„Solange es das noch gibt“

Impuls zum 22. April

von Anita Ketterl


Im heutigen Evangelium heißt es:

Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. (Joh 3,16)

So gerne ich das lese – Gott liebt(e) die Welt – dieser Satz und die ganze Lesung werfen für mich genauso viele Fragen auf, wie sie beantworten:

Was bedeutet das, dass Gott die Welt liebt? Gehen nicht immer noch Menschen aller Glaubensrichtungen zugrunde? Kam Jesus Christus in unsere Welt, weil wir als Menschheit versagt haben, oder aus Sehnsucht nach uns Menschen, um uns nahe zu sein und uns zu zeigen, was seine Liebe bedeutet? Darüber kann man theologische Überlegungen lesen, eigene Lebenserfahrungen überprüfen und Gott im Gebet sagen, was einen bewegt und welche Fragen man sich stellt.

Ich musste beim Lesen des Evangeliums an einen Text aus dem Tagebuch von Anne Frank denken, die eine Ahnung davon hatte, was Liebe zur Welt bedeutet:

Aber ich schaute auch aus dem offenen Fenster über ein großes Stück Amsterdam, über alle Dächer, bis an den Horizont, der so hellblau war, dass man ihn kaum mehr sehen konnte. „Solange es das noch gibt“, dachte ich, „und ich es erleben darf, diesen Sonnenschein, diesen Himmel, an dem keine Wolke ist, so lange kann ich nicht traurig sein.“ Für jeden der Angst hat,

einsam oder unglücklich ist, ist es bestimmt das beste Mittel, hinauszugehen, irgendwohin, wo er ganz allein ist, allein mit dem Himmel, der Natur und Gott. Dann erst, nur dann, fühlt man, dass alles so ist, wie es sein soll, und dass Gott die Menschen in der einfachen und schönen Natur glücklich sehen will.

 

 

(verfasst 1942-44)

 

Zitiert aus: Verstehen durch Stille, Loccumer Brevier, Lutherisches Verlagshaus, 5. Aufl. 2001.

 


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