In zerbrechlichen Gefäßen

Besondere Zeiten und Ereignisse prägen sich bei uns in eindrücklichen Bildern ein. Zu den prägenden Bildern dieser von der Corona-Epidemie gezeichneten Zeit gehören die Fernsehbilder, wie Papst Franziskus am Freitag der vergangenen Woche den Segen „Urbi et Orbi“ auf dem leeren, nächtlichen Petersplatz spendet. Die Bilder rühren mich an. In ihnen drückt sich die ganze Machtlosigkeit aus, mit der wir der Pandemie gegenüber stehen, die Ohnmacht, mit der wir Christen vor dem diesjährigen Ostern ohne gemeinsame Festgottesdienste dastehen. Tief in meinem Bewusstsein verankerte Rituale und Traditionen geraten ins Wanken.

Ich habe vor Augen, wie wir früher in meinem Elternhaus jedes Ostern mittags im Wohnzimmer vor dem Fernseher zusammensaßen und die Bilder aus Rom sahen. Auf dem Petersplatz jubelte die Menschenmenge, der Papst grüßte in verschiedenen Sprachen und erteilte den Segen für Stadt und Weltkreis. Ein Bild, das meine katholische Identität stark geprägt hat. Ein machtvolles Bild. Wir alle - und auch ich - ein Teil einer großen weltumspannenden Gemeinschaft, in diesen Momenten war es erfahrbar. Am Freitag vor einer Woche war es ganz anders...

Der Lesungstext zum heutigen Tagesheiligen Isidor von Sevilla stammt aus dem 2. Korintherbrief des Apostel Paulus:

 

„Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. (2 Kor 4, 6f)

Ja, wir tragen einen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen. Wir schließen diesen Schatz in goldglänzende Gefäße ein. Wir kleiden ihn gerne in kunstvolle Feiern und großartige Gesten.

Es schmerzt zu sehen, wie zerbrechlich die Gefäße doch sind, wie nackt und ohnmächtig die alten Rituale anmuten.

Aber gerade in ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit sind sie für mich menschlich, liebenswert und voller Würde.

In den Fernsehbildern des Segen-spendenden Papstes auf dem leeren Petersplatz wird – in den Worten von Paulus – „deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“ Es zeigt sich die verletzliche und schwache, aber mitleidsvolle und zutiefst menschliche Hoffnung, die sich auf Gottes Kraft, auf sein Licht, auf das Antlitz Christi richtet.

Möge das Osterfest unsere Hoffnung stärken!

Georg Hauser, katholischer Schuldekan Pforzheim

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In zerbrechlichen Gefäßen
Georg Hauser
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