Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt

Impuls zur Tageslesung an Christi Himmelfahrt (21. Mai 2020)

Über den Wolken

muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.

Alle Ängste, alle Sorgen,

sagt man, blieben darunter verborgen

und dann würde,

was uns groß und wichtig erscheint,

plötzlich nichtig und klein.


Wer gelegentlich mit dem Flugzeug verreist, der kennt die Gefühle, die Reinhard Mey in seinem Lied beschreibt. Am Boden ist es regnerisch und grau und die dunklen Wolken hängen bedrohlich tief. Wenn der Flieger dann nach einigen Minuten Steigflug die Wolkendecke durchbricht, wird es schlagartig hell, die Sonne scheint gleißend über das weiße Meer der Wolken, der Blick schweift in die endlose Weite und trotz des Lärms der Turbinen stellt sich ein Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit ein.


Dieses positive Gefühl hatten die Apostel bei der Himmelfahrt Jesu sicher nicht. Es muss ein deprimierender Moment für sie gewesen sein, als sie erkennen mussten, dass ihr Meister sie nun schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit verlassen würde. Ihre bange Frage, wann denn nun die Herrschaft des Reiches Israel wiederhergestellt wird, lässt Jesus unbeantwortet. Die Engel, die nach seinem Verschwinden hinzutreten, haben nur leisen Spott und Kritik für sie übrig und vertrösten sie auf eine Wiederkunft Jesus, ohne allerdings konkrete Angaben zu Ort und Zeit zu machen. Deshalb ist die Geschichte vom Abschied Jesu, so wie sie der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte erzählt, für mich kein Text der aufrichtet und Mut macht.

Ganz anders dagegen der Schluss des Evangeliums nach Matthäus: Bei ihm gibt es keine Himmelfahrt, sondern eine Abschiedsrede Jesu, die mit dem Satz schließt:

Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt!

Die Vorstellung, dass Gott mit uns ist, ist die theologische Leitidee des Matthäus. Zum ersten Mal erscheint sie in der Geburtsgeschichte Jesu, indem Matthäus den Propheten Jesaja mit den Worten zitiert: Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben (Mt 1,23). Immanuel ist Hebräisch und heißt „mit uns Gott“. Diese Idee zieht sich weiter wie ein roter Faden durch die ganze Jesus-Erzählung und es ist nur konsequent, dass Matthäus sein Evangelium mit diesem verheißungsvollen Satz enden lässt.

Die Zusage der Gegenwart Gottes ist nicht an eine bestimmte Zeit, eine konkrete Situation oder an ausgewählte Menschen gebunden: Sie gilt alle Tage bis zum Ende der Welt und richtet sich an alle Völker. Deshalb dürfen auch wir uns davon angesprochen fühlen.

Die konkrete Frage der Apostel, wann denn nun die Herrschaft des Reiches Israel wiederhergestellt würde, bleib unbeantwortet.

Auch wir haben konkrete Fragen, die uns umtreiben: Wie geht es weiter mit der Kirche in Deutschland und in unseren Gemeinden angesichts der stetig sinkenden Zahl von Katholiken? Welche pastoralen Konzepte tragen noch in der Zukunft? Und ist die Corona-Krise eine Chance für eine Neuorientierung oder nur ein Risiko?

Auch wir werden keine konkrete Antwort „von oben“ bekommen. Wer den Geist Gottes als einen Souffleur versteht, der uns die Antworten auf diese und ähnliche Fragen zuflüstert, der hat die Zusage der Gegenwart Gottes in unserer Welt falsch verstanden.

Der Gemeinde in Ephesus hat Paulus geschrieben, der Geist Gottes sei ein Geist der Weisheit und der Offenbarung, durch den wir Jesus Christus erkennen können und wünscht ihnen: Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid. Die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist eine passende Zeit, sich Gedanken zu machen, was die Gegenwart Gottes in seinem Heiligen Geist in meinem Leben bewirken kann. Vielleicht erleben wir dann das, was Reinhard Mey in seinem Lied beschreibt:

… und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.

Stephan Rist, Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim

stephan.rist@gmx.de

Telefon 07231 46 8556

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