Ganz anders…

(Impuls zu Mt 21-1-11 zum Palmsonntag 05.04.2020)

Ganz anders als an anderer Stelle. Da kommt der Messias sonst ja schon mal auf den Wolken des Himmels daher. Mit Pauken und Trompeten. Mit Glanz und Gloria. Und jetzt? Auf einem Esel... Nichts gegen Esel. Aber das sind keine Schlachtrösser. Mit denen ist kein Staat zu machen und kein Krieg zu gewinnen. Esel taugen, wenn sie nicht gerade mal wieder störrisch sind, am besten als Lasttiere. Natürlich nicht für die feinen und teuren Güter. Feine Stoffe und Tücher, Gewürze und alles was sonst noch recht und teuer ist, das wird in langen Kamelkarawanen durch die Wüste transportiert. Esel nimmt man für das Gröbere. Zum Bauen vielleicht, oder für die Landwirtschaft, höchstens noch für den Oliventransport oder für die Arbeit im Weinberg.

Ganz anders… also dieser Jesus. Kein mächtiger Kriegsherr vor dem die Welt erzittert. Keiner, der auf Kosten von anderen mächtig ist. Kein herrschaftlicher König ganz weit oben vor dem ich buckeln muss und mich klein machen. Er kommt auf einem Esel daher. Eher auf Augenhöhe. Ich sehe ihn fast bescheiden und auch etwas verschmitzt lächeln: Ja, so ist das, wenn Gott mächtig ist in dieser Welt. Dann trägt er Lasten. All das was Menschen belastet und klein macht. Ängste, Sorgen, Versagen, Schuld, Ohnmacht, Krankheit, Trauer, Leiden unter Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Hunger und Leben müssen in Gewalt und Krieg – alles, was Menschen jemals belasten und drücken kann – das trägt Gott. Noch besser: Er trägt uns Menschen selbst. Jeden. Dich und mich. So ist Gott in dieser Welt. Und außerdem richtet er Menschen natürlich auf und er richtet sie nicht hin. Er schlägt keine Schlachten, sondern führt Menschen zusammen. Er verabscheut den Krieg und macht Mut zur Versöhnung. Er liebt das Leben und nicht den Tod! Für diesen Gott zieht Jesus nach Jerusalem ein. Auf einem Esel. Ich glaube auf dem reitet er auch für alle, die unter Lasten stöhnen, für alle, die geplagt sind von Sorgen, Ängsten und Nöten. Er reitet für die Kinder in den Trümmerstädten von Syrien, für die Mutter aus Äthiopien, die nicht weiß wie sie ihre hungernde Familie durchbringen kann, für die alte Frau in Kinshasa, mit Corona infiziert, aber kein Geld für den Arzt und erst recht nichts fürs Krankenhaus. Für all die reitet Jesus auf seinem Esel und zeigt: Genau für diese Menschen schlägt das Herz Gottes.

Ganz anders… ist es mir geworden als ich die Nachricht vom Tod Bruder Martins gehört habe. Ich bin geschockt und traurig. Er war für mich die Präsenz, die Gegenwart Afrikas in unserer Stadt. Er hat uns von Problemen und Nöten seiner Heimat erzählt und mit ihm konnte man über Ursachen und unsere Mitschuld, aber auch über Chancen und Möglichkeiten reden, wie mit kaum einem anderen. Vor allem habe ich sein Lachen im Ohr und es schwingt in meiner Seele nach. So richtig von Herzen, befreiend und ansteckend konnte er lachen. In diesem Lachen lag die Liebe zum Leben, die Hoffnung, die Lebendigkeit, die Freude trotz aller Probleme und Nöte eines ganzen Kontinents. Unentwegt hat er unter uns getrommelt für sein Land, für die Menschen Afrikas – aus dem tiefen Glauben an Gott heraus, dessen Kinder wir alle sind. Den Takt und den Rhythmus dieser Liebe Gottes hat er unter uns geschlagen – unfassbar, dass er nun so früh gehen musste… Wenn ich nun an Jesus denke, wie er auf seinem Esel in Jerusalem einzieht, dann sehe ich auch Menschen wie Bruder Martin neben ihm hergehen – mit Jesus unterwegs für seinen Frieden und für seine göttliche Menschlichkeit.

Ganz anders… als wir wollen, müssen wir uns in diesen Tagen verhalten. Es ist ja nicht nur, dass wir uns die Tasse Kaffee in der Frühlingssonne drunten in der Stadt verkneifen müssen, oder das erste Bier im Biergarten, oder das Eis auf der Wiese im Park. Viel schlimmer: Zuneigung und Liebe müssen wir durch Abstand ausdrücken, statt durch Nähe. Gerade zu jenen, die uns am meisten bedeuten und am Herzen liegen müssen wir den größten Abstand halten. Distanz statt Nähe, Rückzug statt Berührung, Kopfnicken aus der Ferne statt Umarmung – Gegensätze, die mir nicht leicht fallen und das Leben schwer machen. Widersprüche wie Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Heiß und Kalt, Nah und Fern, Hier und weg, Leben und Tod…

Ganz anders… geht es für Jesus weiter. Wir wissen es: Der Jubel verhallt schnell. Begeisterung wird zu Hass. Sehenden Auges reitet Jesus in all das hinein. Wenn einer um die Widersprüche des Lebens weiß, dann er. Er lässt sich festnageln auf seine Liebe, die andere befreit. Er geht zu Boden und richtet selbst da noch andere auf. Er erspart sich nichts, kein menschliches Leid, keine Not, keine Einsamkeit, keinen Schmerz, um in all dem bei denen zu sein, denen es ähnlich geht. Er erspart sich nichts, um für uns alles zu gewinnen. Seine große Liebe behält er nicht für sich, sondern gibt sich in ihr so hin und verschwendet sich in ihr, so dass wir leise erahnen können: Diese Liebe ist stärker als der Tod….

Ganz andere… als uns ging es damals Dietrich Bonhoeffer in seinem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und ihrer grausamen Unmenschlichkeit. Aber seine Worte und Gedanken helfen mir auch heute. Am Gründonnerstag sind es auf den Tag genau 75 Jahre, seitdem er ermordet wurde. Er schreibt einmal: Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen…in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt… „Teilbekommen an der Weite des Herzens Christi…“ – darum geht es für mich ganz besonders in der Karwoche. Mit Jesus ein weites Herz bekommen, es ganz weit aufmachen für jene, die jetzt besonders leiden, auch unter uns. Die Gottesdienste dazu fehlen in diesem Jahr sehr schmerzlich. Auch mir. Aber unsere Kirchen sind offen. Das Kreuz liegt vor dem Altar. Wir können uns erinnern und wir dürfen unsere Lasten, Sorgen, Ängste, Zweifel dort ablegen.

Ganz anders… wird dann an Ostern die Kirche aussehen. Ich freue mich auf blühende Äste und Blumen, die ausdrücken, was wir feiern: Uns blüht das Leben und nicht der Tod… Ich freue mich auf die Osterbotschaft und das Osterfeuer, das auch in diesem Jahr brennen wird. Ich freue mich auf die Osterlieder, die wir etwas einsamer, aber trotzdem hoffentlich nicht weniger von Herzen singen werden. … aber erst mal will ich neben Jesus herlaufen und neben dem Esel, der ihn trägt. Seine Wege mitgehen, so gut ich kann und in allem mein Herz ganz weit machen. Am liebsten mit Ihnen – so wie es im Moment eben gerade geht...

„Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“, sind die letzten Worte Bonhoeffers, von denen wir wissen. Auch in diesem Sinne möchte ich in dieser Woche neben Jesus hergehen, zusammen mit Dietrich Bonhoeffer und Bruder Martin und mit allen, die sich gerade so ziemlich am Ende fühlen, im festen Glauben, dass für Gott gerade darin die Chance des Anfangs liegt – vielleicht auch für uns...

Pfarrer Georg Lichtenberger
E-Mail: georg.lichtenberger@kath-pforzheim.de

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