Hoffnung: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem!“ Und das hat seinen Grund: „Denn dein König kommt zu dir…“ Also Gott selbst und Jesus, der auf einem Esel in Jerusalem einzieht macht dies dann wahr. Das Volk Gottes und jene, die aus ihm hervorgegangen sind, also auch die Kirche, muss es immer wieder lernen, dass nicht nur sie exklusiv gemeint sind. Nein, das gilt der ganzen Welt. Jeder und jedem und jedem Geschöpf. Der, der zu mir sagt: „Komm einfach mal her“, sagt ab und zu sogar: „Warte mal – ich komm zu dir. Ich bin schon auf dem Weg.“

 

Aber ganz egal, ob ich zu ihm kommen darf, oder er zu mir kommt, beides ist dann ähnlich: Frieden kommt an. Ruhe macht sich in mir breit. Ein großes Aufatmen. Ich wünsche es Ihnen und uns allen. Aber nicht nur. Auch hier: Es gilt allen, „…ausgemerzt wird der Kriegsbogen und den Nationen wird Frieden verkündet…von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde…“

 

Georg LIchtenberger

Download
14. Sonntag im Jahreskreis 05.07.2020.do
Microsoft Word Dokument 14.9 KB