Lieben und Fressen?

Zum 20. Juni 2020, Tobias Gfell

Sie heißt Mila. Und sie tut, was Katzen so tun, kurz bevor die Menschen schlafen gehen oder mittendrin, wenn ich versuche, den Impuls für Samstag zu schreiben: sie fängt Mäuse. Nicht, dass in unserem Wohnzimmer diese frei herumlaufen würden. Sie fängt sich in der Regel eine Maus im Garten und bringt sie zum Spielen, zum Zeigen und irgendwann auch zum Fressen mit in die Wohnung.

Bei allem Verständnis für die Natur einer Katze: Gewöhnen kann ich mich nicht daran.


Die hör- und sichtbare Angst der Mäuse gibt der Harmonie der Schmusekatze einen bitteren Beigeschmack. Das Volk der Mäuse in und um die Liebfrauenstraße – nicht Segen, sondern die raue Pfote der Katze liegt auf ihm. Jeder, der das sieht wird erkennen: Das sind nicht die Nachkommen, die der Herr gesegnet hat – denke ich so, während ich Jesaja 61 lese.

Jes 61,9-11So spricht der Herr: Die Nachkommen meines Volkes werden unter den Nationen bekannt sein und ihre Sprösslinge inmitten der Völker. Jeder, der sie sieht, wird sie erkennen: Das sind die Nachkommen, die der HERR gesegnet hat. Von Herzen freue ich mich am HERRN. Meine Seele jubelt über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam sich festlich schmückt und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt. Denn wie die Erde ihr Gewächs hervorbringt und der Garten seine Saat sprießen lässt, so lässt GOTT, der Herr, Gerechtigkeit sprießen und Ruhm vor allen Nationen.

Wie ist das denn jetzt mit Gott? Tut er auch, was Götter so tun? Was ist denn da gerecht? Liegt es „in seiner Natur“ die einen zu lieben und die anderen zu fressen? Immer wieder in der Osternacht muss ich das fragen: „Rosse und Reiter warf er ins Meer“, die Ägypter kommen in den Fluten des Roten Meeres um, damit die Israeliten gerettet werden. Glücklich also, wer zum „richtigen“ Volk gehört? Wer hat die Exklusivrechte?

Wie geht der jüdische Glaube mit diesen Fragen um? Überrascht lese ich, wie das Pessach-Fest beginnt. Nicht grenzenlose Freude über die Errettung beim Auszug aus Ägypten herrscht dort, sondern bei der Erwähnung jeder der Plagen, mit denen die Ägypter geschlagen werden, wird ein Tropfen Wein verschüttet, so dass der Kelch der eigenen Freude nicht voll ist. Im Talmud findet sich der Hinweis auf die Frage der Engel ob Gott nun froh sei, dass sein Volk gerettet ist. Die Antwort Gottes: „Wie kann ich mich darüber freuen, wenn meine Geschöpfe ertrinken?“ Die Ägypter sind auch seine Geschöpfe. Was allgemein bei der Schöpfung gilt, gilt ganz konkret für die weißen, schwarzen, Küsten- und Berg-Völker, wie zum Beispiel beim Propheten Amos zu lesen ist: „Wohl habe ich Israel aus Ägypten heraufgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir.“ (Am 9,7)

Ein Gott für alle wird hier gezeichnet, keine Exklusivität, wie hier und da angenommen. Und darin bringt er Gerechtigkeit hervor und „kleidet in Gewänder des Heils“. Gerecht lebt, der so zu Gott und den Menschen steht, dass Gottes Heilswille für alle wirksam werden kann. Rettend, liebend, aufhelfend.

Denn was wir schnell als willkürlichen Gott der Gewalt vermuten, hat doch auch die Seite des Königs, der sich, auch im Zorn, um die Bedrohten und Bedrängten kümmert, den Schutzlosen zu Gerechtigkeit verhilft.

Die Katze war bei den alten Ägyptern heilig. Wohl gerade weil sie Mäuse fing. Denn Getreide galt als kostbar und die kleinen Nager waren eine große Gefahr für die Versorgung der Bevölkerung. Da waren die Katzen ein wirksamer Schutz vor dem Verhungern.

Ein wenig bin ich versöhnt mit meiner Katze.

Vor allem aber mit Gottes Gerechtigkeit.

Zum 20. Juni 2020, Tobias Gfell

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