„Leben in Fülle"

Impuls zu Joh 10,1-10 am 4. Sonntag der Osterzeit 03.05.2020

Ehrlich gesagt: Mit den Masken habe ich so meine Schwierigkeiten. Ich seh lieber das ganze Gesicht. Offenes Visier. Nichts Verstecktes. Nichts hinten herum. Gerade heraus. Offen und ehrlich. Lieber gar kein Gesicht sehen als nur das Halbe. Lieber wissen wo ich dran bin, als rätseln müssen: Wer ist das überhaupt? Was will der oder die von mir? Der Bauch und das Herz wehren sich gegen diese halbverhüllten Gesichter.

Natürlichziehe ich mir auch einen Mund- und Nasenschutz an. Dort wo es vorgeschrieben ist. Beim Einkaufen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Selbstverständlich. Da bin ich schon bei klarem Verstand und weiß was in dieser Situation vernünftig und richtig ist. Nicht im Freien. Nicht in der frischen Luft. Nicht wo es gut möglich ist zwei Meter und mehr auf Distanz zu gehen. Aber wenn nötig und vernünftig: Selbstverständlich Maske auf.

Trotzdem fühle ich mich in den letzten Tagen immer mehr Hin- und Hergerissen. Zwischen Kopf und Bauch, Verstand und Herz. Kann nicht anders sein, wenn das was normalerweise gut und richtig, menschlich und natürlich ist, auf einmal schlecht und falsch, unmenschlich und unnatürlich ist. Auf Abstand gehen, statt Nähe wagen. Höchstens ein freundlicher Blick, statt eine herzliche Umarmung. Die Sehnsucht nagt auch an meinem Herzen, dass Enkel endlich wieder ihre Großeltern besuchen dürfen, dass unsere Krankenhäuser und Pflegeheime endlich wieder die Türen für Angehörige öffnen, dass wir bei unseren Gottesdiensten nicht ängstlich auf die Höchstzahl der Mitfeiernden schielen müssen, in die Versuchung kommen Eintrittskarten zu verteilen, oder vor lauter Desinfizieren gar nicht mehr zum Beten kommen. Ich sehne mich danach, dass wir unseren Glauben so wieder feiern können, wie es dem angemessen ist, was wir feiern: Mit offenen Türen und offen Herzen. Einladend und nicht ausgrenzend. Mit offenen Armen und offenen Herzen. Aus voller Kehle singend und nicht ängstlich darauf schielen müssen, dass ich ja unbedingt meine zwei Quadratmeter Abstand halten muss. Auch wenn mir mein Verstand klar und deutlich sagt, dass jetzt eben das Gegenteil angesagt ist und ich den größten Liebesdienst dadurch erweise, dass ich auf Abstand gehe… Wie gesagt: Hin- und Hergerissen…

Was Jesus wohl dazu sagen würde? Wie es ihm damit gehen würde? Weiß ich nicht. Kann ihn zwar fragen, kriege aber selten eine klare und deutliche Antwort. Jedenfalls: Alles reichlich Spekulatius. Aber kann ich ihn mir wirklich mit Maske vorstellen? Ihn, der klar und deutlich sagt, dass er nicht durch die Hintertür oder den Nebeneingang ins Haus kommt, nicht hinten herum heimlich, still und leise sondern eben durch die Haustür. Klar und deutlich erkennbar an Gestalt und Stimme, sogar für die Schafe. Er, der mit den Aussätzigen quasi auf Tuchfühlung geht. Andererseits: Was ist so ein Mund- und Nasenschutz schon gegen das Kreuz?! Er hat ganz anderes für uns auf sich genommen. Völlig ohne Grenzen und ohne falschen Stolz und bequeme Eitelkeit hat er seine Liebe mit offenen, verwundbaren Herzen verschenkt. Er wäre sich doch wohl nicht für einen so läppischen Mund- und Nasenschutz zu schade, wenn er uns damit nur irgendwie helfen und schützen könnte! – Auch da hin- und hergerissen.

Klar: Ich spüre schon auch und weiß, dass dies jammern und lamentieren auf ziemlich hohem Niveau ist. Gibt genügend, die froh wären um Mund- und Nasenschutz und Schutzkleidung in unseren Kliniken und Heimen. Erst recht irgendwo in Indien, oder im Kongo, oder in Peru. Es gibt viele, für die wäre mein Hin- und Hergerissen-Sein der pure Luxus, weil sie einfach ums Überleben, um die materielle und körperliche Existenz kämpfen müssen. Tag für Tag. So ist das halt leider in unserer Welt.

Und dann kommt einer, der sagt und zeigt, verkündet und lässt es alle spüren: Nein, so ist es nicht gedacht und nicht gemeint. Das ewige Hin- und Hergerissen-Sein ist nicht Sinn der ganzen Geschichte. Dass Menschen ohnmächtig leiden, von Krankheit, Armut, Elend, Not, Gewalt und Krieg bedroht sind, Tag für Tag ums Überleben kämpfen, für all das hat uns Gott nicht gemacht. Nein, nicht dafür. Sondern, dass sie das Leben haben und es in seiner ganzen Fülle haben. Darum geht es Jesus. Deswegen kommt Gott selbst in diese Welt. Dafür schlägt sein Herz: Dass wir das Leben haben und in seiner ganzen Fülle haben.

Nicht jetzt auf gleich. Nicht einfach so im Handumdrehen, easy-peacy. Es ist kostbar, dieses Leben in Fülle. Gott lässt es sich etwas kosten. Jesus zahlt seinen Preis. Sein Weg geht mitten hindurch durch Elend und Erniedrigung, Schmerz und die Nacht der Einsamkeit, durch „Corona-Dunkelheit“ und die Grausamkeit jeder Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun können. All das erspart er sich nicht auf dem Weg zum „Leben in Fülle“.

Es gibt ja nicht nur die Tage mit dem „Coronablues“. Es gibt auch die Stunden, in denen ich all das Positive in dieser Situation sehe und entdecken kann: Endlich wieder etwas mehr Zeit füreinander. Jeden Tag ein Spaziergang. Menschen, die auf einmal entdecken, dass sie Nachbarn haben und ihnen helfen. Solidarität, die um sich greift und dass endlich jene Beifall bekommen, die das schon längst verdient haben: Pfleger*innen, Verkäufer*innen, Reinigungskräfte aber auch unsere Erzieher*innen (die hoffentlich allesamt nicht nur warmen Applaus, sondern endlich auch mal anständigen Lohn bekommen!). Es gibt Augen-blicke in denen entdecke ich: Ja, es stimmt. Gott möchte Leben. Er möchte mein Leben. Unser Leben. Leben für alle. Leben in Fülle. Ich will es nicht vergessen…

Jürgen Werth hat recht, wenn er in einem meiner Lieblingslieder textet: „Vergiss es nie: Dass du lebst, war keine eigene Idee, und dass du atmest, kein Entschluss von Dir. Vergiss es nie, dass du lebst, war eines anderen Idee, und dass du atmest, sein Geschenk an dich. Vergiss es nie: Niemand denkt und fühlt und handelt so wie du, und niemand lächelt so wie du’s grade tust. Vergiss es nie: Niemand sieht den Himmel ganz genau wie du, und niemand hat je, was du weißt gewusst. Vergiss es nie: Dein Gesicht hat niemand sonst auf dieser Welt und solche Augen hast alleine du. Vergiss es nie: Du bist reich egal ob mit, ob ohne Geld, denn du kannst leben, niemand lebt wie du. Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Du bist du, das ist der Clou, ja der Clou. Ja du bist du…“

Georg Lichtenberger

 

 

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