Matthäus 10,26-33

Darum fürchtet euch nicht vor ihnen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

Impuls zu Mt 10,26-33 am 12. Sonntag A 21.06.2020

Klingt nicht so gut. Zunächst jedenfalls. „Kommt alles raus!“ „Kommt alles ans Licht!“ „Gott sieht alles. Gott hört alles. Gott hat dich schon längst durchschaut!“ Drohungen. Kleine Kinder hat man damit klein gehalten. Auch als Erwachsene. Ein Aufpasser- Gott wurde ihnen in die religiöse DNA eingeimpft. Kein Wunder, dass viele von ihnen auf einen solchen „Überwachungs-Gott“ keine Lust haben…

Andererseits: So erfahre ich es ja auch irgendwie im Moment. Gerade in der Coronazeit. Die Krise bringt so manches ans Licht, macht vieles deutlich, unterstreicht so einiges, macht einiges offen-sichtlich, was wir eh schon geahnt haben. Wenn auf einen Schlag 7000 Mitarbeiter*innen einer Fleischfabrik in Quarantäne geschickt werden. Da kann doch was nicht stimmen mit unserem Billigfleisch. Da läuft doch einiges schief mit unserem Bedürfnis nach dem täglichen Fleisch, wo doch Jesus nur vom täglichen Brot spricht. Das geht doch überhaupt nicht, dass Billiglohnkräfte, für billiges Fleisch sorgen und unter grausam billigen, primitiven, unzumutbaren Umständen wohnen und leben müssen. Corona macht es deutlich: Das geht nicht so weiter. Das kann auch nicht länger, vertuscht, versteckt, gerechtfertigt werden. Vor allem: Ich kann etwas tun mit meinem Hunger nach dem täglichen, billigen Fleisch…

 

Die Krise bringt es ans Licht: vor allem die Ärmsten der Armen leiden am brutalsten. In Peru, in Brasilien, in Indien, in Angola und so vielen Ländern Afrikas, Südamerikas, Asiens. Aber auch bei uns. Jene, die in beengten Verhältnissen leben müssen, Arbeitslose oder jene, welche um ihren Job fürchten müssen, sozial Benachteiligte, die trifft es auch bei uns besonders hart. Armut macht krank. Corona bringt ans Licht, was eh schon Fakt ist.

 

So manches kommt in diesen Tagen zum Vorschein, was zuvor erfolgreich verborgen, verhüllt, versteckt und unter den Teppich gekehrt werden konnte. Ich finde schon, dass da auch die Chancen in dieser Krise liegen. Wir können miteinander lernen. Wie wir leben können. Wie wir möglichst nicht auf Kosten voneinander und von anderen leben. Wie wir überhaupt überleben können auf dieser gebeutelten Erde.

 

Ob es Jesus überhaupt darum geht? Seine Worte klingen wohl besonders seinen ersten Freundinnen und Freunden in den Ohren, die nach seinem Tod und seiner Auferstehung, seine frohe Botschaft verkünden wollten: „Die Liebe ist stärker als der Tod. Hände reichen ist besser als Fäuste ballen. Es geht um das, was nicht mit Geld zu kaufen ist. Gott ist für uns wie ein guter Vater, wie eine gute Mutter. Er hilft uns auf die Füße und er möchte dass wir das Leben in seiner ganzen Fülle haben und nicht kleingehalten, niedergemacht und unterdrückt werden. Es geht um Gott und nicht um den Kaiser und die anderen Herren dieser Welt. Es geht um Gott und darum, dass sein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit, der göttlichen Menschlichkeit auf dieser Erde anbrechen möchte….“

 

Mit einer solchen Botschaft konnten sie eben nicht aufs Dach steigen und nicht die Bühne dieser Welt betreten, ohne dass sie dafür niedergemacht, verfolgt und umgebracht worden wären. Ich denke an die Jünger vor Pfingsten hinter verschlossenen Türen, im stillen und dunklen Kämmerlein. Oder an versteckte christliche Häuser in Rom mit dem Geheimzeichen des Fisches, weil sie sich verstecken mussten vor brutaler Verfolgung. Deswegen: „Was jetzt nicht gehört wird, was jetzt nur als stille Post um die Welt geht, was ihr euch jetzt noch überhaupt nicht zu sagen traut – das wird nicht verborgen bleiben. Wirkungslos auch nicht. Auch wenn ihr euch nur hinter verschlossenen Türen von mir zu erzählen traut, mein Brot der Liebe in dunklen Verstecken miteinander brecht, wenn ihr höchstens noch in Synagogen von mir erzählt und Angst um euer Leben haben müsst – das alles ist nicht umsonst und nicht vergeblich!“

 

Mutmachtexte in Verfolgung und Versteck, in Angst und Niedergeschlagenheit. Auch für mich? Ich werde doch nicht verfolgt. Ich kann doch offen und frei reden. Ich muss mich doch nicht verstecken. Bestimmt nicht. Aber, was mich wirklich im Innersten bewegt, was mir wichtig ist – kommt es an, wird es verstanden, hört überhaupt jemand zu? Unsere Botschaft von Jesus, vom Reich Gottes für diese Erde: Systemrelevant? Lebenswichtig? Der Meister der Geister hat jeden Samstagabend ein zigfaches an mehr an begeisterten Zuschauern, als der noch so gute, noch so tiefe, noch so eindrückliche und begeisternd gefeierte Fernsehgottesdienst am Sonntagmorgen. Auch zu Coronazeiten…

 

Ob das was wir in dieser Krise lernen könnten, ob das was wir im Hören auf Jesus und seine Botschaft für uns selbst lernen könnten und für das Überleben dieser Welt, ob das noch interessiert, zählt, bewegt und beschäftigt?! Und schon bin ich beim Klagen und Jammern – furchtbar! Und so will ich eine frohe und befreiende Botschaft verkünden? Also auch ich, vielleicht wir alle, wenn wir nur noch klagend, jammernd, anklagend Kirche sind mit hängenden Schultern und Köpfen, wir alle brauchen doch diese Worte, die uns Mut machen:

 

„Was heißt hier umsonst und vergeblich? Es geht doch nicht um Einschaltquoten und Erfolgsstorys und die besten Schlagzeilen. Alles Quatsch. Es geht um Gott. Es geht um seine Liebe, um seinen Frieden, seine göttliche Menschlichkeit. Das alles gehört ihm. Das alles kann ihm niemand nehmen. Er schenkt und er verteilt und er wirft diese Liebe, diese Gerechtigkeit, seinen Frieden und seine göttliche Menschlichkeit mitten hinein in diese Welt. Auch in eure Gesellschaft. Auch in eure Kirche. Mitten hinein in dein Leben. Mit offenen Händen. Ohne zu knausern. Überreichlich. Mit offenem Herzen. Ob andere das aufnehmen, sich beschenken lassen, das kannst du nicht machen. Aber: Du bist beschenkt! Du bist unendlich getragen, gehalten, geborgen. Nimm an, danke und lebe daraus. Die beste Voraussetzung, dass das was Gott schenkt und für diese Welt möchte nicht verloren geht….“

 

Ob das reicht? Ob wir so die Welt aus den Angeln heben können, die Armut besiegen und die Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg“? Nicht so schnell. Nicht so einfach. Stolpern und Fallen krieg ich wahrscheinlich nicht aus meinem Leben vertrieben. Aber in „Auferstehung“ steckt ja „aufstehen“ drin, nicht liegen bleiben. „Gott und ich sind immer in der Mehrheit…“, sagt einmal die Hl. Teresa von Avila. Klingt doch gut. Mir klingt das verdächtig nach Jesus und seinen Mutmachworten für seine Freundinnen und Freunde. Auch für mich. Auch für uns….


Georg Lichtenberger

 

 

 

Download
12. Sonntag im Jahreskreis A 21.06.2020.
Microsoft Word Dokument 16.0 KB