Impuls zu Ex 19,2-6a/Mt 9,36-10,8

von pfr. lichtenberger am 11. Sonntag im Jahreskreis A 14.06.2020

„Die Krankenhäuser sind überfüllt, es fehlt an Medikamenten und an Sauerstoff… Alle Unternehmen sind geschlossen. Es gibt keine Arbeit, die Menschen hungern und müssen sich der Ansteckungsgefahr aussetzen. Deshalb wurden von Codehica und von der Pfarrei aus Tüten mit Lebensmitteln in vielen besonders armen Gebieten verteilt…. Die einzige Tätigkeit in der Pfarrei ist die Verteilung dieser Tüten. Ansonsten keinerlei Zusammenkünfte, keine Gottesdienste…“, schreibt P. José Manuel. Und Cristina, die uns noch vor knapp einem Jahr besucht hat: „In Acomayo ist die Krankenstation in Betrieb. Wie ich hörte, arbeitet P. Antonio am Empfang, wenn die Labortechnikerin nicht da ist…“ – So sieht es aus in Acomayo Ica in Peru, in der Partnergemeinde von Liebfrauen. Die Briefe haben uns in der letzten Woche erreicht. Erschütternd. Peru wird im Moment sehr heftig vom Corona Virus heimgesucht. Dazu kommt noch das Dengue-Fieber. Die Ärmsten der Armen trifft es wieder mal besonders hart. Kein funktionierendes Gesundheitssystem. Keine Kurzarbeit mit entsprechender Vergütung. Kein Arbeitslosengeld. Wer nicht arbeiten kann muss hungern, wenn es ganz schlimm kommt verhungern.

„Die einzige Tätigkeit in der Pfarrei ist die Verteilung dieser Tüten… P. Antonio arbeitet am Empfang der Krankenstation…“ Daran musste ich denken, als ich die Worte Jesu gelesen habe: „Heilt Kranke,…macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben…“ Dazu schickt Jesus seine Freundinnen und Freunde aus. Nicht um die Welt zu bekehren. Nicht um schöne Gottesdienste zu feiern. Nicht um den Leuten die Meinung zu geigen, oder alles besser zu wissen. Nein: „Kranke heilen, Aussätzige rein machen, Dämonen austreiben…“

Kranke heilen. Aber wie? Wir sind doch keine Ärzte. Kranke sind ein Fall fürs Krankenhaus. Wie sollen wir denn Kranke heilen? Wir haben nicht das nötige Fachwissen und nicht die richtige Medizin. Gott sei Dank haben wir ein einigermaßen funktionierendes Gesundheitssystem. Gott sei Dank, gibt es bei uns qualifizierte Ärztinnen und Ärzte, und Pflegepersonal. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Jesus seine Freundinnen und Freunde nicht so einfach springen lassen würde. Klar braucht es die Mediziner und die Medizin, damals wie heute. „Aber schaut doch bitteschön auch mal bei Euch selbst nach. Was habt ihr zu bieten? Vielleicht brauchen Kranke einfach mal ein gutes Wort, einen aufmunternden Blick, Aufmerksamkeit, Nähe. Dass jemand nach ihnen fragt, sich für sie interessiert. Eure Nähe, Eure Aufmerksamkeit, euer gutes Wort und euer aufmunternder Blick, der kann ihnen doch einfach gut tun. Wer weiß, ob dies zum Gesundwerden für Kranke nicht mindestens genauso wichtig ist, wie die beste Medizin.“ P. Antonio steht am Empfang der Gesundheitsstation. Das beschämt mich. Das bewundere ich. Hier zeigt ein Pfarrer: Jetzt geht es nicht um Gottesdienste und wie wir doch noch irgendwie beten und unser Gemeindeleben retten können. Jetzt geht es darum, dass jene, die es brauchen spüren dürfen: Wir sind nicht vergessen! Jetzt geht es darum, dass die Freundinnen und Freunde Jesus nichts anderes tun, als für andere da zu sein. Zum Beispiel am Empfang der Krankenstation. Hut ab, P. Antonio!

Aussätzige rein machen. Aber wie? Wir müssen doch gerade auf Distanz gehen. Ja nicht andere berühren. Masken tragen. Hygiene und Abstandsregeln einhalten. Das ist wichtig. „Die einzige Tätigkeit in der Pfarrei ist die Verteilung dieser Tüten…“ Wenigstens das geht. Und das ist doch entscheidend. Eine Tüte mit Lebensmittel vor die Haustür stellen. Jene, die sich nicht selbst versorgen können, die zu Hause bleiben müssen, nicht vergessen. Das rettet Leben. So wird Nähe denen geschenkt, denen niemand nahe kommen darf, den Aussätzigen, den Infizierten mit Covid 19 oder Dengue-Fieber. „Die einzige Tätigkeit in der Pfarrei ist die Verteilung dieser Tüten…“ Hier gehen Menschen in den Spuren Jesu. Gott sei Dank!

 

Dämonen austreiben. Aber wie? Die Menschen in Peru stehen mir vor Augen, wie sie die Lebensmitteltüten verteilen. Aber ich muss gar nicht so weit gehen. Was hat mir gut getan in diesen letzten Wochen? Was war mein Lebensmittel gegen die Dämonen der Angst, der Unsicherheit, der Hilflosigkeit? Menschen. Jene in der Kirche, die einfach ein Kerzchen angezündet haben. Jene, die ich im Wald oder auf der Straße getroffen habe – und dann das gute Gefühl: Wir sind nicht allein. Es sind alle noch da. Wir sind füreinander da. Die freudestrahlenden Augen der älteren Menschen beim Gottesdienst vor dem Pflegeheim. Die tollen Ideen wie wir mit unseren Familien und den Kindern in Kontakt bleiben können. Ausgemalte Mandalas in unserer Kirche, die vielen Ideen zur Gestaltung dieser Zeit, was alles am Kreuz Jesu abgelegt wurde und was auf die Holzscheiben geschrieben wurde. E-Mails und Telefonate, das Gefühl, dass wir aneinander denken und mit dem Herzen ganz nahe beieinander sind. Also das hat bei mir schon so manchen Dämon der Angst, des Zweifels, der Unsicherheit vertrieben.

 

Jetzt habe ich noch überhaupt nichts dazu gesagt, dass wir um Berufungen beten sollen. Wo doch Jesus unmissverständlich sagt: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter in seinen Weinberg zu schicken..“  Ja, das ist bestimmt wichtig und richtig. Aber mir ist heute einfach so richtig ins Auge gesprungen, wozu Jesus seine Freundinnen und Freund eigentlich ausschickt: Kranke heilen, Aussätzige rein machen, Dämonen austreiben. Jesus ist anscheinend so richtig davon überzeugt: Seine Freudinnen und Freund können anderen einfach gut tun. Sie können denen, die das gerade besonders brauchen, zeigen: „Gott hat dich nicht vergessen. Wir vergessen dich auch nicht. Wir sind für dich da.“

 

Nicht als lebendigen Vorwurf hat Jesus seine Freundinnen und Freund in die angeblich ach so böse Welt geschickt. Nein, in diese von Gott so unendlich geliebte Welt schickt Jesus Menschen, damit sie es allen, die es brauchen, spüren lassen: Gott hat euch immer noch nicht vergessen. Gott wird euch niemals vergessen. Er ist für euch da. Wir haben es selbst so erfahren. Wie er damals seinen Bund mit dem Volk Israel geschlossen hat, so ist er immer noch mit uns im Bunde. Seine Nähe tut uns einfach gut. In ihr leben wir auf. In ihr werden wir gesund, so richtig von innen heraus, selbst dann wenn wir körperlich vielleicht nicht mehr auf die Höhe kommen sollten. Gott tut uns gut. Wir können einander gut tun. Er ist eine Wohltat für uns und für diese Welt. Nichts anderes sollen doch wohl die Freundinnen und Freunde Jesu sein, oder? Eine Wohltat für die Welt in der sie leben.-  „Die einzige Tätigkeit in der Pfarrei ist die Verteilung dieser Tüten… P. Antonio arbeitet am Empfang der Krankenstation…“ Eine Wohltat für die Menschen. Unsere Geschwister in Peru machen mir in diesen Tagen genau dazu Mut…

 

Georg Lichtenberger

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