Nepomuk und der Wert der Spatzen

Impuls für Samstag, 16.5.

In meiner Kindheit ging man im Juli zum Nepomukfest nach Neuenburg. Ich muss zugeben, außer dem Namen erinnere ich mich an nichts, was sich von anderen Straßenfesten unterschied. Aber, dass die Neuenburger mit ihren Brücken nach Frankreich, die umkämpft, immer wieder zerstört und wiederaufgebaut wurden einen Brückenheiligen gut gebrauchen können, liegt auf der Hand.


Nun könnte man denken, Johannes Nepomuk als Brückenheiliger hat dieselben gesegnet und war vielleicht auch ein Brückenbauer zwischen den Völkern, oder so. Belanglos halt. Aber ein Brückenheiliger wird so genannt, weil dort sein Hinrichtungsort war. Das war üblich im Mittelalter, heißt es in den Quellen lapidar, dass man Kleriker durch Ertränken hinrichtete.Johannes Nepomuk, dessen Festtag heute ist, warf man in Prag von der Karlsbrücke in die Moldau. Denn da gab es, Ende des 14. Jhs., zuvor Streit zwischen König Wenzel IV. und dem Erzbischof, der im entscheidenden Moment fliehen konnte, sein Generalvikar Johannes Nepomuk aber nicht, was er nach Folter mit dem Leben bezahlte.  Es ging um Macht und Einfluss, die der König dem Bischof beschränken wollte. Unmittelbar nach dem Tod Nepomuks behauptete der Erzbischof, Johannes sei ein Märtyrer gewesen. Und dann wurde auf einmal noch erzählt, es wäre eigentlich darum gegangen, dass Nepomuk der Beichtvater der der Untreue verdächtigten Frau des Königs war. Bis in den Tod hätte er das Beichtgeheimnis gewahrt. Diese Legende führte zu seiner Heiligsprechung, sie ist nicht belegt, aber passte ins Bild dieses Heiligen, der immer zu irgendwas gut war, sei es als Gegenbild zum tyrannischen Wenzel, später als Mittel die Verehrung des unliebsamen böhmischen Reformators Jan Hus zu verdrängen. Nicht allein auf der historischen Begebenheit, dem furchtlosen Einstehen für die Rechte der Kirche gegenüber dem König und den beliebten Predigten ruht seine Verehrung, sondern auf Geschichten, die da irgendwie entstanden sind, Legenden, Schilderungen von fünf Flammen zu seiner Auffindung, Vermischungen von Dingen, die nicht wirklich so zusammengehörten. Und dann wird man im Barock zum inoffiziellen Staatsheiligen des Habsburgerreiches, als Nothelfer für alle Wasser- und Reisegefahren. Was für eine Karriere. Und noch heute steht im Fremdenführer Prags bei diesem Prager Karlsbrückenbild: „Das Berühren der Relieftafeln soll geheime Wünsche erfüllen“.

Verehrung kann man nicht verordnen, auch wenn sie noch so nützlich ist. In Nepomuk sahen die Menschen etwas, das Ihnen bei aller Dramatik Schutz verhieß,

Standhaftigkeit, ein Verbündeter in der Zerbrechlichkeit und Gefahr des Lebens. Jede/r von uns kennt diese Verbündeten, wir haben andere Namen für sie.

 

Das Evangelium dieses Festtages führt diesen Gedanken in den Grund der Hoffnung.

Wofür immer er sterben musste, wofür immer sein Name für einen Pfennig verkauft wurde, seine Seele konnten sie nicht töten. „Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“

 

Mt 10,28-32

Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.

 

Zum 16. Mai 2020, Tobias Gfell

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