Entsetzen ist was für Anfänger

Zum Tagestext am 18. April 2020, Markus 16,9-15

Eigentlich hört das Markusevangelium schon in Vers 8 mit dem Satz auf: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt.“

Die Frauen am Grab Jesu. Eine nervenaufreibende Sache, diese Auferstehung: wenn Gott sich im Leben bemerkbar macht, ruft das Entsetzen hervor, selbst wenn es um so etwas Systemrelevantes wie Auferstehung geht.

Apropos systemrelevant: Die Berichte der Frauen und Männer, dass Jesus lebe, dass sie ihn gesehen hätten usw., das war für diejenigen, die das hörten nicht glaubhaft, das passte nicht in ihr System. Maria und so – nicht relevant.

Man kann viel erzählen, aber glauben kann man nur, wenn man etwas begriffen hat, wenn man etwas erfassen kann. Durchdringen einer Botschaft geht über die Sinne. Daher isst Jesus mit ihnen und sagt auch als Auferstandener: Leute, habt ihr nichts zu essen da? (Lk 24,41) Dann kann es sacken, die Nachricht, wenn es mit Essen verbunden ist, mit den Sinnen. Daraus erwächst Sinn, Verständnis, Erkenntnis, Glaube.

Es ist aber auch richtig nervig, wenn alle immer so schwer von Begriff sind. Die Jünger, die Alten, die Dummen, die Guten (naiv?) oder die Kinder (bestimmt naiv!). Wo doch wir schon alles begriffen haben, müssen die immer noch... und dabei liegt doch alles klar auf der Hand.

Zumindest dachten das wahrscheinlich diejenigen, die dann im 2. Jahrhundert n. Chr. den Schluss des Markusevangeliums noch mal erweiterten und 16,9-20 dranhängten. Mit Entsetzen hört man diese Geschichte doch nicht auf, wir sind doch schon viel weiter. Entsetzen ist was für Anfänger.

Und als ob Jesus für diese Anfänger keinen Nerv hätte, kein Gespür, wird ihm in den Mund gelegt, dass er diese Spätzünder mit Tadel belegt: „warum habt ihr nicht geglaubt, warum seid ihr so verstockt?“

Als ob sie was dafür könnten, unmittelbar Erlebtes nicht verstehen zu können. Die später Geborenen hatten es da viel einfacher.

Doch diese, die die Geschichten schon begriffen hatten, die scheinbar so sicher wussten, wie das lief mit der Auferstehung und dass man es doch längst glauben könnte, diese reden von moralischer Verpflichtung und wer nicht glaube, würde verurteilt werden.

Wie stehen wir denn heute da? Als Wissende oder als Anfänger? Ich glaube, eine Religion, die schon alles weiß, die ist wohl ziemlich alt geworden, vermutlich sind ihre Tage gezählt. Ein Glaube, der immer alles schon weiß und abgebrüht sein Verkündigungsgeschäft verrichtet, was soll dieser Glaube mehr sein als ein Machtapparat, der seine Anhänger dumm und klein hält.

Nein, die Basis sind Entsetzen und Anfänger/in sein. Denn jede Begegnung mit Gott, jeder Einbruch des Göttlichen - durch ein großes Glück, durch eine Krise oder Katastrophe, durch Entdeckung und Freude - jeder Einbruch Gottes ist ein Anfang, zu erahnen, wie Gott ist, während er uns nahe ist.

Viel weiter kommen wir nicht mit ihm, denn wüssten wir ihn, so grenzten wir ihn ein, dann wäre er aber nicht mehr Gott, der Ewige, der Unbegrenzte, sondern unser Instrument im Machtapparat der Kirchenversorgung (man muss nicht hauptamtlich sein, um dieses Instrument spielen zu können).

Nehmen wir mal an, sie könnten wählen, wo für Sie das Evangelium enden soll, in Mk 16,8 mit dem Erschrecken und Entsetzen, das Gott Gott sein lässt und uns in Bewegung hält, entdecken lässt und trotz aller Erschütterung die Nähe Gottes offenbart. Das ist übrigens hochinfektiös.

Oder Mk 16,9ff, der Jesus, der uns tadelt, weil wir es nicht blicken.

Ich weiß es schon. Manchmal.

Tobias Gfell

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Tobias Gfell
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