Verwirrt…

Impuls 5. Sonntag der Osterzeit A

….ganz bestimmt. Ja, verwirrt, lieber Jesus, aber vor allem auch erschüttert und traurig bin ich durch diese Woche gegangen. Der plötzliche Tod von Bernhard Ihle ist mir, uns allen, in die Knochen gefahren und unter die Haut gegangen. „Euer Herz lasse sich nicht verwirren…“ – ist das nicht ein bisschen leicht gesagt? Ich bin verwirrt. Erkenne keinen Sinn. Kann die Fragen nach dem Warum, Wieso, Weshalb nicht beantworten. Sie bleiben mir im Hals stecken und bleiben ohne Antwort. Das geht mir bei diesem Tod so und bei so manchem Gang auf den Friedhof. So komme ich zu Dir, lieber Jesus. So wie ich bin. Ganz schön verwirrt, erschüttert, traurig manchmal. So komme ich zu Dir mit meinen Fragen und Klagen. Thomas macht mir Mut. Der durfte ja auch so manche Frage stellen, die Dir wahrscheinlich naiv vorgekommen ist. Aber Du hast ihn fragen lassen. Ernst genommen. Mit all seinen Fragen und Zweifeln hast Du ihn Deinen Jünger, Dein Freund sein lassen…

Euer Herz lasse sich nicht verwirren…
Wir sind aber trotzdem verwirrt. Wegen Trauer und Tod, aber auch wenn wir uns heute in der Kirche umschauen. Können wir so feiern? Mit größtmöglichen Abstand. Mit Mund- und Nasenschutz? Mit Desinfektion und Hygienevorschriften? Ja, mich verwirrt der Coronavirus und seine Auswirkungen immer wieder: Gerade da, wo es uns wichtig ist zusammen zu stehen und zusammen zu rücken, gerade da sollen und müssen wir auf Abstand gehen. Gerade da, wo ich an diesem Muttertag meine 81jährige Mutter und meinen Vater liebend gerne besucht hätte – gerade da, mache ich ihr den größten Gefallen, wenn ich nicht komme. Gerade dann wenn ein Besuch im Krankenhaus oder Pflegeheim jetzt unbedingt wichtig wäre, gerade jetzt nicht, immer noch nicht, lange Zeit vielleicht nicht… Trotzdem: Euer Herz lasse sich nicht verwirren… Haltet ganz tief in Eurem Inneren daran fest, denkt aneinander, telefoniert, skypt, schreibt eine Nachricht auf „WhatsApp“, oder wo auch immer, oder eine Karte oder einen „altmodischen“ Brief…Haltet Euch in Euren Herzen!

In diesen Tagen ist ja besonders auch die Handhygiene angesagt und notwendig. Also oft am Tag die Hände waschen. „Richtig waschen“, sagen uns die Fachleute. Mit Seife und ausgiebig. Als das alles begann hat jemand von den Experten gesagt: „Mindestens so lange wie ein Vater unser dauert, soll man die Hände waschen…“ – Guter Tipp, hab ich mir gedacht. Nicht nur für Pfarrer. Seither mach ich das einfach. Wenn ich die Hände wasche ein Vater unser beten. Und immer wieder bleibe ich daran hängen: „Dein Wille geschehe“. Manchmal fragend und zweifelnd und mit einem inneren Kopfschütteln: Das ist doch ganz bestimmt nicht alles Dein Wille. Die ganze Coronakrise, diese weltweite Seuche, die bei uns relativ glimpflich verläuft und besonders jene grausam trifft, die in den Ländern leben, die sowieso schon von Not und Elend, Krankheit und Krieg gezeichnet sind. Aber natürlich nicht nur dort. Dein Wille? Nein, ganz bestimmt nicht, murmle ich beim Händewaschen vor mich hin. Ich kann doch nicht alle Not und alles Elend dieser Welt einfach Gott in die Schuhe schieben. Nein, ich glaube nicht das Gott uns diese Krankheit geschickt hat. Nicht als Strafe. Nicht als irgendetwas anderes.

Aber ich glaube durchaus, dass in allem, das wir erleben und manchmal erleiden, in allem, mit dem wir konfrontiert werden, in allem das uns zweifeln lässt und verwirrt, dass wir in allem eine Botschaft Gottes für uns entdecken können. So denke ich nach dem Händewaschen und dem „Vater unser“ manchmal noch ein bisschen weiter nach. Was willst Du uns in all dem sagen, Gott? Was ist in all dem, lieber Jesus, Deine Botschaft für mich, für uns, für diese Welt? Klar: Ich habe keine eindeutigen Antworten. Eher Andeutungen. In Zeiten von Mund- und Nasenschutz und Hygienevorschriften: Schützt einander. Schütze andere auch vor Dir. Vor dem, was Du vielleicht in Dir trägst, ohne es zu wissen. Passt gut aufeinander auf. Habt aufeinander acht. Und passt gut auf Euch selbst auf. Geht doch bitte behutsam, rücksichtsvoll, fürsorgend miteinander um. Das sind keine Plattitüden und Banalitäten. In Eurer Behutsamkeit, in Eurer Achtsamkeit füreinander, in Eurer Verantwortung, die ihr für Euch und füreinander übernehmt, in Eurer Aufmerksamkeit lebt doch meine Liebe. Auch – und gerade! – wenn Ihr Euch nicht von Mensch zu Mensch, von Angesicht zu Angesicht sehen könnt, behaltet euch doch bitte in euren Herzen. Vergesst einander nicht. Vergesst meine göttliche Menschlichkeit nicht. Vergesst auch nicht, dass Ihr nicht die einzigen auf dieser Welt seid, vergesst jene nicht, die so schnell von allen anderen vergessen werden! – „Dein Wille geschehe…“, ich muss wohl noch weiter fleißig die Hände waschen und beten, bis ich noch mehr erahne, begreife…

…damit auch ihr dort seid, wo ich bin… So höre ich Deinen Herzenswunsch, lieber Jesus. Bei Dir sein. In Deiner Nähe. So denke ich an Bernhard Ihle und vertraue darauf für all unsere Verstorbenen: Dass er und sie alle, diese Nähe nun spüren, erfahren, er-leben dürfen. Dass er und sie alle in dieser Nähe gut aufgehoben sind und aufleben dürfen. Es ist die Nähe der Liebe, die stärker ist als der Tod. So wünsche ich es aber auch für mich und für uns alle, dass wir hier und jetzt dort sind, wo auch Jesus ist. Dass wir seine Nähe suchen. Dass wir zu ihm stehen und zu seiner Botschaft. Dass wir hier und jetzt nach ihm fragen. Dass wir in all dem was uns begegnet, bewegt und beschäftigt, manchmal verwirrt und ratlos zurück lässt, dass wir mit allem was wir sind und was uns ausmacht ihm ganz und gar in die Arme werfen.

„Von guten Mächten..“ Ende Dezember 1944, als SS und GeStaPo immer mehr die Verwicklung Dietrich Bonhoeffers in Umsturzversuche und Widerstand entdecken, schrieb er dieses Gedicht nur für seine Mutter, zu ihrem Geburtstag am 30. Dezember und für seine Verlobte Maria. Die guten Mächte schwebten für ihn nicht nur in einem fernen Himmel. Sie waren durchaus konkrete Mächte und Kräfte, die ihn in seiner Zelle umgaben. Die Verbundenheit mit seinen Freunden, mit seinen Geschwistern, mit seine Eltern, mit seiner Verlobten. Menschen, die für ihn gute Mächte Gottes waren. Viele Menschen sind seine Worte seither zu Herzen gegangen. Sie berühren mich auch heute ganz neu Angesichts des Todes von Bernhard Ihle und in diesen Corona-Zeiten. „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar. So will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr… Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag…“ - …damit auch ihr dort seid, wo ich bin…

Georg Lichtenberger

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5. Sonntag der Osterzeit A 10.05.2020.pd
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