Nicht würdig, merk-würdig, hochwürdig

Zum 27. Juni 2020, Tobias Gfell

Thorsten feiert die Liturgie immer etwas anders als andere, hat er mir mal erzählt. Hier ein Wort weniger, dort ein Gedanke mehr. Die Antworten, die Gebete „des Volkes“ hat er nicht einfach so dahingesagt, sondern hinterfragt, überlegt, was sie in ihm auslösen.

 

So war der Herr nicht nur mit ihm, sondern auch ‚mit dir‘ und nicht „mit deinem Geiste“. Der Geist, den wir alle in der Taufe empfangen haben, macht keine Unterschiede.

 

Erhobenen Herzens erzählte er von dem Priester, der nicht sagte „Erhebet die Herzen“, worauf alle sagen „wir haben sie beim Herrn“, sondern „Wo habt ihr eure Herzen?“. Zum ersten Mal seit langem erlebte er das nicht als Floskel, während derer einer im Messbuch blättern konnte, um die nächste Floskel aufzuschlagen.

 

Als Thorsten mir dies damals erzählte, da kannte ich noch keinen Priester, der mich einlud, das „Durch ihn und mit ihm und in ihm... ist dir Gott alle Herrlichkeit und Ehre“ zu sprechen, statt durch ein knappes „Amen“ nur zu bestätigen. Wie hoch, so sagte er, will denn das Hochgebet sein, damit wir es nicht mehr erreichen und es uns auch nicht? Wenn alle das Tor gesehen und erlebt haben, so ruft dann am Ende einer Tor und alle anderen murmeln ‚So sei es‘? Das ist die Höhe, aber nicht hoch und erhaben.

Und wenn es hieß: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort so wird meine Seele gesund“, da begann er mit: Herr, ich bin würdig...“

Er hat damals sehr oft in seiner Kirche, in der er arbeiten wollte, erlebt, dass man ihn nicht für würdig hielt, wenn er so ist, wie er ist. Auf diesem Hintergrund hat er in diesem Fall hier etwas verschwurbelt, was eigentlich nichts mit einem Machtapparat Kirche zu tun hat, der seine „Schäfchen über die ständige Erinnerung an ihre Unwürdigkeit klein halten wolle“.

Der Satz findet sich beim Evangelisten Matthäus:

Als Jesus nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen. Jesus sagte zu ihm: Soll ich kommen und ihn heilen? Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund! Denn auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selbst Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es. Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden. Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll dir geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde sein Diener gesund. Mt 8,5-10.13

 

„Soll ich etwa kommen und ihn gesund machen?“ Der fromme Jude macht sich im Hause des nichtjüdischen Soldaten unrein. Das wissen alle, auch der Hauptmann, daher: Ich bin nicht würdig, es wäre ein hoher Preis, den Du, Rabbi hier zahlen musst, wenn Du uns hilfst.

Der Hauptmann ist normalerweise ein Macher. Seine Befehle wirken. Doch hier spürt er, dass er mit seinen Mitteln und Befehlen nichts ausrichten kann. Sein militärisches Leben und Denken helfen nicht. Darum begibt er sich zu Jesus. Er erkennt, dass er sich einer Macht anvertrauen muss, die er selber nicht in der Hand hat.

 

Wer muss hier eigentlich gesund werden?

 

Kann es sein, dass hier nicht zuerst der Diener geheilt wird, sondern der Soldat, der sein bisheriges Leben in Frage stellt? Wird etwas heil, wenn er erlebt, dass er im Leben eines anderen Menschen nicht das letzte Sagen hat? Darin übergibt er das Leben des anderen, aber auch sein eigenes Leben der Macht Gottes. Und er darf diese Macht erleben als eine, die herausfordert, ihn aber nicht beiseiteschiebt, nur weil er aus einer anderen Kultur kommt oder einen militärischen Auftrag zu erfüllen hat. Jesus lässt ihn gelten als Mensch, der seine Bedeutung hat. Und das führt sicherlich auch zur Veränderung gegenüber dem Diener, der aus dem Besitz des Hauptmannes nun zu einer eigenständigen Person werden kann. Eine Heilung, die die Veränderung des Hauptmannes bewirkt.

 

„Herr, ich bin nicht würdig“ ist der Beginn des Prozesses der Wandlung, es ist der Beginn der Heraus-Forderung durch Gott, die mit dem Heiligen Geist befeuert wird zum Erleben:

Du bist würdig. Und wie.

 

Zum 27. Juni 2020, Tobias Gfell

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