Impuls zu Joh 20,19-23/Apg 2,1-11

an Pfingstsonntag 31.05.2020

Es geht also um Beatmung an Pfingsten: „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ Beatmung. Da klingeln uns die Ohren. Darum geht es nun schon mindestens die letzten 10 Wochen. Beatmung kann lebensrettend sein, wenn jemand sich mit Corona infiziert hat. Beatmungsplätze können knapp werden, wenn sich zu viele infizieren. Zuerst in Italien, dann auch in Frankreich, Spanien, New York, zuletzt in Brasilien und Indien – und an vielen anderen Orten von denen wir es gar nicht so genau wissen – sind die Beatmungsplätze so rar geworden, dass Ärzte gezwungen waren die fatale Entscheidung zu treffen: „Jene können wir beatmen, jene nicht“. – Und die müssen dann sterben. Eine grausame, unmenschliche Situation. Beatmung kann lebensrettend sein…

Wenn Jesus seine Jünger anhaucht, dann geht es anscheinend um mehr, als um die Versorgung mit lebensnotwendigem Sauerstoff. Obwohl – ich finde das ist eigentlich gar kein so schlechtes Bild. Der Sauerstoff, der von Lunge und Haut aufgenommen wird, versorgt unser Blut und durchströmt die Poren und Zellen unseres Körpers. Er versorgt uns. Er ist lebensnotwendiger Atem. Lebensatem. Der Atem ist selbstverständlich, fast automatisch. Ich entscheide mich ja nicht zu atmen, so wie ich mich entscheide aufzustehen, oder mich hinzulegen, los zu laufen oder mich aufs Fahrrad zu setzen oder ins Auto. Der Atem kommt und geht fast wie von selbst. Wenn ich nicht atme, bin ich tot.

 

Klar: Der Heilige Geist ist ja nochmal was anderes als lebensnotwendiger Sauerstoff. Aber wenn Jesus seine Jünger mit ihm beatmet, sie anhaucht, dann könnte ich mir vorstellen, dass er uns ja auch ganz und gar durchströmen möchte, bis in den letzten Winkel unseres Lebens hinein. Unser Tun und Wollen, unser Denken und Fühlen, unser Reden und Handeln, unsere Beziehungen zueinander und zu all unseren Mitgeschöpfen, das Leben in unserer Stadt, in unserem Land, in der ganzen Welt. Alles durchatmet, durchströmt vom Heiligen, guten Geist Gottes…. Ich kann ihn nicht machen. Ich werde von ihm beatmet. Göttlicher Atem mit dem Jesus uns anhaucht, beatmet. Lebensnotwendig, weil wir ohne ihn in unmenschlichem Egoismus, in Hass und Gewalt, in Rücksichtlosigkeit, in Unmenschlichkeit untergehen und versinken. In der Taufe, bei Kommunion und besonders bei der Firmung feiern wir dies ausdrücklich und bekommen wir es ganz besonders in das Stammbuch unseres Lebens hineingeschrieben: Von Anfang an sind wir so angelegt, dass wir von göttlichem Atem angehaucht sind, dass wir mit dem Heiligen Geist Gottes beatmet werden.

 

Es gibt natürlich einiges zu klagen in diesen Coronazeiten. Besonders für erkrankte, alte, gefährdete Menschen. Für Eltern, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder betreuen sollen, für jene, deren berufliche Existenz auf dem Spiel steht oder den Bach runter geht, für jene, die liebe Familienangehörige gerade nicht sehen können…  Auch ich klage ab und zu: Gerne würde ich anders Gottesdienst feiern zum Beispiel, als so wie es uns im Moment eben nur möglich ist. Selbstverständlich. Aber in dem einen oder anderen Klagelied, das vor allem öffentlichkeitswirksam und laut gesungen wird, klingt für meine Ohren auch ziemlich viel „Ich“ durch: „Ich kann dies oder jenes nicht mehr. Meine Freiheit und meine Grundrechte werden mir weggenommen. Ich darf nicht mehr so feiern, wie ich gerne möchte. Ich, ich, ich…“

 

„Der Heilige Geist ist das, was zwischen Menschen ist, die sich lieben“, hat unser Pfarrer damals gesagt. Ich war vielleicht 14/15 Jahre alt, aber ich habe diesen Satz bis heute nicht vergessen. „Der Heilige Geist ist das, was zwischen Menschen ist, die sich lieben“. Und was das ist, weiß doch jede und jeder von uns. Die ganze Bandbreite eben: Von den schwirrenden Schmetterlingen, die dann hoffentlich, wenn es gut geht, auch die Kräfte freisetzen, die Menschen fähig machen zueinander zu stehen, miteinander durch dick und dünn zu gehen, sich gegenseitig anzunehmen, sich zu tragen und zu halten. Bis dahin, dass sie Menschen die Kraft gegeben im jeweils anderen zu Hause zu sein, die Menschen miteinander und beieinander durchatmen und neue Lebensenergie schöpfen lässt…. „Der Heilige Geist ist das, was zwischen Menschen ist, die sich lieben…“

 

Ist das zu ideal? Zu rosarot? Das wissen Sie besser als ich. Aber ich glaube eigentlich schon, dass dieser Heilige, gute Geist Gottes uns wenigstens daran erinnert, dass keine und keiner von uns als „Ich-AG“ gegründet ist. Wenn er das ist, was zwischen Menschen lebt, die sich lieben, dann treibt er uns doch an, dass wir nicht ständig Ich sagen, sondern Du: „Ich möchte, dass es Dir gut geht. Ich möchte, dass Du gehalten, getragen, geborgen bist. Ich möchte, dass alles was in Dir ist auch leben darf. Ich möchte, dass es Dich gibt. Gott sei Dank bist Du da!“ Dann ist es doch der tiefste Wunsch unseres Herzens: „Ich möchte, dass Du lebst, immer lebst und niemals gehen musst“. Dann ist es doch im tiefsten unseres Herzens der Wunsch nach nimmer endendem Leben miteinander, der Aufstand gegen den Tod!

 

Ich höre nicht nur Klagelieder in dieser Coronazeit. Manche sagen auch: „Endlich mal eine Schnaufpause in diesem hektischen, durchgetakteten Leben.“ Eltern, die es eigentlich besonders schwer haben, habe ich gehört: „Unserer Familie tut das auch mal ganz gut. Wir sind fast gezwungen mehr Zeit miteinander zu verbringen, uns miteinander zu beschäftigen, sogar zu spielen…“ Nein, ich möchte die Not dieser Tage damit überhaupt nicht relativieren. Aber mich erinnern solche Aussagen an die alte Binsenweisheit, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt. Ich entdecke darin ganz konkrete Zeichen, wie Menschen in dieser Zeit aus den „Ich-AG-Gefängnissen“ ausbrechen, zueinander finden und das neu entdecken, was eigentlich ja längst zwischen ihnen lebt….

 

Das wünsche ich für uns alle, für diese Welt und überhaupt für jede und jeden, dass wir spüren: Zwischen uns lebt guter, Heiliger Geist. Liebe gegen Hass. Friede gegen Gewalt, Streit und Krieg. Miteinander statt gegeneinander. Damit sind wir beatmet. Das lebt zwischen uns. Grund zu feiern und Danke zu sagen!

 

Mit dem Sprechen und Verstehen hat es schon einmal begonnen. Ich wünsche uns, dass es damit auch weitergeht und uns allen mit den Worten von Ilse Pauls ein frohes, begeisterndes und gesegnetes Pfingstfest:  Zuerst - Worte - falsch verstanden als Waffen gebraucht um Recht zu haben als Todesurteile. Es geschehen Wunder: Worte - die wärmen, trösten Schmerzen lindem, heilen – Worte machen Mut.“

 

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