„Das Leben kann Spuren von Müssen enthalten“

Impuls für Samstag, 4. Juli von tobias Gfell

Jetzt machen wir unser eigenes Ding – sagte Thomas Jefferson, schrieb es auf und da waren sie nun, die Vereinigten Staaten von Amerika, die immer am 4. Juli ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien gedenken und munter picknicken oder andere Feiertraditionen pflegen. Gerne hätte Jefferson bei dieser Gelegenheit 1776 auch die Sklaverei verurteilt, aber da der Kontinental-kongress auch die Zustimmung der sklaven-haltenden Kolonien zu dieser Erklärung finden sollte, strich man diesen Passus wieder aus der Unabhängigkeitserklärung, die so beginnt:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“

 

Wenn also auch die erstmals in einem offiziellen Dokument aufgeschriebenen (und biblisch begründeten) allgemeinen Menschenrechte in der Praxis nur den freien weißen Männern, nicht aber Frauen, Sklaven und freien Schwarzen zustanden, so war doch mit diesem Text ein unhintergehbarer Anfang gemacht. Ein neuer Wein, eine Kultur der „Glorreichen Sache“, die nicht nur dem eigenen Volk, sondern der ganzen Menschheit zugutekommen sollte.

 

Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während wir und die Pharisäer fasten? Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten. Niemand setzt ein Stück neuen Stoff auf ein altes Gewand; denn der neue Stoff reißt doch wieder ab und es entsteht ein noch größerer Riss. Auch füllt man nicht jungen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Jungen Wein füllt man in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten.

Matthäus 9,14-17

 

So einfach ist das nicht mit dem neuen Wein und den alten Schläuchen. Schon sehr oft dachte ich, dass mich dieser Text stresst.

 

Gern wird er gebraucht von denen, die sowohl wissen, was neuer Wein ist als auch, dass sie die neuen Schläuche kennen. Das Evangelium als neuer Wein, verpackt in einer neuen Form, dann kann es ankommen. Und die, die sich mit neuen Formen schwertun, die krampfen sich damit ab. Das wirkt genauso unglaubwürdig, wie die, die darauf beharren, dass eine Katechese aus den 80er Jahren auch 2020 nicht schlecht sein kann.

 

Mich stresst der Text, weil er auf den ersten Blick so viel verlangt: Ich verstehe darin, dass es nicht reicht, wenn du die Botschaft der Barmherzigkeit und verwandelnden Nähe Gottes nur hörst, gut findest und hier und da anwendest. Das muss auch in neue Schläuche, das muss auch in deine Lebensvollzüge hinein, das muss sich auch bewähren, muss deutlich werden.

 

Muss. Sonst ist es nicht perfekt und irgendwie inkonsequent und auf tönernen Füßen. Das kann sonst nicht klappen, die Schläuche bersten.

 

Es scheint mir so eine Leistungsreligion zu sein. So ein „wenn – dann“. Da muss was funktionieren, wir müssen bekennen mit Gedanken, Worten und Werken. Keine halben Sachen.

Die Unabhängigkeitserklärung ist aus heutiger Sicht so eine halbe Sache, da sie nicht für Frauen und für Schwarze gilt. Das geht gar nicht.

 

Hätten diese Leute aber damals nicht diesen Anfang gesetzt?

 

Erst auf einen zweiten Blick, wenn man den Zusammenhang dieser 4 Verse sieht, wird etwas anderes deutlich. Warum die Jünger Jesu nicht fasten, fragen die Jünger des Johannes. Warum sie sich nicht adäquat und erkennbar als Anhänger dieser Bewegung zeigen, ist die eigentliche Frage dahinter. Und da spricht Jesus von etwas anderem als von einer Leistungsreligion. Teresa von Avila wird es 1500 Jahre später so ausdrücken: „Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn“. Nicht die Leistung zählt, sondern die Situation gibt immer neue Aufgaben.

 

Es gibt eine Zeit für alles, die Tat muss angemessen sein. Das muss zusammenpassen, so wie eben neuer Wein zu neuen Schläuchen passt. Das stresst nicht, das ist ein Kunstwerk des Lebens.

 

Zwei Untersetzer sollen das letzte Wort haben. Sie haben in unserem Haushalt schon so manche Situation kommentiert. Auf dem einen steht: „Achtung! Das Leben kann Spuren von Müssen enthalten.“ Gut, dass mal auch etwas muss, denn wenn es passen soll, dann geht das nicht, wenn alles egal ist.

Und der andere Untersetzer trägt den Schriftzug: „Ich bin übrigens nicht perfekt und ich arbeite auch nicht daran!“ Am Kunstwerk des Lebens arbeitet man nämlich nicht, man steht dazu, wirkt nach Kräften und vor allem lässt man wirken.

 

Zum 4. Juli 2020, Tobias Gfell

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