Impuls zu Joh 3,16-18/Ex 34bff

am Dreifaltigkeitssonntag 07.06.2020, von PFARRER LICHTENBERGER

In einem Text von Marie-Luise Lanwald wird der Dreifaltige Gott mit einem Taschentuch verglichen. Das kann ich ausfalten und erst, wenn ich es wirklich ganz entfaltet habe, kann ich es brauchen. Gott faltet sich aus als Schöpfer der Welt, in Jesus seinem Sohn, in seinem guten, schöpferischen Geist. Er entfaltet sich in diese Welt hinein – ähnlich vielleicht wie ich ein Taschentuch entfalten kann…

Taschentuch. Brauchen wir das überhaupt? Ich meine zurzeit? Trägt doch jeder sein „Mauldäschle“ und wenn wir Niesen müssen, dann sollen wir doch sowieso in die Armbeuge niesen. Taschentuch überflüssig?

Taschentuch als Symbol für den dreifaltigen Gott…auch in dieser Hinsicht? Brauchen wir Gott überhaupt noch? Ist Gott systemrelevant? Dass wir – seine Kirche – kaum gebraucht sind und so gut wie nicht systemrelevant, das haben wir ja in den letzten Wochen mitbekommen. Die Verkäuferin im Supermarkt und an der Kasse, die wird gebraucht. Genauso selbstverständlich wie das medizinische Personal. Aber die Kirche? Pfarrer? Hauptamtliche? Gemeinden? Gottesdienste? Glaube? Religion? Geht doch auch ganz gut ohne das alles. Klar. Kirchgänger und fromme Christen vermissen etwas. Aber wir sind in der Minderheit. Eindeutig. Die Mehrheit kommt doch ganz gut ohne Glaube, ohne Gott, ohne Religion, ohne Kirche aus. So ist es allem Anschein nach und wir müssen wohl den Tatsachen in die Augen schauen… Überflüssig, eher von Gestern, wie ein Taschentuch, das aus der Mode gekommen ist…

„…Gott hat die Welt so sehr geliebt…“, höre ich. Die Worte hallen in mir nach. So rum ist es also: Ganz egal, ob wir ihn brauchen oder nicht, ganz egal, was die „Welt“ von ihm hält, sogar wenn sie ihn aus der Welt heraus ans Kreuz drängt, aufs Kreuz legt, umbringt – „Gott hat die Welt so sehr geliebt…“ Wenn es nur darum geht? Nichts und niemand kann Gott davon abhalten seine Welt zu lieben. Darum geht es doch. Kein Hass, kein Streit, kein Krieg, kein zum Himmel schreiendes Unrecht, nicht mein Versagen, nicht meine Kleingläubigkeit, nicht mein Stolpern und Fallen – nichts und niemand kann Gott daran hindern seine Welt zu lieben und in ihr sogar mich!

 

Bilder aus den USA sind mir – bestimmt vielen von uns – besonders nachgegangen. Die grausame Ermordung von Georg Floyd durch die Polizisten in Minneapolis. Der amerikanische Präsident, der sich den Weg zur Kirche frei prügeln lässt und dann mit der Bibel in der Hand vor den Fotografen posiert. Wie zynisch. Ich finde das nur daneben, empörend, skandalös.

 

„…Gott hat die Welt so sehr geliebt…“ Ich glaube er liebt sie immer noch, diese seine Welt. Er liebt jede und jeden auf ihr. Jede und jeden. Vielleicht geht es ja nur darum, dass ich dies zulasse. Vielleicht geht es ja nur darum, dass ich mich von Gott lieben lasse. Wenn ich wirklich spüre und begreife, dass ich von Gott gehalten bin, wie kann ich dann jemanden anderen einfach fallen lassen? Wenn ich spüre und begreife, dass Gott mich so annimmt wie ich bin, wie kann ich dann jemanden anderen ausgrenzen nur weil er oder sie anders ist als ich, anders aussieht, anderes glaubt, anders lebt? Wenn ich spüre und begreife, dass Gott mir immer wieder vergibt, mir immer wieder die Hand entgegenstreckt, wie kann ich dann die Faust ballen?

 

Das möchte ich auch feiern und dafür Danke sagen an diesem Dreifaltigkeitssonntag: Dass Gott, der Vater, immer noch seine Welt liebt und alle seine Geschöpfe, die auf ihr leben. Dass Jesus, der diese Liebe Gottes auf so einzigartige Weise auf dieser Erde verkörpert ist, dass er immer noch die Anwesenheit Gottes unter uns ist, liebt und leidet und sich verschwendet und hingibt, in allen die von Herzen lieben und in allen, die leiden müssen auf dieser Erde. Dass dieser Geist der Liebe immer noch und ohne Wenn und Aber hineinwehen möchte in diesen blutrünstigen Dunst der Menschenverachtung, in Mord und Totschlag und Habgier, in Gewalt und Diskriminierung. Dieser dreifaltige Gott hört nicht auf diese Welt zu lieben, in und aus dieser Liebe heraus, die er selbst ist. Er ist und bleibt liebende Beziehung in sich selbst und zu seiner Welt und zu jedem seiner Geschöpfe.

 

Dann lande ich doch nochmal beim guten alten Papiertaschentuch. Ich kann es entfalten. Deswegen ist es ja auch als Symbol für Gott gedacht. Weil er eben nicht einfältig ist, sondern sich immer mehr entfalten möchte, hineinfalten möchte in mein Leben und in seine Welt. Nein, wir brauchen ihn nicht so sehr als Erklärung für unsere Probleme. Ob wir ihn brauchen oder nicht, ist ja gar nicht so sehr die Frage. Er ist einfach da mit seinem großen Herzen, dass für seine geliebt Welt schlägt. Mit ihr möchte er sich immer wieder hineinentfalten in diese Welt. Immer wieder neu. Voll Fantasie. In unterschiedlichen Gestalten. In verschiedenen Menschen und in die unmöglichsten Situationen hinein. Er hört nicht damit auf.

 

Ich glaube, das haben wir dann auch bitter nötig. Dass sich die Liebe Gottes voll Fantasie und unermüdlich hineinentfaltet in diese gewaltstarrende Welt. Dass ich diese Liebe begreife und ergreife und mich von ihr ergreifen lasse, damit ich aus ihr lebe und andere in ihr leben lasse.  Wie Mose möchte ich diesen Gott, der langmütig ist und geduldig, barmherzig und gnädig, der nichts anderes ist als unendlich geduldige und verschwenderische Liebe, wie Mose möchte ich zu diesem Gott rufen: „Zieh doch in unserer Mitte. Geh mit uns auf unseren Wegen. Verabschiede dich nicht aus dieser Welt. Lass Deine Liebe unter uns leben – wir haben sie doch so bitter nötig!“

 

 

 

Georg Lichtenberger