Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden

Impuls zum Evangelium am Donnerstag der neunten Woche im Jahreskreis II

In jener Zeit

ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin

und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?

Jesus antwortete:

Das erste ist: Höre, Israel,

der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.

Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben

mit ganzem Herzen und ganzer Seele,

mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

Als zweites kommt hinzu:

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

 

Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister!

Ganz richtig hast du gesagt:

Er allein ist der Herr,

und es gibt keinen anderen außer ihm,

und ihn mit ganzem Herzen,

ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben

und den Nächsten zu lieben wie sich selbst,

ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.

Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte,

und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.

Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.



Das Schma Jisrael (deutsch ‚Höre, Israel‘) ist das wichtigste Gebet der Juden. Es ist benannt nach dem Anfangssatz eines Abschnitts aus der Tora (Dtn 6,4-9):

 

Höre Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.

 

Dieser Satz ist zentraler Bestandteil des jüdischen Morgen- und Abendgebets. Jeder gottesfürchtige Jude betet diesen Satz also mindestens zweimal am Tag und kann ihn demzufolge auswendig rezitieren. Der Satz ist ein Bekenntnis zur Einzigartigkeit Gottes. Die darin enthaltene Aufforderung, Gott zu lieben, bezieht sich auf die Treue zu dem Bund, den Gott mit dem Volk Israel geschlossen hat. Das Schma Jisrael ist damit nicht nur ein Glaubensbekenntnis, sondern auch Ausdruck des Selbstverständnisses des Volkes Israel als ein von Gott erwähltes Volk.

 

Es ist also kein Wunder, dass Jesus auf die Frage, welches das wichtigste Gebot sei, mit dem Schma Jisrael antwortet. Wenn die Antwort aber absolut selbstverständlich ist, dann verwundert es allerdings, dass der Schriftgelehrte diese Frage so überhaupt gestellt hat.

 

Vor dem Dialog mit dem Schriftgelehrten ist Jesus von Mitgliedern des Hohen Rates in mehrere Streitgespräche verwickelt worden. Die Pharisäer und die Herodianer versuchen, Jesus mit der Frage nach der Zulässigkeit der kaiserlichen Steuer eine Falle zu stellen. Die Sadduzäer wollen ihn mit einer Diskussion über die Auferstehung der Toten in Widersprüche verwickeln. Ihnen geht es nur darum, Beweise für eine Anklage gegen Jesus wegen Gotteslästerung zu sammeln.

 

Ganz anders dagegen der Schriftgelehrte. Von ihm heißt es, dass er die Frage gestellt habe, weil er bemerkt habe, wie treffend Jesus den Pharisäern und Sadduzäern geantwortet habe. Leider ist diese Information bei der Auswahl des Abschnitts aus dem Markusevangelium weggelassen worden, aber sie ist wichtig für das Verständnis des Textes.

 

Jesus antwortet nämlich nicht nur mit dem Schma Jisrael als dem Gebot, Gott in seiner Einzigartigkeit anzuerkennen und zu lieben, sondern er bringt zusätzlich das Gebot der Nächstenliebe ins Spiel. Der Satz Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst ist ein dabei ein wörtliches Zitat aus dem Buch Levitikus (Lev 19,18). Das Gebot der Nächstenliebe ist damit keinesfalls – wie oft vermutet wird – eine „christliche Erfindung“, sondern sie ist ein urjüdisches Gebot.

 

Es scheint so, dass der Schriftgelehrte die Frage nach dem wichtigsten Gebot nur deshalb gestellt hatte, um sich von Jesus in seiner Meinung bestärken zu lassen, nämlich dass die Gebote der Gottesliebe und der Nächstenliebe gleichwertig sind und einander ergänzen. Das wird darin deutlich, dass er Jesu Antwort nochmals mit eigenen Worten zusammenfasst.

 

Der Schriftgelehrte betont aber auch, dass das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe viel wichtiger sei als alle Brandopfer und anderen Opfer. Eigentlich ist auch das eine Selbstverständlichkeit, denn schon der Prophet Hosea lässt Gott sprechen: An Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern (Hos 6,6) und im ersten Buch Samuel (1 Sam 15,22), in den Psalmen (Ps 51,18f) und im Buch der Sprichwörter (Spr 21,3) finden sich ähnliche Zitate.

 

Mit den Brandopfern im Tempel sollte dem einzigen Gott die Ehre erwiesen werden; sie waren also Ausdruck der Gottesliebe. Aus der kritischen Anmerkung des Schriftgelehrten wird aber deutlich, dass die Pharisäer und die Sadduzäer den exakten Vollzug des Tempelkult derart verabsolutiert hatten, dass sie darüber die Nächstenliebe vergessen hatten.

 

Die Frage, in welchem Verhältnis die Gottesliebe und die Nächstenliebe stehen, stellte sich nicht nur zur Zeit Jesu, sondern auch heute.

 

Wenn wir die Eucharistie feiern, ist auch von einem Opfer die Rede. Dabei sollten wir weniger an die eucharistischen Gaben von Brot und Wein denken, denn diese erinnern uns und vergegenwärtigen das Opfer, das Jesus Christus durch seinen Kreuzestod für uns erbracht hat, aber sie sind nicht unser Opfer an Gott im Sinne des alttestamentlichen Opferkultes.

 

Wenn der Priester im dritten Hochgebet die Worte spricht Er [Christus] mache uns auf immer zu einer Gabe, die dir [Gott] wohlgefällt, dann wird deutlich, dass wir selbst das Opfer sein sollen: Wir sollen unseren Egoismus und unsere Selbstbezogenheit „opfern“ und Jesus Christus auf seinem weg der bedingungslosen Nächstenliebe nachfolgen.

 

Gottesliebe und Nächstenliebe gehören untrennbar zusammen; Gottesdienst ohne Dienst am Nächsten ergibt keinen Sinn. Gerade jetzt in den Zeiten der Corona-Pandemie, wo es uns einerseits wegen der Maßnahmen zum Infektionsschutz schwerfällt, würdig Gottesdienst zu feiern und wo andererseits viele Menschen die Hilfe ihres Nächsten bräuchten, lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob unser Verhältnis zwischen Gottesliebe und Nächstenliebe noch stimmt.

 

Stephan Rist, Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim,

stephan.rist@gmx.de,

Telefon 07231 468556

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