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Impuls zur Tageslesung am Donnerstag der Dritten Osterwoche

Die Apostelgeschichte erzählt uns heute eine wahre Erfolgsgeschichte:

Da ist zunächst der Kämmerer der Königin von Äthiopien. Er war wahrscheinlich kein Jude, aber wohl ein Gottesfürchtiger, d.h. jemand, der mit dem Judentum sympathisierte und seine heiligen Schriften las. Er ist auf der Suche nach Gott und nimmt dafür große Anstrengungen auf sich, indem er von Äthiopien bis nach Jerusalem reist. Er war im Tempel, dem Ort der Gegenwart Gottes, aber offensichtlich hat er dort nicht das gefunden, was er suchte. Auch das Buch des Propheten Jesaja, das er auf dem Heimweg liest, bleibt ihm zunächst verschlossen.

Und dann ist da Philippus. Eben war er noch in Samarien, nördlich von Jerusalem, und jetzt wandert scheinbar ohne Plan und Ziel nach Süden durch eine einsame Gegend. Die beiden treffen aufeinander und einer Weisung des Heiligen Geistes folgend spricht Philippus den Äthiopier an. Die beiden kommen ins Gespräch und indem Philippus den soeben gelesenen Text aus dem Buch Jesaja mit dem Evangelium Jesu Christi in Verbindung bringt, scheint er alle Fragen des Äthiopiers beantwortet zu haben. Dieser bittet spontan um die Taufe, die Philippus auch sofort vollzieht. Der Äthiopier reist voll Freude nach Hause und Philippus kann wieder in den Norden zurückkehren, um dort weiter das Evangelium Jesu Christi zu verkünden.

Diese Geschichte erscheint fast zu schön, um wahr zu sein. Skeptiker werden jetzt sicher einwenden, dass die Apostelgeschichte voll von solchen idealisierenden Darstellungen sei. Das junge Christentum musste einfach seine Erfolgstories haben, notfalls wurde halt mit ein bisschen Fantasie nachgeholfen. Mit der Realität hat das freilich nichts zu tun, zumindest nicht mit der Realität, in der wir uns heute befinden.

Ich glaube, dass dieser Pessimismus nicht angebracht ist und dass solche Erfolgsgeschichten auch heute möglich sind, wenn die Umstände stimmen.

Ungewöhnlich ist zunächst der Ort des Geschehens. Verkündigung und Katechese finden bei uns doch fast ausschließlich in den Kirchen und Gemeindezentren, aber praktisch nie auf der Straße statt. Und so wie der Äthiopier im Tempel in Jerusalem nicht das gefunden hat, was er gesucht hat, ergeht es heute vielen Suchenden, die mit unseren Gottesdienstangeboten nichts anfangen können.

Das Positive an der Corona-Krise ist, dass sie den Prozess des Umdenkens bei der Suche nach neuen Wegen der Glaubenskommunikation und Evangelisation beschleunigt hat, erfreulicherweise auch bei einigen der deutschen Bischöfe. Umso irritierender ist es, wenn es anderen offensichtlich nur um die Frage geht, ob und wie wir möglichst bald wieder die Eucharistie feiern können wie vor der Krise. Die Eucharistie ist fraglos „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“[1] und als solche unverzichtbar. Wer aber seine ganze Energie darauf konzentriert, dem scheinen die zahlenmäßig immer kleiner werdenden katholischen Milieus zu genügen. Die Frage, wie es geschehen kann, dass sich das Wort Gottes ausbreitet und die Zahl der Jünger immer größer wird (vgl. Apg 6,7) bleibt dabei offen.

Ungewöhnlich ist auch die Spontaneität, mit der Philippus auf den Äthiopier zugeht. Wer selbst schon einmal so ein Gespräch geführt hat, der weiß, dass dies nicht geplant werden kann, sondern nur durch die Fügung des Heiligen Geistes geschehen kann. Wenn sich aber die Chance dazu ergibt, dann muss sie mit Entschlossenheit genutzt werden. Die Aufforderung des Apostels Petrus Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt (1 Petr 3,15b) gilt dabei nicht nur dem hauptberuflichen pastoralen Personal, sondern ist die Aufgabe jedes getauften und gefirmten Christen.

Beten wir also um den Heiligen Geist, dass er uns neue Wege und Orte zeigt, an denen wir mit den Suchenden unserer Zeit über unseren Glauben ins Gespräch kommen.

 

Stephan Rist, Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim

stephan.rist@gmx.de

Telefon 07231 46 8556

[1] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche (Lumen gentium), Abschnitt 11

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Impuls - 30. April 2020
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