Impuls zu Apg 1,12-14 / Joh 17,1-11

am 7. Sonntag der Osterzeit 24.06.2020

Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 1,12-14)

Als Jesus in den Himmel aufgenommen worden war, kehrten sie von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück.

Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus.

Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

Was für eine „Mannschaft“… Ziemlich bunte Truppe. Die einfachen Fischer Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas. Leute vom Land. Wind- und wettergegerbt. Das arme und harte Leben gewohnt. Zupackend. Impulsiv. Von Petrus wissen wir es: Gleich und begeistert dabei, wenn es darum geht für Jesus in die Bresche zu springen, sich zu ihm bekennen, aber auch zweifelnd im See versinkend oder er begeht gleich dreimal hintereinander Verrat bis zum Hahnenschrei. Matthäus der Zöllner ist dabei. Einer dessen Beruf damals in der Beliebtheitsskala der Bevölkerung noch um einiges schlechter abgeschnitten haben dürfte als unsere Finanzbeamten heutzutage. Zöllner waren verhasst und wurden gemieden, weil sie ja mit den römischen Besatzern zusammen arbeiten mussten. So einer gehört auch zu dieser „Mannschaft“. Aber auch Simon der Zelot, der Eiferer. Der Fanatiker, der am liebsten mit gezogenem Schwert auf die Römer losgegangen wäre….

 

Jesus kann sie alle sehr gut brauchen… Das ist für mich das wunderbare. Sie alle sind ja so verschieden. Sie alle sind kaum unter einen Hut zu kriegen. Sie alle haben so offensichtliche Stärken und Schwächen, sind auf den ersten Blick alles andere als Heilige. Aber so wie sie sind, sind sie für Jesus genau richtig. So wie sie sind, werden sie zu seinen Aposteln. Zu seinen Abgesandten, die seine gute Nachricht in die ganze damals bekannte Welt bringen. Zu guter Letzt kommt dann auch noch Paulus dazu. Der gnadenlose Christenverfolger. An seinen Händen klebt – wenigstens moralisch! – das Blut des Stephanus und vieler anderer. Aber auch ihn kann Jesus brauchen. Und wie…

 

Wenn das so ist, dann gilt das vielleicht auch für mich. Wahrscheinlich kann Jesus auch mich so brauchen wie ich bin. Das ist für mich die gute Nachricht aus dem was wir in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört haben. So wie ich bin, bin ich für Jesus brauchbar. Und – wir dürfen unterschiedlich sein. Von Anfang an war das so und von Anfang an, ist das wohl auch so erwünscht. Keine Gleichmacherei. Nicht im Gleichschritt Marsch. Bunt ist die Schar der Freunde und Freundinnen Jesu. Grundverschieden jede und jeder einzelne von ihnen. Wie ich lese gehören von Anfang an auch ganz selbstverständlich Frauen dazu. Nicht selbstverständlich in einer ganz und gar von Männern geprägten Kultur und Religion. Umso überraschender und wohl nicht ohne Absicht, dass die Frauen, genauso wie Maria und die Brüder Jesu hier ausdrücklich erwähnt werden…

 

Sie alle beten zusammen… Einmütig sogar. Darin sind sie sich alle wohl einig. Trotz all ihrer Unterschiede. Vielleicht beten sie auch nicht alle auf die ein und dieselbe Weise. Wahrscheinlich hat da jede und jeder auch den ganz eigenen persönlichen Stil, die eigene individuelle Prägung und Geschichte. „Macht nichts“, höre ich da heraus, „Hauptsache wir beten miteinander. Das ist wichtig. Das ist doch entscheidend. Dass wir alle miteinander und jede und jeder auf seine und ihre je eigene Art und Weise zu Gott betet, seine Nähe sucht, das Herz für ihn öffnet, sich von ihm beschenken lässt, sich selbst vor ihn hinbringt, Gott bittet, dankt und klagt. Vielleicht unterschiedlich. Vielleicht nicht immer mit den gleichen Worten und Liedern, aber immer aufrichtig, wahrhaftig, mit offenen Herzen zu Gott beten, vor ihm und mit ihm leben, seine Nähe suchen – das ist doch wichtig. Das allein ist doch entscheidend!“

 

In Jesus bleiben… Auch Jesus betet ja. Wir haben es gerade gehört. In seinem Gebet geht es immer wieder darum, dass seine Freundinnen und Freunde in ihm sind und in ihm bleiben, wie Jesus im Vater ist und der Vater in Jesus, seinem Sohn. Hört sich ziemlich abstrakt an. Aber manchmal wird es dann ziemlich konkret. Wenn Jesus sich so eine bunte und unterschiedliche Truppe ausgesucht hat, dann bleibe ich doch ganz bestimmt nicht in ihm und in seinem Geist, wenn ich mich über die Unterschiede unter uns beklage. Erst recht nicht, wenn ich so tue, also ob ich allein und meine eigene Art und Weise des Glaubens, des Betens, meine Form der Frömmigkeit die einzig richtige, das Maß aller Dinge wäre. Da falle ich doch gerade aus Jesus heraus, wenn ich meine bestimmen und definieren zu müssen was gläubig und ungläubig, katholisch und nicht mehr katholisch, was fromm und was überhaupt und gar nicht mehr fromm ist…

 

So sitzen sie jetzt in ihrer engen Dachgeschosswohnung irgendwo in Jerusalem. Die Türen verriegelt. Versteckt und ängstlich. Dicht gedrängt mit all ihren Unterschieden, die bestimmt nicht so leicht auszuhalten sind. Sie beten. Manchmal jede und jeder für sich. Aber ab und zu ganz bestimmt auch zusammen. Natürlich essen und trinken sie auch miteinander und ich kann mir ziemlich gut vorstellen, dass sie dann auch ins Erzählen kommen: „Weißt du noch wie das damals war? Erinnerst du dich noch wie Jesus das oder jenes gemacht hat? Oder an dieses oder jenes Wort von ihm? Oder wie er uns da angeschaut hat…“ Eine nach dem anderen erzählen sie von dem, was ihnen unter die Haut gegangen ist. Von dem was sie begeistert. Von dem was sie überrascht hat und verwundert. Von dem was sie überhaupt nicht verstehen und über das reden sie, von dem sie im tiefsten Innersten ihres Herzens felsenfest überzeugt sind. Wie sie so miteinander beten und essen und trinken und erzählen, da passiert es dann fast wie von selbst, dass sich Herzen öffnen, dass auf einmal neue Energie ihnen in die Knochen fährt, dass so etwas wie Begeisterung in ihren verzagten Herzen zu spüren ist, dass sie das Gefühl haben, dass Jesus ihnen wieder ganz nahe ist. In ihnen. Zwischen ihnen. Unter ihnen.

 

Gut möglich, dass es damals so oder so ähnlich war. Jedenfalls finde ich es gut, wenn es heute wieder so ähnlich ist: miteinander beten in all unseren Unterschieden und unterschiedlich und trotzdem gemeinsam; miteinander essen und trinken und uns von dem erzählen, was uns so im Herzen bewegt… Unsere Buntheit macht uns dann keine Angst mehr. Unsere Unterschiede werden uns nicht zur Last. Wir tun auch nicht so, als ob alles beliebig wäre und gleich-gültig. Im Gegenteil: unsere Verschiedenheit weckt unsere Neugierde. Andere Haltungen und Einstellungen wecken unser Interesse. Wir sind gespannt darauf, was andere wirklich bewegt, beschäftigt, umtreibt und antreibt. Jesus wird greifbar unter uns und sein Geist weht zwischen uns und mitten hinein in unsere Welt.

 

Wir spüren, dass wir nicht fertig sind. Nicht mit uns selbst. Nicht miteinander. Im Gegenteil: Wir sind immer wieder am Beginn. Flehen miteinander um den Geist der Liebe Gottes für uns und für diese Welt. Könnte sein, dass es damals so ähnlich begonnen hat. Könnte sein, dass es heute wieder so beginnen möchte mit Jesus und seiner Sache, seiner Botschaft und seiner Kirche. In all dem suchen und fragen wir nach ihm, lauschen auf seine Botschaft und hören niemals damit auf, das Brot seiner verschwenderischen Liebe miteinander zu brechen – gegen alles Zerbrechen in uns, zwischen uns und in dieser Welt…