Tagesimpuls (Do, 14.05.20)

„Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen. Und Gott, der die Herzen kennt, hat dies bestätigt, indem er ihnen ebenso wie uns den Heiligen Geist gab. Er machte keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen; denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt. Warum stellt ihr also jetzt Gott auf die Probe und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten?

Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene. Da schwieg die ganze Versammlung. Und sie hörten Barnabas und Paulus zu, wie sie erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte. Als sie geendet hatten, nahm Jakobus das Wort und sagte: Brüder, hört mich an! Simon hat berichtet, dass Gott selbst zuerst darauf geschaut hat, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen zu gewinnen. Damit stimmen die Worte der Propheten überein, die geschrieben haben: Danach werde ich mich umwenden und die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten; ich werde sie aus ihren Trümmern wieder aufrichten und werde sie wiederherstellen, damit die übrigen Menschen den Herrn suchen, auch alle Völker, über denen mein Name ausgerufen ist - spricht der Herr, der das ausführt, was ihm seit Ewigkeit bekannt ist. Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen. Denn Mose hat seit alten Zeiten in jeder Stadt seine Verkünder, da er in den Synagogen an jedem Sabbat verlesen wird.“ (Apg 15,7-21)

 

 

Die heutige Tageslesung ist ein Ausschnitt aus dem sog. Apostelkonzil in Jerusalem. Es ist das erste große Konzil der damals noch jungen Kirche. Der Anlass ist eine Streitfrage zwischen Juden und Heiden. Genauer geht es um die Frage, ob die Heiden (Nicht-Juden) zuerst den jüdischen Glauben annehmen müssen, um als Christus-Gläubige zählen zu können, oder nicht. Muss man als Heide zuerst Jude werden, um Christ werden zu können? Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. So muss eigens eine Versammlung dafür einberufen werden. Bei dieser wird heftigst um diese Streitfrage debattiert.

Man sieht: Theologische Fragen, Gemeindeversammlung, verschiedene Ansichten, Diskussionen, all das ist schon von Anfang an ein Markenzeichen der Kirche. Und es ist im Prinzip bis heute so geblieben. Auch in unserer Zeit stehen immer wieder theologische und vor allem pastorale Fragestellungen an, über die es zu beratschlagen gilt. Pastorale Strukturreformen stehen bei uns auf der Tagesordnung. Über die Neuausrichtung der Gemeinden und Seelsorgeeinheiten wird viel diskutiert. Wie kann Kirche-Sein heute gelingen unter den vielfältigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Änderungen? Eine Frage, die uns stark beschäftigt.

Interessant ist für mich, wie die Apostel die Streitfrage auf dem Konzil in Jerusalem lösen. Petrus und Jakobus stechen da in vorbildhafter Weise hervor. Petrus gibt zu bedenken, dass Gott schon längst eine Entscheidung getroffen hat. Der Wille Gottes ist, dass alle Menschen, auch die Heiden, das Evangelium hören und damit zum Glauben kommen sollen. Petrus hat das eigens erfahren. Und Jakobus bestätigt diese Meinung: Gott beruft die Heiden in sein Volk, also in die Kirche. Diese Idee haben sie nicht von sich selbst, sondern Gott hat es ihnen offenbart.

Das ist das Entscheidende: Auf dem Konzil setzt sich weder die eine noch die andere Seite durch, sondern das Handeln Gottes führt zu einer Lösung der Streitfrage. Das, was Gott tut, ist der Maßstab! Darauf berufen sich die Teilnehmer des Konzils. Sie setzen nicht ihren jeweils eigenen Willen durch, sondern orientieren sich am Willen Gottes. So kommt es zu einer Klärung: Die Kirche ist ein Volk aus Juden und Heiden. Zur Kirche Gottes gehören alle!

Ich denke, davon können wir heute lernen. Bei allen Fragen und Diskussionen um pastorale Strukturen und um eine Neuausrichtung von Kirche gilt es zunächst vor allem auf Gottes Wort zu hören. Es soll nicht darum gehen, dass „meine persönliche Meinung“ so gut es geht durchgesetzt wird. Das Hören auf Gottes Wort soll uns Richtschnur und Maßstab sein. Ich bin überzeugt, dass wir dann auch die richtigen Lösungen finden werden für all die Fragen, die heute rund um unser kirchliches Leben anstehen.

 

Thomas Stricker, Kaplan

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