Ein Ausreißer

Impuls zum 30. Mai 2020

Das Ende des heutigen Tagestextes steht beim Evangelisten Johannes. Das ist der letzte Satz der Evangelien.

Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen. (Joh 21,25)

Da sind unerschöpflich viele Geschichten über die Anwesenheit Gottes in der Welt. Über Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gerade das Pfingstfest öffnet den weiten und reichen Schatz des Lebens, in dem wir das Wirken des Geistes Gottes erahnen und erleben.

Eine Begebenheit, die aber aufgeschrieben wurde, ist die eines 12jährigen Ausreißers, der eigene Wege geht: Jesus war 12 Jahre alt. Mit seinen Eltern zog er zum Paschafest nach Jerusalem hinauf und nach den Feiertagen machten sich alle auf den Weg zurück nach Hause. Zumindest glaubten das Maria und Josef. Sie waren schon eine Tagesstrecke weit gekommen als sie merkten, dass Jesus nicht in der Pilgergruppe war. Sie suchten ihn bei Verwandten und Bekannten. Der Junge war nicht da. Also suchten Sie ihn in Jerusalem und fanden ihn tatsächlich im Tempel unter den Lehrern, zuhörend und Fragen stellend.

„Kind wie konntest du uns das antun, wir haben dich voll Angst gesucht“, soll Maria gesagt haben. Doch Jesus reagierte verwundert: „Wie konntet ihr euch nicht denken, dass ich im Haus meines Vaters bin?“

Eltern verstehen die einfachsten Dinge nicht, könnte man meinen. Kinder auch nicht, könnte man auch meinen.

Doch es geht um den Platz, den wir im Leben finden müssen. In Raum und Zeit zurecht zu kommen, seines zu finden, die Grenzen zu überwinden, seine Berufung hören und danach handeln.

Alles gelassene Worte, doch verbunden mit einem kraftintensiven Suchen, Finden, Verwerfen und Neuwerden. Welcher Geist treibt uns an, in Zeit und Raum zurecht zu kommen?

Der Geist Gottes schwebt schon bei der Schöpfung über den Wassern. Die Ruach, das hebräische Wort für Geist, Sie treibt an, sie unterscheidet, sie baut auf und bewirkt. Gottes Geist in der Schöpfung, in uns.

Der Geist Gottes sagt Jesus, dass er im Tempel sein soll. Fern vom braven Jungen, der artig bei den Eltern bleibt, führt ihn der Geist in sein Element. Ein noch harmloser Vorgriff des Ausreißers aus den Regeln der Welt. Mit seiner Lebenshingabe reißt Jesus später ganz andere Regeln und Selbstverständlichkeiten für eine Neuschöpfung nieder. Ein Ausreißer. Der Geist Gottes wirkt.

Nun ein anderer 12jähriger: Zu Pfingsten hörten wir in den vergangenen Jahren in der Barfüßerkirche immer wieder großartige Gitarrenmusik, unter anderem von dem Komponisten Isaac Albeniz. Albéniz begann als Wunderkind am Klavier, sein erstes Konzert gab er im Alter von vier Jahren. Seine Eltern präsentierten ihn dabei verkleidet als Musketier. Schon bald lief er immer wieder von zu Hause fort, zunächst innerhalb Spaniens, und finanzierte sich durch spontane Konzerte. Schließlich floh er im Alter von zwölf Jahren (oha) als blinder Passagier auf einem Schiff nach Puerto Rico, von dort weiter nach Buenos Aires, dann nach Kuba. Hier gelang es seinem Vater, ihn aufzuspüren. Isaac konnte ihn jedoch überreden, dass er allein nach New York weiterreisen durfte.

Welcher Geist hat diesen Jungen getrieben? Und was muss der Geist mit diesem Vater angestellt haben, dass er seinen Sohn durch die halbe Welt sucht und, in Kuba gefunden, sich dann überreden lässt, dass er allein weiterreisen darf.

Vielleicht kann man nicht verstehen, was einen treibt und vielleicht darf man auch nicht alles auf den Geist Gottes schieben.

Aber: Vielleicht verstehen Eltern wie Kinder die einfachsten Dinge nicht und es genügt, dass ein anderer tief blickt? Denn: Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.

Wenn Sie Musik von Albeniz einmal hören/sehen wollen: Hier spielt Ana Vidovic das Stück „Asturias“ von Isaac Albeniz (Auf den Link klicken oder den Link in den Browser einfügen: https://youtu.be/inBKFMB-yPg

Zum 30. Mai 2020, kurz vor Pfingsten, Tobias Gfell

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