Männer töten, Frauen zähmen

Impuls am 25. April 2020 zu Markus 16,15-20

Ein Drache, ein Krokodil, eine Schlange – sie sind sich ähnlich in der Bibel, wenn es darum geht zu sagen, dass man das Böse bekämpfen will. Und wir kennen da so einige Männer, Heilige, zum Beispiel Georg oder den Erzengel Michael, die ihrem Drachen den Garaus gemacht haben. Da mag man sagen: Bravo. Es gibt zu viel Böses auf der Welt.


Die Heilige Martha dagegen sang. Ja, diese Martha, Schwester von Maria in Lk 10, die sich sonst so viele Sorgen macht. Der Legende nach landete sie per Schiff in Frankreich und bezwang einen dort wütenden Drachen, in dem sie ihn singend zum Einschlafen brachte, ihn an die Leine legte und bestaunt durch das Dorf schlenderte. Gezähmt war er. Am Ende durch die rachedurstigen Dorfbewohner/innen zwar dennoch tot, aber nicht durch die Hand der Martha. Genauso wenig wie der eine oder andere Drache in so mancher Heiligenlegende, in der sich Frauen um das Übeltier kümmern. Da mag man sagen: Hätte mann es gewusst, hätte man das Schwert auch stecken lassen können. Vielleicht. Denn nicht ohne Grund geht ein Witz durch soziale Medien, ein gewisses Volk jenseits des Ozeans sei verwirrt in Coronazeiten, dass man ein Problem nicht mit dem Gewehr lösen könne.

Männer töten, Frauen zähmen. Gibt’s noch was? „Wenn sie Schlangen anfassen oder Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden“ (Mk 16,18) sagt der Evangelist im Tagesevangelium über diejenigen, die zum Glauben gekommen sind. Schlangenbisse waren so häufig wie gefürchtet im Alten Israel. So einen Satz kann man nicht ernstnehmen.

 

Aber: Nicht dass Gläubige unbeschadet Gift trinken könnten, sollte man ernst nehmen, sondern das Bild, das darin steckt: es gibt noch einen dritten Weg, wohl auch einen vierten oder fünften. Es gibt noch mehr Möglichkeiten, mehr als uns unsere oft engen Grenzen vorgaukeln. Und er bedeutet Heil.

 

Das was zerstörerische Bedeutung hat, kann ich töten. Das was gefährdende Bedeutung hat, kann ich zähmen, integrieren, damit leben. Oder das was lebensverneinende Bedeutung hat, hat keine Bedeutung, weil ich sie diesem nicht gebe. Kein Aufruf bedenkenlos Gift zu trinken, sondern ein Impuls, dem Bedeutung zu geben, das mein Leben befördert. Und dem weniger Aufmerksamkeit zu geben, das sich so viel Bedeutung nimmt und damit verhindert oder blockiert.

 

Mk 16,15-20 will sagen, dass es Zeichen gibt, an denen man erkennt, dass die Heilszeit angebrochen ist. Heil für die Seele, die ihr Zuhause gefunden hat, ihre Zeit hat und die durch die Fäden der Anderen nicht gezerrt, sondern gehalten ist. Heil ist, wenn man sich nicht mehr fürchten muss vor einer allerorten lauernden Gefahr (eines Schlangenbisses). Heil ist, wenn man das Gift einfach trinkt wie einen Schluck Wasser, weil man unbekümmert sein darf.

 

Heil ist weit weg. Aber warum der Schlange trauen, nur weil sie gerade näher ist?

Tobias Gfell

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