Impuls zu Mt 10,37-42

am 13. Sonntag A 28.06.2020

„Du bist würdig. Und wie.“ So endet der Impuls von Tobias Gfell zum Samstag. Und dann das: „…ist meiner nicht wert… ist meiner nicht wert… ist meiner nicht wert…“ Nein, nicht nur einmal. Würde ja reichen. Gleich dreimal hintereinander: „Ist meiner nicht wert…“ Ja, was jetzt: „Du bist würdig. Und wie.“ Oder: „…meiner nicht wert…“ Heftig. Dieser Jesus ist nicht pflegeleicht. Er fordert mich ganz schön heraus. Ist es ein „Hallo-aufwachen-Apell“, wenn ich mich zu sehr in meinem Glauben eingekuschelt habe? „Gott vergibt ja sowieso. Ich wenigstens gehe ja noch in die Kirche. Ich wenigstens bin ja noch gläubig. Ich wenigstens halte noch an dem fest, was mir schon als Kind beigebracht wurde…“ Ist das schon alles? Mehr nicht? Könnte schon was dran sein, denk ich mir, an diesem „Hallo-wach-Ruf“ Jesu.

 

Oder muss ich vielleicht nachschauen, für wen die Worte eigentlich sind? Zu seinen Aposteln spricht Jesus. Wahrscheinlich haben die ja oft genug den Krach in der Familie und im Freundeskreis gehabt: „Was rennt der denn diesem Jesus hinterher? Na, ja, wegen mir kann die ja glauben was sie will, aber für den von zu Hause davon rennen? Das geht gar nicht! Jetzt hat er es endlich mal zu was gebracht und könnte das schöne Fischereigeschäft, das schon seit Generationen in der Familie ist, übernehmen… Und was jetzt? Jetzt macht er sich aus dem Staub, zieht in der ganzen Weltgeschichte herum und erzählt von diesem Jesus?“ Ganz zu schweigen von den ersten Christen, die natürlich massiven Verfolgungen ausgesetzt waren…

 

Ich glaube, dann sind diese Worte Jesus auch wieder als kräftige Mutmacher gemeint. Nicht um Menschen klein zu machen. Nicht um ihnen ständig ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich höre da eher die Ermutigung in diesen harten Worten: Nein, es ist nicht alles immer locker, flockig, easy. Manchmal geht es auch um ziemlich brutale Entscheidungen. Manchmal verstehen uns die nächsten Menschen nicht. Trotzdem: Es ist nicht alles gleich-gültig. In dieser Welt, in der global und ohne Grenzen willkürlich gelikt und gehatet wird, in der Beleidigungen und Erniedrigungen grad mal so smart vom Phone gezwitschert werden, in dieser Welt gehört Mut dazu, sich auf die Seite Jesu zu stellen. Es gehört Mut dazu bei der Liebe zu bleiben gegen allen Hass. Schwimmt nicht einfach mit. Stimmt nicht ein in den Chor der Stammtischparolen. Macht nicht die Augen, die Ohren und den Mund zu – Hauptsache keinen Ärger… Es gehört Mut dazu unbequem zu sein und immer noch daran zu erinnern, dass diese Welt und unser Leben auch in dieser Stadt Gerechtigkeit braucht, und Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und jene göttliche Menschlichkeit, ohne die wir alle zum Tier werden.

 

Apropos Tier. Heilige werden ja auch gerne mal mit einem Tier dargestellt. Der Heilige Ulrich zum Beispiel mit dem Fisch. In Huchenfeld feiern wir an diesem Samstag seinen Namenstag. Komisch. Der war doch ein Fürstbischof. Ein sehr erfolgreicher sogar. Beliebt als Friedensstifter, volksnah, glaubwürdiger Vertreter einer menschenfreundlichen Kirche. Nicht nur deswegen hatte er natürlich auch Feinde. Einer von denen schickt ihm mit einem Boten einen Brief. Es ist Freitagmorgen als der Postbote kommt. Der gute Ulrich hat vom Vorabend noch ein Stück Braten übrig. Den gibt er dem Boten mit. Als Belohnung. „Jetzt hab ich ihn“, denkt sich der Bote und präsentiert seinem Herrn, jenem Intimfeind von Ulrich eben, diesen Braten. An einem Freitag! Fleischverbot! Von wegen Heiliger! Nur als der Bote den Braten auspackt, da ist dieser zum Fisch geworden. So die Legende…

 

Da hat wohl jemand den Braten gerochen! Als ob das Freitagsgebot darüber entscheiden würde, ob jemand ein guter Christ ist oder nicht. Als ob Gott mit so kleinen Gemeinheiten zu beeindrucken wäre. Nein, bei ihm kommt es auf ganz anderes an. Dass diese Welt ein Schutzraum des Friedens Gottes werden kann, dass diese Kirche ein Schutzraum der göttlichen Menschlichkeit ist, dass in ihr Menschen aufgenommen und angenommen werden, dafür hat der heilige Ulrich gelebt und sich eingesetzt.

Versöhnung, Frieden, göttliche Menschlichkeit gegen alles kleinliche Gezänk, gegen alle Rechthaberei in Kirche und Gesellschaft, verschwenderische Großzügigkeit der Liebe gegen jede Gesetzlichkeit der religiösen Griffelspitzer – dazu macht mir der hl. Ulrich Mut.

Beim hl. Antonius ist es meist ein Brot und nicht ein Tier. Antoniusbrot. Mehr als an Antonius erinnert es noch an jene junge Mutter, deren kleines Kind durch die Hilfe des Heiligen gesund geworden ist. Dafür war sie so dankbar, dass sie Antonius und seiner Gemeinschaft viele Jahre lang so viel Brot wie ihr Kind wog zur Verfügung gestellt hat, damit diese das Brot an arme Mütter austeilen.

 

Dankbarkeit, Großzügigkeit, offene Herzen und Hände gegen alles „Immer ich zuerst“. Antonius und die junge Mutter machen dazu Mut: „Das könnt ihr leben. Ihr seid es wert das offene Herz und die offenen Hände Gottes in dieser Welt zu sein. Ihr seid würdig, die göttliche Barmherzigkeit und die Verschwendung seiner Liebe hier und jetzt in euer Leben zu tragen!“

Ein Lied spukt mir im Kopf rum, das wir früher oft gesungen haben: „Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gespart, was hast du alles besessen?....Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gewusst, was hast du Gescheites gelernt?... Der Herr wird nicht fragen: Was hast du beherrscht, was hast du dir unterworfen?...Der Herr wird nicht fragen: Was hast du erreicht, was hast Großes gegolten?...Seine Frage wird lauten: Was hast du geschenkt, wen hast du geschätzt? Wem hast du gedient, wen hast du umarmt, um meinetwillen? Seine Frage wird lauten: Was hast du gewagt, wen hast du befreit?...Was hast du bewirkt, wen hast du gewärmt? Was hast Du getan, wen hast du geliebt um meinetwillen?...Seine Frage wird lauten: Hast du mich erkannt? Ich war dein Bruder um deinetwillen?“

Schenken, schätzen, dienen, umarmen, wärmen, befreien – alles Dinge, so meint dieses Lied, worauf es ankommt, wenn er kommt. Ich hoffe ich liege nicht ganz daneben, wenn ich meine, dass Jesus dazu Mut machen möchte. Sogar wenn es sich so scharf und streng anhört, wie dieses dreimalige „meiner nicht wert…“ Wir dürfen und können die göttliche Alternative in all den grausamen Alternativlosigkeiten dieser Welt sein. Wir dürfen und können, so wie wir sind, mit all unseren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, schenken, schätzen, dienen, umarmen, wärmen. Weil wir ja selbst beschenkt, geschätzt, umarmt und gewärmt werden. Daran glaube ich. Dazu macht mir Jesus Mut. Und deswegen kann wegen mir auch dieser Impuls genauso enden wie der letzte: „Du bist würdig. Und wie.“

 

Georg Lichtenberger

 

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13 Sonntag im Jahreskreis A 28.06.2020.d
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