IMPULS ZUR TAGESLESUNG AM GRÜNDONNERSTAG IM LESEJAHR A II (9. APRIL 2020)

Ich habe euch ein Beispiel gegeben

„Gehört die Caritas eigentlich auch zur Katholischen Kirche?“ Diese Frage wurde mir neulich gestellt, als es in einem Gespräch darum ging, wie sehr Unternehmen und Institutionen durch die Corona-Krise eingeschränkt werden. Diese Frage, die ich im Übrigen schon öfters gehört habe, hat mich ziemlich betroffen gemacht. Im Nachdenken darüber ist mir bewusst geworden, dass die Antwort darauf im Mittelpunkt des Evangeliums vom Gründonnerstag steht.


Das mag manchen erstaunen, denn wir kennen den Gründonnerstag doch als den Tag, an dem die Messe vom letzten Abendmahl gefeiert wird. Es hat aber schon seinen Grund, dass seit alters her der Text des Evangeliums am Gründonnerstag aus dem Johannesevangelium genommen wird und nicht aus einem der Evangelien nach Matthäus, Markus oder Lukas. Anders als bei diesen synoptischen Evangelien wird bei Johannes das Mahl selbst nur in einem Nebensatz erwähnt; stattdessen wird die Fußwaschung in den Mittelpunkt der Schilderung des Abschieds Jesu von seinen Jüngern gestellt.

Sehr aufschlussreich ist dabei der Dialog zwischen Petrus und Jesus. Petrus sieht nur das Äußerliche, den Reinigungsvorgang, und will diese scheinbare Geste der Unterwerfung nicht annehmen. Jesus erklärt ihm, worum es wirklich geht: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“. Es geht also nicht um Hygiene, sondern um Symbolik: In Kulturen, in denen barfuß oder in Sandalen gelaufen wird, ist die rituelle Fußwaschung ein Zeichen der Gastfreundschaft. In der Abschiedsrede, die sich an das Abendmahl anschließt, spricht Jesus von dem Haus meines Vaters, in dem es viele Wohnungen gibt. In der Verbindung mit diesem Text gesehen erschließt sich das Zeichenhafte der Fußwaschung als eine Vorwegnahme der gastfreundlichen Aufnahme der Jünger in das Reich Gottes.

Anders als sonst im Orient üblich hat nicht ein Sklave die Fußwaschung der Gäste erledigt, sondern Jesus selbst übernimmt diesen Dienst. Die Fußwaschung wird damit zu einem Zeichen der Selbsthingabe Jesu an uns, genauso wie wenn Jesus beim letzten Abendmahl die Worte … dies ist mein Leib … dies ist mein Blut … spricht.

Diese Selbsthingabe Jesu kann und darf nicht ohne Folgen bleiben!

Jesus fordert seine Jünger auf – und damit natürlich auch uns! –, seinen demütigen Dienst am Nächsten nachzuahmen und verspricht: Selig wird, wer danach handelt. Weil er uns so sehr geliebt hat, dass er für uns in den Tod gegangen ist, sollen auch wir bis zum Äußersten gehen. Dem Tut dies zu meinem Gedächtnis des Abendmahls entspricht deshalb seine Aufforderung Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

Damit ist offensichtlich, dass der Gottesdienst und der Dienst der Nächstenliebe untrennbar zu den Kernaufgaben der Kirche gehören, wenn sie dem Vermächtnis und Auftrag Jesu Christi treubleiben will. In der Eucharistie wird deutlich, dass wir nicht aus uns selbst heraus das Heil erschaffen können, sondern zutiefst erlösungsbedürftig sind. Im Dienst am Nächsten wird sichtbar, dass wir als Kirche nicht für uns selbst geschaffen sind, sondern für das Heil aller verantwortlich sind.

Das sollte eigentlich auch in der Wahrnehmung und im Selbstverständnis der Kirche zum Ausdruck kommen. Leider wird die Kirche heute von Außenstehenden - aber auch von vielen, die zu unseren Gemeinden gehören und in ihnen Verantwortung tragen - vor allem als eine Institution angesehen, die dem Gottesdienst und der Verkündigung verpflichtet ist. Die verbandliche Caritas scheint losgelöst von den Gemeinden zu agieren und wird nur als einer von vielen Anbietern in dem zunehmend von kommerziellen Interessen bestimmten Markt der Sozialdienstleistungen gesehen.

 

Für die Zukunft der Kirche wird es aber entscheidend sein, dass sie den zweifachen Sendungsauftrag Jesu Christi ernst nimmt und glaubhaft vermitteln kann, dass in ihr Gottesdienst und Dienst am Nächsten gleichwertig verwirklicht werden.

In den nun beginnenden Kartagen vollziehen wir das Leiden Jesu Christi nach. Dies könnte für uns ein Anlass sein darüber nachzudenken, wie wir die Aufforderung Jesu Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe verwirklichen können.

Bitten wir dazu Gott um seinen Segen.

Stephan Rist, Ständiger Diakon in der Seelsorgeeinheit Pforzheim

stephan.rist@gmx.de

Telefon 07231 46 8556

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