Impuls zu Ostern 2020 (Joh, 20,10-18)

Es ist aber auch zum Heulen. Da steht sie nun die Maria von Magdala vor dem leeren Grab. Nicht genug der tiefen Trauer, Erschütterung, des bleiernen Schmerzes über diesen Verbrechertod des geliebten Meisters. Nun kommt auch noch die Verwirrung dazu: Wo ist er nur? Das Grab ist leer. Leer ihr Herz, ihr Kopf, all ihre Sinne. Es dreht sich alles. Sie sucht nach Halt und greift ins Leere - traurig und verwirrt.

 


Es ist aber auch so manches zum Heulen in diesen Zeiten. Vor allem für jene, die in diesen Tagen trauern, natürlich auch für jene, die unter Krankheit leiden und für jene, die sich um geliebte Kranke Sorgen machen. Klar – Corona. Aber auch die anderen Krankheiten haben nicht aufgehört. Es gibt Chemotherapie und Operationen, Leben zwischen Hoffen und Bangen und Verzweiflung in unseren Kliniken und in unseren Wohnungen und Häusern, besonders dann wenn Angehörige nicht besuchen und begleiten dürfen. Kaum auszuhalten. Zum Heulen auch sonst so einiges in dieser Welt. Weil immer noch Kriege toben und Menschen auf der Flucht sind, weil es Hunger gibt und Not und Elend. So stehen so manche mit dieser Maria an den Gräbern ihres Lebens – heulend, traurig und verwirrt.

 

Aber immerhin steht sie da am Grab. Sie ist nicht sitzen geblieben. Nicht versteckt in der eigenen Kammer, nicht vergraben in ihrem Schmerz. Sie ist aufgestanden. In aller Frühe. Sie hat sich auf den Weg gemacht. Raus. Wenigstens zum Grab. „Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein…“ Sich in die Grabkammer hinein beugen. Schritte ins Dunkle wagen. Dorthin gehen, wo es ganz schwierig wird und eng, in die Nacht, in die Ungewissheit, in meine eigenen Abgründe, Zweifel, Sorgen, Ängste. Ich glaube damit beginnt Ostern.

 

Klar ich kann auch sitzen bleiben. In der leeren Kirche. Tut mir ab und zu ja auch ganz gut. Aber manchmal sitze ich auch jammernd und klagend dort. Die Kirche ist ja nicht erst in und durch diese Coronazeiten leer und immer leerer. Diese Zeit führt es nur nochmal zwangsläufig deutlich vor Augen: Unsere Kirchen werden immer leerer. Da kann ich also drin sitzen bleiben und jammern und klagen und mich bei den furchtbaren Zeiten, der gottlosen Gesellschaft, der unglaubwürdigen Kirche, bei den nichtsnutzigen Pfarrern oder sonst jemand beschweren. Hilft alles nichts. Ich bleibe sitzen in meinem Elend bis ich begreife: Auferstehung hat etwas mit aufstehen zu tun…

 

Seit Beginn der Einschränkungen durch den Coronavirus vergeht kaum ein Tag an dem ich nicht wenigstens eine Stunde raus gehe. Spazieren. Inzwischen stellt sich bei mir schon vor dem Spazierengehen eine gespannte Neugier ein: Wen ich wohl heute treffen werde? Weil ich treffe immer jemanden. Leute, die ich kenne oder nur vom Sehen kenne, oder gar nicht kenne und die mich trotzdem ansprechen: „Sind Sie nicht der Pfarrer?“ Manchmal entspinnt sich dann – natürlich mit gehörigem Corona-Sicherheitsabstand – ein Gespräch, das mir einfach gut tut. Oder ich habe das Gefühl: „Das war jetzt aber mal nett“, oder mir geht das eine oder andere noch nach, beschäftigt und bewegt mich. Klar, jetzt habe ich Zeit für diese eine Stunde am Tag Spazierengehen. Aber wieviel habe ich eigentlich Tag für Tag versäumt, wenn ich mir diese Zeit nicht genommen habe?

 

Sie meinte, es sei der Gärtner – die gute Maria von Magdala. Und ich meine manchmal es ist doch nur eine Spaziergängerin, oder die Verkäuferin im Supermarkt, oder ein alter Mann, oder ein kleines Kind, oder der oder jene, den und die ich schon ewig lang kenne. Dann ist es mir aber ab und zu doch so, dass ein Wort, ein Blick, eine Geste mir so richtig unter die Haut geht. Manches trifft mich so ins Herz, als ob jemand so ganz ohne Vorwarnung und aus heiterem Himmel heraus meinen Namen sagt. Kennen Sie das? Also mich berührt das dann immer ziemlich tief. Ich bin gemeint. Das geht zu Herzen. Ein Wort, ein Blick, ein Gespräch, eine Geste, die gut tun, neues Leben schenken, eine Perspektive eröffnen, mir Beine machen, mich hoffen lassen, dafür sorgen, dass mir Augen und Herzen aufgehen. Versäume ich alles, wenn ich traurig klagend, vor mich hin schimpfend im herrgottsleeren, toten Winkel der Kirche sitzen bleibe. Stimmt vielleicht wirklich: Auferstehung hat etwas mit aufstehen zu tun.

 

Wo ist eigentlich Galiläa? Bei Johannes nicht, aber in allen drei anderen Evangelien lässt Jesus durch die Frauen, die ersten Zeuginnen der Auferstehung!, seinen Jüngern ausrichten, dass er voraus nach Galiläa geht und sie nachkommen sollen. Wo ist eigentlich Galiläa? Natürlich genügt ein Blick auf die Landkarte, die ja in jeder guten Bibel hinten drin ist. Wenn nicht kann ich es googeln. Aber dann hab ich Galiläa immer noch nicht gefunden. Ich glaube das Galiläa das Jesus meint, ist nicht auf der Landkarte zu finden. Ist bestimmt kein Ort wie jeder andere auch. Galiläa ist dort, wohin Jesus unterwegs ist. Ich finde, es spricht einiges dafür, dass Jesus nach seiner Auferstehung dort zu finden ist, wo er auch vor seiner Auferstehung zu finden war. Bei den Kranken, bei den Ausgeschlossenen, bei denen, die aus vielen Wunden bluten, bei den Kleinen, den Armen, den Trauernden…

 

Das mit dem angeblich „ungläubigen“ Thomas ist für mich persönlich auch so eine Auferstehungs-Mutmach-Geschichte. „Wenn ihr mir schon nicht glaubt, wenn es euch schwer fällt mich zu finden und auf mich zu vertrauen, dann legt doch bitte Eure Finger in die Wunden. Berührt die Wunden dieser Welt. Geht dorthin wo die Verwundeten zu finden sind, in euren Familien, in euren Städten, in euren Wohnhäusern, an euren Arbeitsplätzen. Wenn ihr mich finden wollt, dann bleibt nicht sitzen. Auch nicht in euren Kirchen. Schon gar nicht klagend und schimpfend. Berührt liebevoll die Wunden eures Lebens, eure eigenen und die eurer Welt, eurer Mitmenschen – dort werdet ihr mich finden…dort ist Galiläa.

 

Der Gekreuzigte ist der Auferstandene und der Auferstandene bleibt der Gekreuzigte. Anders ist Jesus nicht zu haben und nicht  zu glauben. Kein Ostern ohne Karfreitag. Aber auch kein einziger Karfreitag ohne Ostern! Es ist die Liebe Jesu die sich ganz verschwendet und uns so alles schenkt, die uns auf die Füße stellt, die uns Beine macht, die uns aufbrechen lässt, die uns hilft ihn zu finden sogar und gerade in den Wunden unseres Lebens, es ist die Liebe, die stärker ist als der Tod. Wo die Liebe ist, ist Gott. Ubi caritas et amor – Deus ibi est! Dass es so für Sie Ostern wird – zwangsläufig ohne feierlichen Gottesdienst, den auch ich schmerzlich vermisse! – dass es für sie Ostern wird in Ihrem Leben, das wünsche ich Ihnen allen von ganzem Herzen!

 

Georg Lichtenberger

 

Download
Ostern 2020 Impuls.pdf
Adobe Acrobat Dokument 28.3 KB