„Nichts wie raus?!“

Impuls zu Lk 24,13-35 am 3. Sonntag der Osterzeit 26.04.2020

„Gott sei Dank dürfen wir wenigstens noch raus…“. So sagen die meisten. So geht es auch mir, wenn ich meine Runde drehe. „Gott sei Dank, ist es bei uns nicht so wie in Italien, in Frankreich oder Österreich, geschweige denn New York. Wenn wir schon nicht im Straßencafé in der Sonne sitzen können, oder gemütlich im Garten mit Freund*innen grillen, unsere Kinder nicht in Schulen und Kitas können – wir dürfen wenigstens noch raus. Gott sei Dank!“ Wie schlimm wäre es bei diesem Wetter, bei dem herrlichen Sonnenschein und dem blühenden und strahlenden und sonnig-warmen Frühling in den eigenen vier Wänden sitzen zu müssen. Also mir fällt ja sowieso immer ziemlich schnell die Decke auf den Kopf. Auch wenn es überall heißt: „Zu Hause bleiben!“ – Mit Abstand und alleine, oder höchstens zu zweit ist das ja auch gar kein Problem: „Nichts wie raus!“

„Raus!“. Nicht sitzen bleiben in Trauer, Angst, Resignation, Ohnmacht. Nein die beiden bleiben nicht gelähmt und frustriert zurück. Die anderen verstecken sich in vermeintlich sicheren Häusern. Vergraben sich in ihrem Schmerz. Die beiden nicht. Ja, es hat schon etwas von Flucht: Weg von diesem Kreuz der Schande. Weg von ihren enttäuschten Hoffnungen. Nichts wie fort: Jesus ist tot. Da gibt es nichts zu ändern. Mit ihm ist ihre Hoffnung, ihr Glaube, ihr Vertrauen gestorben. Tot ist tot. Hier können sie nicht weiter leben. Vielleicht irgendwo anders. Vielleicht gibt es einen Neuanfang irgendwo, wo sie niemand kennt und wo noch nie jemand was von Jesus gehört hat. Am besten die ganze Geschichte zusammen mit Jesus vergessen und begraben. – So wäre es vielleicht weitergangen, wenn da nicht der andere dazu gekommen wäre. Der mit ihnen gegangen ist. Der gefragt hat und zugehört und dann – nach so manchen gemeinsamen Schritten, nach dem vielen Fragen und Hören – angefangen hat zu erklären: Musste dies nicht alles so kommen…

Ich kapier’s ja auch nicht. Wer schön, wenn da jemand mit mir läuft, einfach so dazu kommt. Sicherheitsabstand zwei Meter. Klar. Aber reicht ja zum Reden, zum Erzählen, zum Fragen, zum Zuhören. Wenn er oder sie mir dann eine Spur legen könnte wie in all dem Unsinn ein Sinn zu finden ist – wenn man es mit anderen Augen, mit Osteraugen sieht, oder aus anderer Perspektive... - Dieses Eingesperrt sein. Dieses nur in Gedanken, über komische Video-Clips oder live-gestreamt sich nahe sein können. Oder übers Telefon, wenn doch ein Besuch im Krankenhaus viel wichtiger wäre. Warum dieser Virus kein Erbarmen kennt und am wenigsten dort, wo es eh schon gnadenlos zugeht.

Aber da läuft niemand neben mir. Ab und zu kommt mir jemand entgegen. Oder ich überhol die eine oder den anderen. Kurzes Stehenbleiben. Ein Hallo und „wie geht’s?“. Wenigstens das dürfen wir noch. Gott sei Dank! Mehr als so kurze Gespräche im Vorübergehen und auf Abstand sind es ja nicht. Nichts Tiefschürfendes. Nichts Sinnerhellendes. Nichts Frommes. Aber wenigstens die Freude jemand zu sehen. Manchmal nur der freundliche Blick in die Augen. Ein Erkennen und Wissen umeinander, das da in einem Augen-blick aufflackert. Nähe und Mut: „Nur Mut in allem und trotz allem. Gut, dass wir einander haben – und wie auch immer: Gott ist mit uns unterwegs…“ Das ganze letzte halbe Jahr, seit den Sommerferien hab ich es mit meinen Drittklässlern gesungen, mit den Erstkommunionkindern in jedem Gottesdienst. Jetzt muss ich es halt tatsächlich auch mal glauben: „Gott ist mit uns unterwegs…“

Ab und zu kommt mir jemand entgegen und schenkt mir eine Ahnung, nur einen kurzen Augenblick lang: „Gott ist mit uns unterwegs…“ Immer noch. Trotz alle dem. Vielleicht gerade deswegen. Mein Unverständnis ist nicht weggeblasen. Mein Kopfschütteln bleibt. Mein Schreien und Klagen, wenn ich von unseren Geschwistern im Kongo höre, oder in Peru, oder die Bilder aus Indien, die Massengräber von Bergamo und Manhattan … Nein, es ist überhaupt nicht alles gut. So schnell wird auch nicht alles wieder gut. Der Weg ist weit. Vielleicht viel weiter als nach Emmaus und zurück. Aber keine und keiner von uns ist allein. Menschen sind mit mir unterwegs, die mich spüren lassen: Gott ist mit uns unterwegs. Bei uns. In uns. Zwischen uns. Mir näher als der eigene Herzschlag. Das tut gut – auch wenn nicht „alles“ gleich gut wird. Ich bin nicht verloren. Längst gefunden, wenn ich immer noch ohne Sinn und Orientierung am Suchen bin. Längst bin ich schon gefunden.

Die beiden Freunde wissen es vielleicht nicht. Aber sie spüren es ganz tief in sich drin. „Dass der dazu gekommen ist, das hat jetzt doch einfach nur getan. Das wollen wir noch ein bisschen genießen. … - Bleibe bei uns!“ Wenigstens zum Essen. Das gehört doch dazu. Wie die Rast auf einer Bergtour, oder das gemeinsame Abendessen nach der ausgiebigen Wanderung. Bei einem einfachen Essen und einem guten Schluck Wein nochmal die Bilder und Eindrücke des gemeinsamen Tages vorüberziehen lassen, einander erzählen. Ohne das, würde doch was ganz Wichtiges fehlen. Da macht Jesus mit. Da ist er dabei. Er macht sich nicht aus dem Staub. Auch jetzt nicht, wo er doch schon alles erklärt hat. Er bleibt – und bricht mit ihnen das Brot. Erst dann gehen ihnen wirklich die Augen auf…

Brot brechen… damit es mehr ist als „daran glauben“, mehr als mit dem Verstand daran festhalten. Damit es wirklich zu spüren, zu schmecken und auch mit dem Herzen zu begreifen ist: Gott ist wirklich mit uns unterwegs. Er ist bei und bleibt bei uns. Das tut uns unendlich gut – gerade, wenn wir äußerlich auf Abstand gehen müssen. Und wie das Brot sich in unserem Körper zu Energie und Kraft wandelt, so schenkt uns dieses Brot auch Kraft und Energie und Leben: Brot brechen! Nicht nur unter uns zwischen uns und für uns. Vor allem für andere. Für jene, die hungern und dürsten nach Brot und Wasser, nach medizinischer Versorgung, nach Beatmungsplätzen, nach Arbeit, nach Gemeinschaft, nach Angenommen und Verstanden-werden, nach Leben in ihrem täglichen Überlebenskampf.

Raus gehen, miteinander unterwegs sein, so wie es halt geht - und dann Brot brechen… In der Kirche klappt das mit dem Brot brechen im Moment nicht. Mit keiner Art von Gottesdienst. Aber zu Hause können wir das tun. So wie es die Freundinnen und Freunde Jesu in der Zeit nach Emmaus auch getan haben: Miteinander am eigenen Tisch von Jesus erzählen, zu Gott beten, ihm danken und bitten, klagen und ihn loben, einander von den eigenen Gefühlen, Sorgen, Nöten, Ängsten, Hoffnungen und Freuden erzählen, vielleicht sogar singen und dann miteinander Brot brechen und zusammen essen. Brot brechen gegen alles Zerbrechen in dieser Welt… und ich spüre ganz tief in mir drin: „Gott ist mit uns unterwegs!“

Georg Lichtenberger

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