Jesu verzeihende Liebe am Kreuz – ein Modell auch für uns?

In der heutigen Lesung wird die Steinigung des Stephanus, des ersten Märtyrers des

Christentums um das Jahr 40 n. Chr. beschrieben. Ausgangspunkt für die Wahl

des Stephanus von den Aposteln zu einem der sieben Diakone „von gutem Ruf und

voll Geist und Weisheit“ (vgl. Apg 6,3) war ein Streit zwischen den aramäischsprachigen Hebräern und den griechischsprachigen

Hellenisten. Letztere warfen den Hebräern vor, die Witwen mit griechischem Hintergrund bei der täglichen Versorgung

mit Lebensmitteln übersehen zu haben.

Daher oblagen dem Stephanus wie den übrigen sechs Diakonen die sozialen Aufgaben in der Urgemeinde, darunter die Betreuung der Witwen. Doch schon bald geriet Stephanus als exponierter Vertreter der Urgemeinde in einen Konflikt mit den hellenistischen Juden. Da sie ihm argumentativ nicht gewachsen waren, beschuldigten sie ihn der Gotteslästerung.


Er habe behauptet, Jesus von Nazareth wolle den jüdischen Tempel zerstören und die von Moses überlieferten jüdischen Gebräuche verändern, damit habe er sich einer Art Hochverrat schuldig gemacht. Mit flammenden Worten bekannte sich Stephanus vor dem Hohenpriester zu seinem christlichen Glauben und warf seinen Anklägern und deren Vätern vor, sich dem Heiligen Geist widersetzt, die Propheten verraten und getötet sowie die durch Moses überbrachten Gebote missachtet zu haben (Apg 7,1-53).

Doch die Menge umringte ihn und trieb ihn voller Zorn vor die Stadt. Unmittelbar vor dem Damaskustor wurde Stephanus der Überlieferung nach verurteilt und gesteinigt. Beeindruckend sind für mich seine letzten Worte „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“, während er zum Himmel blickte und „die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen“ sah (vgl. Apg 7,55).

Die letzten Worte Stephanus sind wie sein Testament, sie erinnern mich an Jesu Aufruf zur Feindesliebe und zur Versöhnung in Mt 5,44: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet ...“.

Jesus selbst hatte diese Worte nicht nur seinen Jüngern gepredigt, sondern bei seiner Lebenshingabe am Kreuz praktiziert. So lautete das erste der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Jesus betete sterbend noch für die Bekehrung seiner Feinde, weil Er sich danach sehnte, dass allen das Werk der Erlösung zugutekommen möge – auch uns! Warum also nicht einmal bewusst die Worte im Vater unser „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern ...“ beten, und dabei die Namen von Menschen einsetzen, die uns verletzt haben oder uns Feind sind. Wenn wir selbst Gottes Vergebung geschenkt bekommen haben, sollten dann nicht auch wir uns die verzeihende Liebe Jesu am Kreuz zum Ansporn nehmen, um denen zu vergeben, die uns ablehnen oder vielleicht aufgrund unserer Glaubenseinstellung verachten oder verleumden?

Doch woher kommt die Kraft, seine Feinde zu lieben und für sie zu beten bzw. sie zu segnen?

Bei der Taufe haben wir durch den Heiligen Geist die göttliche Tugend der Liebe ins Herz eingegossen bekommen. Aus eigener Kraft können wir es also nicht schaffen, doch der Heilige Geist ist es, der uns zur „Feindesliebe“ befähigt und der uns zu freimütigen Zeugen in der Welt machen kann, wie Stephanus.

Lassen wir uns von Gottes Geist leiten? Bitten wir IHN um seinen Beistand?

Ilona Sgrò, Gemeindereferentin

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28. April 2020, Jesu verzeihende Liebe.d
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