Keine Berührungsängste

Jesus begegnet dem Aussätzigen (Matthäus 4, 1 – 4)

Letzte Woche im Stadtbus: Eine Frau bekommt plötzlich einen Hustenanfall. Erschrockene Blicke von den Leuten in Ihrer Nähe, alle gehen aus Angst vor Ansteckung reflexartig etwas mehr auf Abstand. Sie selbst schaut mit hochrotem Kopf um sich und stammelt vor sich hin: „Entschuldigung! Kein Corona, ist nur meine Allergie!“ Das Virus ist fies, weil es nicht sichtbar ist, nicht offensichtlich, nicht erkennbar und gerade darin liegt die Gefahr. Vorsicht ist angesagt.

Matthäus beschreibt im heutigen Tagesevangelium eine Situation, in der Jesus allen Grund gehabt hätte, vorsichtig zu sein und auf Abstand zu bleiben. Nach der Bergpredigt sind viele Menschen mit ihm unterwegs, als ein Mann auftaucht und sich inmitten der Menge vor Jesus auf den Boden wirft. Schon von weitem ist erkennbar, dass er von einer schlimmen Krankheit gezeichnet ist. Aussatz, Lepra war bis in die jüngere Geschichte hochansteckend. Im Gegensatz zu Corona eine offensichtliche, erkennbare Gefahr. Um die Ausbreitung der todbringenden Krankheit zu verhindern, gab es nur eine Möglichkeit: die Betroffenen komplett von der Gemeinschaft zu isolieren. Kranke wurden aus der Dorfgemeinschaft und sogar aus ihrer Familie ausgeschlossen. Oft wurden sie in abgelegene, schwer erreichbare Täler verbannt mit allen schrecklichen sozialen Konsequenzen.

Wie kommt der Kranke überhaupt hierher? Hätte ihn denn niemand aufhalten können? Er könnte doch alle anstecken. Ich kann mir gut vorstellen, dass alle Menschen, die dabei waren, vor Schreck zurückgewichen sind. Ganz anders Jesus. Er geht auf den Kranken zu, streckt seine Hand aus und berührt ihn. Viele Heilungserzählungen der Bibel berichten das ähnlich, immer wieder: Jesus berührt die Kranken und durch seine Zuwendung erfahren sie Heilung.

Jesus zeigt damit, wie Gott ist. Er geht nicht auf Distanz zu uns. Er hat keine Berührungsängste. Er kommt uns nahe, rührt uns an trotz aller Ansteckungsgefahr mit seiner liebenden Nähe.

Wenn Gott so ist, dass er sich von nichts abschrecken lässt, auch nicht von dem, was in uns abstoßend, unansehnlich ist, was krankhaft, zerbrochen, unvollkommen ist, nicht einmal von dem, was wir selbst nicht an uns leiden können, dann macht mir das Mut über den heutigen Tag hinaus.

Margarete Hosbach, Gemeindereferentin
26. Juni 2020

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