Impuls zu Joh 14,15-21 / 1 Petr 3,15-18

am 6 Sonntag der Osterzeit A 17.05.2020

Was bleibt, wenn jemand geht… Trauer natürlich. Quälender Schmerz. Fragen ohne Antwort. Leere. Gähnende Leere. Haltlos. Das Gefühl einfach müde zu sein. Nichts wissen. Nichts machen können. Nichts ändern können. Alles dunkel, leer, ohne Sinn. Und die Sonne scheint trotzdem und Menschen lachen und hören laute Musik und freuen sich des Lebens – welch ein Hohn…

 

Was bleibt, wenn Jesus geht… Wir sollen nicht allein bleiben, hat er uns versprochen. Er schickt uns jemanden. Er bleibt sogar selbst, auf ganz andere, aber auf seine ganz eigene Weise bei uns. Er schickt uns einen Beistand. Er schickt uns einen Geist. Den Heiligen Geist. Schön und gut. Aber wie ist das? Wo finde ich den? Wie komme ich zu dem? Muss ich nur laut genug rufen: „Hier bin ich, ich könnte ganz gut Deinen Geist brauchen…“

 

Geist können wir ja alle ganz gut brauchen… Unsere Welt sowieso. Sie haben vielleicht den Impuls von Markus Schütz vom letzten Montag gelesen. Die Verhältnisse auf den griechischen Inseln. Also Griechenland. Nicht Afrika. Nicht der Ferne Osten. Griechenland. Also EU. Da wo wir vielleicht schon mal Urlaub gemacht haben. Praktisch gleich neben unserem Wohnzimmer dieses wahnsinnige Unheil, dieses zum Himmel schreiende Unrecht. Wie dort Menschen hausen müssen. Wie dort mit Menschen umgegangen wird. Und wir halten die Grenzen fest geschlossen. Da gibt es kaum Erbarmen. In Corona-Zeiten dreimal nicht! Von einigen Kindern und Jugendlichen abgesehen, die wir aufgenommen haben. Die allermeisten stecken dort weiter fest in ihrem Elend. O ja, wir brauchen den Geist, der etwas ändert und verändert auf dieser Erde, der uns antreibt und alle die Verantwortung tragen, dass sich tatsächlich etwas ändern kann. Der Geist, der uns sagt: „Selbst wenn Jesus geht, ist noch lange nicht alles aus. Selbst wenn Jesus geht, bleibt seine Botschaft, streicht seine göttliche Menschlichkeit noch lange nicht die Segel!“ Selbst wenn Jesus geht, will sein Geist bleiben in uns, zwischen uns, unter uns. Der Geist, der uns nicht stumpf und abgebrüht sein lässt. Der uns empfindsam macht und mitfühlend und nicht eiskalt und gleichgültig.

 

O ja, wir können den Geist Jesu ganz gut brauchen… Und ab und zu ertappe ich mich dabei, dass ich diesen Geist herbeisehne, herbeiflehe, wenn ich der Meinung bin, dass es gerade wieder besonders geistlos zugeht unter uns. Wenn selbst prominente und angeblich „superfromme“ Katholikinnen behaupten, dass das Gottesdienstverbot der letzten Wochen „Reine Schikane“ gewesen sei. Wenn anscheinend die Bilder aus Bergamo und aus New York ausgeblendet werden, als wären sie „fake News“, billige Falschmeldungen und mit ihnen all die Maßnahmen mit denen verhindert werden soll, dass Ärzte entscheiden müssen, wer noch einen Beatmungsplatz bekommt und wer nicht, wessen Leben erhalten werden soll und wer ruhig sterben darf. O ja, dann flehe ich schon mal um eine ganz gehörige Portion Geist – das gebe ich zu. Dabei ertappe ich mich manchmal…

Aber ist es auch wirklich der Geist Jesu, um den ich da flehe? Wer oder was ist das überhaupt? Der „Geist der Wahrheit“. Sagt er ja selbst. Aber „was ist Wahrheit“?, fragt ja schon – ein paar Seiten später im gleichen Evangelium – der Pontius Pilatus. Und übersieht, dass die Wahrheit in Fleisch und Blut vor ihm steht. Jesus. Die menschgewordene Liebe Gottes. Die Liebe, wie sie Jesus lebt, ist die Wahrheit. Wahrheit ist nichts anderes als gelebte Liebe, oder? – Reichlich abgehoben und weltfremd, höre ich sagen. „Geh doch auf die griechischen Inseln und schau wie weit du mit deiner Liebe kommst? Oder nach Syrien! Oder auf das Parkett der Börse. Oder in den Kreml oder ins Weiße Haus!“ – Aber ist Jesus nicht ganz eindeutig und klar, wenn er uns sagt, dass wir unsere Feinde lieben sollen und die andere Wange hinhalten, damit die Welt endlich entwaffnet wird? Ist er nicht eindeutig, wenn er sagt, dass in der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten, zu dem der mich gerade braucht, alle Gebote zusammen gefasst sind?

 

Dann habe ich den guten Geist, den Beistand Jesu nötig, wenn ich resignieren will. Wenn Zynismus mich überkommt. Wenn ich meine alles besser zu wissen. Wenn alles um mich her mir ins Ohr flüstert: „Es hat ja doch keinen Sinn!“. Dann brauche ich den Beistand, der mir Mut macht und mich dazu antreibt, bei Jesus zu bleiben, zu ihm zu stehen und zu seiner Botschaft. Trotz allem und in allem, das eben so ist, wie es ist. Ich glaube diesen Beistand erfahre ich am besten bei den Menschen, die sich auch von ihm ermutigen lassen: Weiter bei Jesus stehen und zu seiner Botschaft. Nicht aufhören danach zu fragen: Wer ist dieser Jesus eigentlich heute für uns? Was bedeutet es auf seiner Seite zu stehen, auch in diesen Corona-Zeiten? Nicht aufhören das Herz für ihn offen zu halten, mitzufühlen, mitzuleiden, wo es nötig ist, aber auch mich von Herzen mitzufreuen, wenn etwas gut wird. Bei allen, die so mit mir fragen und suchen und glauben und hoffen und lieben, spüre ich diesen Beistand. Vielleicht hat dieser Heilige Geist Gottes gerade deswegen auch schon immer etwas mit der Gemeinschaft der Freundinnen und Freunde Jesu zu tun.

 

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt… heißt es in der Lesung. Jeden Abend ein paar Dinge finden, für die wir Gott danken können, hat uns vor ein paar Jahren bei seiner Primiz Christian Nötzel in St. Elisabeth aufgetragen. Fällt mir immer wieder ein. Ein Mensch, eine Begegnung, ein Erlebnis, ein Augen-blick - heute . Von ganzem Herzen: Danke! Das bleibt, wenn jemand geht und wenn etwas vergeht. Danke – und ich spüre dann auch, dass in diesem Danke das Vergangene weiter lebt und bei mir bleibt und in mir…Das macht Mut und Hoffnung und hat für mich mit dem Beistand zu tun, den Jesus uns verspricht….

 

…uns trägt die Hoffnung, die du trugst… heißt es in einem Marienlied, das mir gut gefällt. Ich bin getragen von der Hoffnung, die Maria in sich getragen hat, als sie guter Hoffnung war. O ja, wir können den Geist Jesu sehr gut brauchen, seinen Beistand, der uns nicht allein lässt, uns Mut macht weiter ihn zu suchen und nach ihm zu fragen und uns daran erinnert: Wir sind nicht verraten und verkauft, nicht verlassen und vergessen – niemand auf der Welt. Ich habe sogar jeden Tag gute Gründe dankbar zu sein. Und vielleicht, wenn ich eine Frau sehe, so im Vorübergehen auf der Straße, vermummt mit Mund- und Nasenschutz im Geschäft oder im Bus, oder sonst wo, eine Frau, die guter Hoffnung ist, vielleicht hoffentlich erinnere ich mich dann daran: „uns trägt die Hoffnung, die du trugst…“ – und die bleibt und die stirbt, wenn überhaupt, dann zuletzt. Was aber auch nicht wirklich sein kann, weil Jesus lebt… Ich glaube, das bleibt, wenn Er geht…

Georg Lichtenberger

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