Ungemütliche Gemütlichkeit

Zum 6. Juni 2020, Tobias Gfell

Wer kennt es nicht, das Lied von Balu dem Bären im ‚Dschungelbuch‘? Darin die überzeugenden Zeilen: „Probier's mal mit Gemütlichkeit. Mit Ruhe und Gemütlichkeit vertreibst du deinen ganzen Sorgenkram. Und wenn du stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist, dann nimm es dir egal woher es kam. Denn mit Gemütlichkeit kommt auch das Glück zu dir! Es kommt zu dir!“

Dem gestressten Mitteleuropäer, der ständig immer wieder vergisst, dass er seine Balance verliert wegen des Stresses, wegen der Ansprüche, wegen der Schwere des unbeherrschbaren Lebens, dem tut es gut, von Leichtigkeit zu singen und davon, dass in der Ruhe auch das Glück kommt. Es gehört zu unserer Entschleunigungsspiritualität – und das ist in vielen Situationen nichts Schlechtes - dass doch alles da liegt am Wegesrand, oft sogar gemütlich zu erreichen.

Ein Sehnsuchtslied.


Denn wir haben verinnerlicht „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Wir haben die Muße, das absichtslose Nichtstun mit Faulheit in Verbindung gebracht. Wer nicht arbeitet, nutzt die anderen aus, macht sich lustig über die, die alles am Laufen halten, die rechtschaffen ihre Aufgaben erfüllen, lebt auf Kosten der Allgemeinheit und ist Anlass und Auslöser für Ärger, Neid und Abwertung.

Es sind die Menschen, die nichts leisten und nichts bringen. Weniger ist eben nicht mehr. Im Grunde passen sie uns nicht. Und das Evangelium (Mk 12,41-44) des heutigen Tages passt nicht in unser Urteil.

Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein.

Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.

Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles hergegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Es passt auch nicht zur Gemütlichkeit, sondern ist im Gegenteil äußerst ungemütlich.

Fasziniert von diesem Ereignis ruft Jesus sofort seine Jünger, um Ihnen mitzuteilen, was er an dieser Frau verstanden hat. Sie wirft alles, was sie besaß in den Opferkasten, aber entscheidend ist nicht die Größe, die Menge, die Zahl des Opfers.


Entscheidend ist das Unbezahlbare, die Hingabe.

 

So lebt er, so wird er sterben. Sehr ungemütlich.

Es ist gut, wenn uns dieses Evangelium einen Stich gibt. Essentiell ist die einfache aber alles verändernde Erkenntnis, was wir geben, zu geben haben, woran wir uns messen sollen.

Es ist ungemütlich, Hingabe zu leben. Es ist schwierig, oft verbunden mit Angst selbst dabei unter die Räder zu kommen, es ist eigentlich auch nicht möglich.

Aber, ich kann ja üben.

Es wäre doch toll, wenn ich dabei ein wenig eine Ahnung davon bekäme, worum es beim Christsein eigentlich geht. Eine Hilfe ist mir dabei ein Taizelied, in dem es heißt: „Gott ist nur Liebe. Wagt für die Liebe alles zu geben. Gott ist nur Liebe, gebt euch ohne Furcht.“

Probieren wir es also lieber nicht mit Gemütlichkeit?

Doch, denn das Bild vom Müßiggang ist ein Lebensbild, das sich befreit von der Fremdbestimmung und Raum lässt für die Begegnung mit Gott, auch für die ungemütliche, wachrüttelnde.

Was ist sie auch wert, eine gestresste Hingabe, die nichts vom Leben verstanden hat als Pflichterfüllung? Wo es doch bei der Hingabe um viel mehr geht, dass wir den Sinn unsers Daseins nicht verfehlen.

Zum 6. Juni 2020, Tobias Gfell

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