Aus seinem Geschlecht hat Gott dem Volk Israel Jesus als Retter geschickt

IMPULS ZUR TAGESLESUNG AM DONNERSTAG DER VIERTEN OSTERWOCHE

Am letzten Freitag hatten wir in der Tageslesung aus der Apostelgeschichte von der Berufung des Paulus durch Jesus Christus vor Damaskus gelesen. Dass Paulus sich ganz in die Nachfolge Christi gestellt hatte, ist ihm zunächst nicht gut bekommen. In Damaskus verkündete er das Evangelium Jesu Christi, aber er scheint dabei nicht besonders gut angekommen zu sein, denn es heißt, er brachte die Juden in Damas- kus in Verwirrung, weil er ihnen darlegte, dass Jesus der Christus ist (Apg 9,22). Die Juden wollen ihn töten und er konnte sein Leben nur retten, indem er sich bei Nacht in einem Korb über die Stadtmauer abseilen ließ.

In Jerusalem trifft er zuerst auf das Misstrauen der Jünger, die in ihm immer noch den Christenverfolger sehen. Dann wird er von seinen früheren Freunden, den Juden aus der griechischen Diasporagemeinde, angefeindet und muss abermals fliehen, diesmal nach Tarsus. Von dort nimmt ihn Barnabas mit nach Antiochia am Orontes, eine große Hafenstadt und Kulturmetropole in Syrien. Erst dort und in der Zusam- menarbeit mit Barnabas scheint seine Verkündigung Erfolg zu haben: Dort wirkten sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und lehrten eine große Zahl von Menschen. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen (Apg 11,26).

Vom Erfolg bestärkt machen sich Paulus und Barnabas auf eine Missionsreise, die sie über Zypern nach Antiochia in Pisidien im Gebiet der heutigen Türkei führt. Die Predigt, die Paulus in der dortigen Synagoge hält, ist seine erste Ansprache, die im Wortlaut überliefert ist; in der Lesung des heutigen Tages wird sie wiedergegeben.

Wenn ich diese Predigt lese, dann habe ich den Eindruck, dass Paulus durch seine Misserfolge viel dazugelernt hat und jetzt alles ganz anders macht als am Anfang.

Es beginnt damit, dass er nicht an einem beliebigen Tag der Woche irgendwo, z.B. auf dem Marktplatz, spricht, sondern am Sabbat und in der Synagoge. Seine Pre- digt folgt auf die Lesung aus dem Gesetz und den Propheten. Damit steht seine Bot- schaft von Jesus Christus nicht beziehungslos im Raum, sondern knüpft an die Er- fahrungswelt und die Glaubenstradition seiner Zuhörer an.

Anders als Petrus in seiner Pfingstpredigt (Apg 2,14-16) erwähnt er nicht gleich am Anfang, dass die Juden Jesus Christus gesteinigt haben, und anders als Stephanus in seiner Verteidigungsrede vor dem Hohen Rat (Apg 7,2-53) tadelt er seine Zuhörer - die ja Juden sind - auch nicht dafür. Stattdessen bemüht er sich, eine Atmosphäre des Respekts und der Wertschätzung aufzubauen, indem er sie nicht als Juden, son- dern als Israeliten anspricht. Das Wort „Jude“ wurde vor allem von Außenstehenden benutzt und stellte ausschließlich auf die formale Religionszugehörigkeit ab. Der Name Israel wird dagegen auf den Stammvater Jakob zurückgeführt, der nach sei- nem Kampf mit Gott den Beinamen Israel = „Gottesstreiter“ erhalten hat. Wen man als Israelit anspricht, den bezeichnet man damit als dem Volkes Gottes zugehörig.

Paulus kommt es auch darauf an, keinen seiner Zuhörer auszuschließen, denn er wendet sich nicht nur an die Israeliten, sondern auch an die Gottesfürchtigen. Damit sind diejenigen gemeint, die in der Synagoge das Wort Gottes hören und sich in ih- rem Leben daran ausrichten, aber den entscheidenden Schritt des Übertritts zum Ju- dentum scheuen, weil sie die gesellschaftliche Ächtung fürchten. Damit stellt Paulus gleich am Anfang klar, dass die Erlösung durch Jesus Christus kein exklusives Ange- bot an die Juden ist. Ob sich jemand dem Volk Gottes gehörig fühlen darf ist keine Formsache, sondern eine Frage der Einstellung zum Wort Gottes.

Schließlich bemüht sich Paulus, seine Zuhörer nicht dadurch zu langweilen, dass er die Heilsgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk in epischer Breite erzählt. Den salomonischen Tempel als den Sitz Gottes erwähnt er -anders als Stephanus – überhaupt nicht, weil der für die Menschen in Kleinasien, weit weg von Jerusalem, keine Relevanz hatte. Dagegen ist es ihm wichtig, auf den König David hinzuweisen, denn nach der Überlieferung stammt Jesus aus dem Geschlecht Davids ab. Damit führt Paulus seine Zuhörer zu dem Kernsatz seiner Predigt: Gott hat dem Volk Israel Jesus als Retter geschickt!

Da ist keine Verwirrung mehr, sondern geistvolle Verkündigung, auf das Wesentliche beschränkt und voll Sympathie und Wertschätzung für die Zuhörer. So verkündet kann die Botschaft Jesu Christi nicht nur bei Paulus, sondern auch noch in unseren Tagen ihre Wirkung entfalten!

Stephan Rist,
Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim

stephan.rist@gmx.de

Telefon 07231 46 8556

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IMPULS 07.05.2020
Stephan Rist
Aus seinem Geschlecht hat Gott dem Volk
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