Superstar ?

5. Fastensonntag

Jesus Christ Superstar! Der Sieger! Der Champion! Der Coolste der Coolen! Der Beste! Der Größte! – Ist es das was mir das Johannesevangelium gerade sagen möchte? … Jesus, der den schon halbaverwesten Lazarus aus dem Grab holt.Jesus, der Tote lebendig macht. Er macht das Unmögliche möglich. Wenn nichts mehr geht, geht bei ihm immer noch alles…. Wirklich der absolute Superstar, oder?

Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe…Da liegt er dann selbst auf dem Kreuz und wird aufgehängt am Marterpfahl der Schande. Da ist auch er am Ende. „Anderen hat er geholfen, jetzt soll er sich gefälligst selbst helfen…“ Und der Lazarus ist dann ja auch irgendwann wieder gestorben, sonst würde er ja noch heute leben. Also doch kein Superstar. Wenigstens keiner für die Autogrammjäger und die Casting Shows. Eher einer von uns. Genauso zerbrechlich. Genauso verletzlich, wie wir das zurzeit so heftig zu spüren bekommen. Genauso mit seinem Latein am Ende, wie ich nur allzu oft. Und der soll alles können? Der soll sogar die Schmerzgrenze des Todes durchbrechen? Leise Zweifel sind da wohl durchaus angebracht….

„Presente!“ – dieses Wort aus dem Impuls von Markus Schütz zum Gedenktag des Hl. Erzbischofs Oskar Arnulfo Romero aus El Salvador vom Beginn dieser Woche hallt immer noch in mir nach. So ist das in Südamerika und es geht mir unter die Haut und jagt mir einen Schauer über den Rücken, wenn ich dran denke: Wenn im Gottesdienst der Verstorbene genannt wird dann ruft die ganze Gemeinde lautstark: „Presente!“ – Anwesend! Hier und jetzt! Da! - Oskar Romero – „presente“, anwesend, hier und jetzt, da! – Miguel de Santa Cruz – „presente“, anwesend, hier und jetzt, da! Emma Meier – „presente“, hier jetzt, da! - Jesus von Nazareth – „presente“, hier und jetzt, da, anwesend! – Ganz egal was ich von ihm halte: Supermann oder Verlierer, König oder am Kreuz Gescheiterter – Jesus von Nazareth: „presente!“. Er ist einfach da. Auch wenn er damals in Bethanien scheinbar zu spät kommt: Gerade, dass er den Lazarus dann immer noch aus dem Grab ruft schreit es doch in die ganze Welt hinaus, oder flüstert es mir ganz leise ins Herz: „Ich bin doch da, anwesend, presente! Auch wenn ihr es nicht spürt. Auch wenn ihr es nicht glauben wollt. Ich bin da. In euren Gräbern und euren Tränen, in euren Zweifeln und Hoffnungen, in euren Träumen und bitteren Enttäuschungen. Ich bin da. Und dass ich da bin, liebend da bin, immer für euch da bin – das zieht sogar dem Tod den Stachel. „Presente!“

Und wer fehlt? Nicht nur weil heute der Misereor-Sonntag ist. Schon die letzten Tage ist es mir manchmal so durch den Kopf und durchs Herz gegangen. Klar: Wir sitzen alle vor der Coroana-Krise wie die Schlange vor dem Ei. Hören gar nichts mehr anderes, sehen gar nichts mehr anderes, als die neuesten Zahlen, die aktuellen Prognosen, haben Angst und drehen uns nur noch um den Virus und seine Folgen. Mehr als verständlich. So was hatten wir noch nie. Ich muss – wir alle müssen – wohl Tag für Tag lernen damit umzugehen – und das fordert unsere volle Konzentration und Aufmerksamkeit.

Trotzdem: Was ist eigentlich mit den Menschen, die vor zwei Wochen noch an der Türkisch-Griechischen Grenze fest saßen? Oder an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien? Was ist mit den Flüchtlingsströmen dort? Hat der Krieg Corona-Pause? Und all die anderen Kriege und Konflikte? Und die Menschen auf Lesbos oder Samos? All jene, die vielen in Afrika, Asien, Südamerika, die zum Leben zu wenig und zum Sterben gerade noch so zu viel haben? - Oder die Leute hier, die an der Armutsgrenze leben, denen jetzt vielleicht noch ein Lohn fehlt, oder mehr? – „Presente!“ Sie sind alle da. Hier und jetzt, anwesend auf dieser Erde. Sie leben mit uns. „Presente!“ – für sie ist Jesus da, anwesend mit seiner großen Liebe – presente!

Sie fehlen mir. Du und Du und Du - und Du auch – Sie alle fehlen mir! Ich bin kein Typ fürs Büro und den Computer. Eine Stunde, höchstens zwei. Dann muss ich wieder raus. Jemanden treffen. Mit jemanden reden. Mir fehlen Begegnungen, Gespräche, gemeinsam Ideen spinnen. Besuche bei denen, die es brauchen, fehlen mir und sogar Sitzungen und Konferenzen – und Gottesdienste. Ja, gemeinsam mit Ihnen Gottesdienst feiern, das fehlt mir sehr!!! - Das empfinde ich fast schon als brutal und schmerzhaft. Jeden Tag sitze ich zurzeit eine Viertel-/ Halbestunde – manchmal länger, manchmal kürzer – in der Kirche. Ich kenne ihre „Stammplätze“. Ich weiß ja wo Sie sitzen. Egal ob in St. Elisabeth, Liebfrauen, Würm, Huchenfeldoder Büchenbronn…. Ich schau nach drüben zu den kleinen Stühlen am kleinen Tisch. Unsere Kinderecke. Gesichter fallen mir ein. Kleine Menschen und große Menschen. Unsere Erstkommunionkatechetinnen, die Sprecherinnen von unserem Gemeindeteam, jene die sich für Brunch und Kindergottesdienste stark machen. Frauen, - es sind ja viele Frauen, vor allem Frauen, die unsere Gemeinde ausmachen und unsere Kirche tragen! - fallen mir ein. Klar auch Männer, Gesichter von Jugendlichen tauchen vor meiner Augen auf, und von Ehepaaren, die heiraten wollen, von Eltern, die ihr Kind zur Taufe bringen, von glücklichen und traurigen Menschen, ihre Gesichter sind in meinem Herzen. Die Bänke bleiben leer. Presente? Anwesend? Hier? Jetzt? Da?

„Herr, wärest Du hier gewesen…“, klagen Marta und Maria unisono. Aber vielleicht ist es gerade das, was Jesus uns sagen will, uns ins Herz flüstert: Ich bin ja da. Anders als ihr denkt. Nicht als der Retter in der Not. Nicht als Held. Nicht als Champion. Nicht als Superstar. Ich bin einfach da und mehr noch: Ich bin immer für euch da. Mit einer Liebe, die eure Fragen mit euch fragt, die eure Zweifel teilt, die eure Ängste kennt. Mit einer Liebe, die sich niemals aus dem Staub macht. Die leise ist, wenn billige Lösungen laut werden.. Die mit euch hinabsteigt in eure Abgründe und eure Dunkelheit mit euch aushält. Ja: Presente! Ich bin da im Todesgeruch dieser Welt und eures Lebens. Da gehe ich mitten hinein und mit euch mitten hindurch. Langsam, aber sicher. Presente! Ich bin da. Ich bin für Euch da. An jedem Tag. Egal was kommt!

Ich spüre: So wie ich die Menschen fühle, die in der leeren Kirche ja körperlich gar nicht da sind - und doch irgendwie neben mir sitzen, auf ganz ähnliche Weise gilt dieses: „Presente! Ich bin da! Hier. Jetzt. Anwesend! Für Euch da!“ - Ich spüre auch: Dass ich dieses „Presente!“ glauben kann, darauf setzen und bauen kann – davon hängt ganz schön viel ab. Verlieren wir einander nicht aus den Augen und nicht aus dem Herzen, wie auch Gott uns nicht aus seinem Herzen verliert. – Auch in diesem Sinne einen guten Sonntag und eine gute neue Woche, in der Sie spüren: Presente! Gott ist da und Menschen, die wir vermissen, die sind auch da: „Presente! Hier, jetzt, anwesend!“

Pfarrer Georg Lichtenberger
E-Mail: georg.lichtenberger@kath-pforzheim.de

Download
5. Fastensonntag A 29.03.2020 Impuls.pdf
Adobe Acrobat Dokument 39.9 KB