Alle sollen eins sein!

IMPULS ZUR TAGESLESUNG AM DONNERSTAG DER SIEBTEN OSTERWOCHE (28. MAI 2020)

Divide et impera, auf Deutsch: „Teile und (be)herrsche“, war eines der tragenden Prin- zipien des Römischen Reiches. Durch zahlreiche Kriegszüge hatte das Imperium Ro- manum ab dem dritten Jahrhundert vor Christus von Italien ausgehend seinen Macht- bereich auf den ganzen Mittelmeerraum ausgedehnt. Der römische Senat und später die römischen Kaiser hätten das Reich nie zusammenhalten können, wenn sich alle eroberten Völker gemeinsam gegen Rom erhoben hätten. Also zielte die römische Po- litik darauf ab, Zwietracht unter den beherrschten Völkern zu fördern. Zum einen gab es nur Bündnisse zwischen Rom und den einzelnen Provinzen; Bündnisse zwischen den Provinzen waren verboten. Zum anderen konnten die Völker durch Wohlverhalten ihren Status von Unterworfenen zu Verbündeten oder sogar Bundesgenossen bis hin zum Erwerb des römischen Bürgerrechts verbessern, was natürlich den Neid und das Misstrauen der weniger privilegierten Nachbarn gefördert hat.

An dieses Prinzip des „Teile und herrsche“ hat sich Paulus wohl erinnert in der Episode, die in der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte erzählt wird. Nach seiner dritten Missionsreise war er nach Jerusalem zurückgekehrt. Die Tatsache, dass er unter den Heiden missioniert hatte, erregte Misstrauen und Widerstand, vor allem bei den Juden, die wie er aus Asien kamen. Ihm wurde vorgeworfen, Irrlehren zu verbreiten, gegen das Gesetz des Mose zu verstoßen und den Tempel zu entweihen. Es entstand ein Tumult und Paulus wurde von der römischen Besatzungsmacht verhaftet. Weil er sich auf sein römisches Bürgerrecht berief, wurde er nicht gefoltert, sondern der römi- sche Oberst untersuchte den Fall, indem er den Hohen Rat als Vertreter der klagenden Partei anhört.

Das ist die Chance des Paulus. Er weiß, dass dem Hohe Rat sowohl Sadduzäer als auch Pharisäer angehören. So sehr sich diese beiden Gruppierungen einig sind in der Ablehnung dessen, was Paulus verkündet, so zerstritten sind sie untereinander, unter anderem in der Frage, ob es eine Auferstehung der Toten gibt: Die Pharisäer glauben daran; die Sadduzäer lehnen diese Vorstellung strikt ab. Paulus nutzt diese Uneinigkeit aus, in dem er sich als Pharisäer zu erkennen gibt und behauptet, wegen seines Glaubens an die Auferstehung der Toten vor Gericht zu stehen. Auf dieses Stichwort hin entsteht ein heftiger Streit zwischen den Mitgliedern des Hohen Rates und der römi- sche Offizier lässt Paulus in Sicherheit bringen.

Ganz im Gegensatz zu dem Prinzip des „Teile und herrsche“ steht der Wunsch, den Jesus im Gebet zu seinem Vater äußert: Alle sollen eins sein! Mit diesem Gebet schließt Jesus die Abschiedsrede an die Apostel ab, bevor er seine Passion antritt. Was wir heute im Johannes-Evangelium lesen, ist nicht nur ein Gebet, es ist zugleich das theologische Vermächtnis Jesu. Diejenigen, die durch die Verkündigung der Apos- tel an ihn glauben, sollen untereinander eins sind, so wie er eins ist mit dem Vater. Diese Aussage ist Jesus so wichtig, dass er diese Bitte gleich zweimal ausspricht: An der Einheit der Christen untereinander soll die Welt erkennen, dass Gott die Menschen liebt!

Das ist ein hoher Anspruch und wenn man bedenkt, wie sich die Christenheit im Laufe der Jahrhunderte zersplittert hat, kann man schon Zweifel haben, ob wir dem gerecht werden. Da gab es nicht nur das Schisma zwischen der orthodoxen und der römischen Kirche im 11. Jahrhundert und die Spaltung der Kirche in katholische und evangelische Christen durch die Reformation im 16. Jahrhundert, sondern auch die Abspaltung der sogenannten Piusbrüder nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, ganz zu schweigen davon, dass in jüngster Zeit die Konflikte zwischen konservativen Kreisen in der ka- tholischen Kirche und denen, die den Kurs der Erneuerung der Kirche unter Papst Franziskus stützen immer offensichtlicher werden.

Wie sollen wir also dem Anspruch Alle sollen eins sein gerecht werden?

Die Episode des Paulus vor dem Hohe Rat zeigt mir, dass es nicht so sehr darauf ankommt, dass man bei jeder theologischen Fragestellung immer einer Meinung ist, sondern wie man mit den Meinungsverschiedenheiten umgeht. Mit eins sein hat es sicher nichts zu tun, wenn man - so wie die Sadduzäer und die Pharisäer - nur auf das passende Stichwort wartet, um sofort und ungehemmt aufeinander loszugehen.

Der Einheit unter den Christen dient es aber auch nicht, wenn man versucht, alle the- ologischen Diskrepanzen mit der harmoniesüchtigen Phrase „Wir glauben doch alle an den einen Gott“ zuzudecken. Leider hört man dieses (Schein-) Argument immer wieder im ökumenischen Dialog und gerade bei der Frage der Interkommunion, also der Zulassung nichtkatholischer Christen zum Empfang der Eucharistie, scheint dies „common sense“ zu sein. Wenn sich These A und These B widersprechen, dann kann aber A niemals gleich B sein. Wer etwas anderes behauptet, hat kein ernsthaftes Inte- resse am theologischen Diskurs oder es fehlt an intellektuellem Tiefgang.

Wer sich dagegen dem Anspruch Alle sollen eins sein verpflichtet fühlt, der pflegt einen wertschätzenden Dialog mit dem Andersgläubigen, hört geduldig seine Argumente, sucht die Gemeinsamkeiten und nimmt diese als Basis zur Vertiefung des gemeinsamen Verständnisses, anstatt das Trennende in den Vordergrund zu stellen.

Jesus Christus betet: So sollen sie vollendet sein in der Einheit ... Dieser Satz steht im Passiv und das hat für mich die beruhigende Gewissheit, dass nicht wir selbst, son- dern nur Gott diese Einheit vollenden kann. Aber mit der Hilfe des Heiligen Geistes, um dessen Beistand wir in dieser Zeit vor Pfingsten besonders beten, können wir ein gutes Stück darauf zugehen.

Stephan Rist, Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim

stephan.rist@gmx.de

Telefon 07231 468556

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Tageslesung 28 Mai 2020 Donnerstag der s
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